KolumneWarum der BVB nie wieder Deutscher Meister wird

Eine Flagge des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund weht in einem GartenIMAGO / Manngold

Vor zwei Jahren hatte es Borussia Dortmund noch einmal in der Hand. Nach einer überragenden Hinrunde und schwächelnden Bayern geriet die Meisterschale in greifbare Nähe. Doch der BVB griff nicht zu, Bayern München lag am Ende einmal mehr vorne. Dieses Jahr dürfte das zum zehnten Mal in Serie passieren und die Bundesliga wird ihrem neuen Ruf als Bauernliga wohl gerecht. So bezeichnet man Ligen, in denen es im Prinzip nur um Rang zwei geht. Frankreich ist mit PSG das andere Beispiel allerdings mit Ausnahme der Vorsaison.

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Dortmund in der zweiten Reihe

Für einen großen Verein wie Borussia Dortmund bedeutet dies, dass er weder national noch international bei den ganz großen Transfers und Spielern mithalten kann. Mit Geschick verpflichteten die Schwarzgelben vor Jahren Erling Haaland, nach der Saison dürfte der Stürmer aber weiterreisen. Bayern München hat die finanzielle Power, den besten Stürmer der Welt zu halten. Dortmund hat sie nicht. „Der Verein benötigte jüngst sogar eine Kapitalerhöhung an der Börse, um die Corona-Delle wettzumachen“, erläutert Stefan Riße, Kapitalmarktstratege beim Fondshaus Acatis.

Warum aber klafft die Lücke zwischen Bayern und dem Rest so weit auseinander, dass womöglich nur dann ein anderer Club Meister werden kann, wenn der Krösus einmal aus eigener Schwäche zurückfällt? Die Gründe liegen bekanntlich im Modus der Champions League und den TV-Geldern national und international, die die besten Vereine mit immer mehr Geld ausstatten. Die Nummer eins wird automatisch von potenteren Sponsoren gesucht, kann höhere Preise verlangen und scheut sich im Falle Bayern München auch nicht, Deals mit Sponsoren wie Katar einzugehen. So weit, so bekannt.

Wenn Fehler kein Problem sind

Doch der Faktor Fehlertoleranz wird häufig übersehen. Bayern ist mittlerweile derart kapitalisiert, dass der Verein sich auch einen Spielertransfer als Flop leisten kann, wenn der Spieler 30 oder 40 Millionen kostet. Schön ist ein Marktwertverfall nicht, aber verkraftbar. Borussia Dortmund tut so etwas weh, einen Verein wie Werder Bremen bringen schon zwei Fünf-Millionen-Flops an den Rand des finanziellen und sportlichen Ruins. Hinzu kommen Gründe, die in der Kapitalbindung von Clubs liegen. Bayern zieht mit seiner Allianz-Arena und gestützt von Groß-Sponsoren über Business-Logen so viel Geld an, dass das Stadion sich leicht von selbst trägt. Vereine wie Werder Bremen bauen Stadien mitunter in Eigenregie um, erhalten weniger TV-Geld, haben in strukturschwachen Gebieten weniger zahlungskräftige Sponsoren und dienen sich darüber hinaus auch keinen Mäzenen an.

Hier steckt für die Liga und deren längst verloren gegangene Ausgeglichenheit der nächste Fehler. Ein Blick auf die Tabelle offenbart mit Augsburg, Berlin, Hoffenheim, Leverkusen, Wolfsburg und natürlich Leipzig gleich sechs Vereine, die schon so viel falsch machen müssen wie Schalke 04 zuletzt, um am unteren Ende der Tabelle zu landen. Die vier letztgenannten sind für die Ränge zwei bis sechs jährlich fast fest gebucht. So hat sich eine Dreiklassengesellschaft etabliert, die besteht aus Bayern München, gefolgt von Borussia Dortmund plus vier Mäzen- bzw. Werksvereinen, die in Deutschland offiziell noch an die 50+1-Regel gebunden sind, und dem großen Rest von dem mal der ein oder andere oben reinschnuppern darf. Mehr nicht.

Kampf um die Kuchenkrümel

Der große Rest kämpft Jahr für Jahr darum, so wenig Fehler wie möglich zu machen, um nicht in Liga zwei abzurutschen. Viele trifft es dennoch und ab dann beginnt ein Lauf gegen die Zeit. Sinnbildlich dafür ist der Traditionsverein 1.FC Kaiserslautern. Vor einigen Jahren kämpfte er in der Relegation zur ersten Bundesliga noch um den Wiederaufstieg in einem finanziell völlig ungleichen Duell gegen das von Dietmar Hopp durchfinanzierte Projekt TSG Hoffenheim. Geld schlug am Ende Tradition, Hoffenheim blieb in Liga eins, Kaiserslautern rutschte gar bis in Liga drei durch.

Manch einer fürchtet Parallelen zum SV Werder Bremen. „Kaiserslautern wurde bei der WM 2006 für lediglich vier Turnierspiele mit dem finanziell völlig überzogenen Ausbau des Fritz-Walter-Stadions belastet. Mit diesem auch vom Land Rheinland-Pfalz sehr gewollten Ausrichterstatus leitete man den Absturz in Raten ein“, sagt Jürgen Molnar, Kapitalmarktanalyst beim Broker Robomarkets und ehemals als Fußballer selbst im Kader des FCK.

Denn Vereine wie Kaiserslautern oder Werder Bremen können in strukturschwachen Gebieten ohne Großsponsoren und Mäzene nicht Jahr für Jahr Fehler mit Geld kaschieren. Bremen musste ebenso wie Lautern sein Stadion aus Eigen- und Landesmitteln stemmen, dafür Zinszahlungen oder Miete entrichten. In Hoffenheim, Wolfsburg oder Leipzig wurden neue Stadien hingestellt und eine Mannschaft zusammengekauft, aus der man wiederum Transfererlöse erzielen konnte. Dass Hoffenheim-Unterstützer Hopp dann davon sprach, dass sich die TSG irgendwann selbst tragen würde, ist im Grunde nur als Scherz zu verstehen. Es mutet in etwa so an, als würde man seinem Sohn oder seiner Tochter ein Immobilienportfolio von 10 Millionen vererben und dann stolz behaupten, sie könnten von den Mieteinnahmen selbst ihr Auskommen bestreiten.

Liga bastelt sich selbst ihre Bauernliga

Die Inkonsequenz mit der die Liga daher Bayern immer stärker macht und Gelder systematisch nach München lenkt macht ein faires Titelrennen auf höchstem Level nahezu unmöglich. Von einer Meistersensation wie Kaiserslautern 1998 braucht man in der Bundesliga ohnehin nie wieder zu träumen. Aber auch beim BVB – börsennotiert hin oder her – wird es sehr kompliziert. „Der BVB liegt beim Umsatz weit hinter den Bayern und die Position des Meisters sorgt auch dafür, dass er in Asien höhere Einnahmen erzielen kann und bei den Trikotverkäufen weit vorne liegt“, so Kapitalmarktanalyst Molnar. Wer den Wert des letzteren Faktors unterschätzt, der möge die Verkäufe von Juventus Turin oder Manchester United mit Christiano Ronaldo analysieren.

Ändert sich nichts am Status quo, so werden in Deutschland nur wenige Titelspaß haben. Bayern ist als Meister gesetzt, weder Fans noch Aktionäre sollten sich beim BVB große Hoffnungen auf den Titel machen. Selbst Clubs wie Leipzig oder Leverkusen lassen die Bayern lässig hinter sich wie die Duelle dieser Saison zeigten. „An der Börse ist der BVB übrigens gerade mal gut 500 Mio. Euro wert“, stellt Gil Shapira, Chefstratege beim Broker Etoro ernüchternd fest. Die jüngsten Beteiligungsrunden der Partner bei Bayern München ließen die Milliarde als Unternehmenswert dort weit hinter sich. Ein Ziel, das Dortmund wohl auch erst in vielen Jahren erreichen kann – wenn überhaupt. Auch die Aktie bleibt damit zu einer Hälfte eher ein Fan- und Liebhaberinvestment.

Dass diese Lage manchem Bayern-Fan mit im Prinzip gutem Gespür für Wettbewerb suspekt ist, zeigte Uli Hoeneß jüngst in einem Radiopodcast. Er betonte zwar die Stärke seiner Bayern, geriet dann aber doch spürbar wehmütig ins Schwärmen über den SC Freiburg oder die früheren Fahrten auf den Lauterer Betzenberg. Geld schießt zwar Tore, Tradition und Emotion kann es dann aber doch nicht ersetzen.

 


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