BörseWarum Chinas Techaktien Misstrauen entgegenschlägt

Tencent-Zentrale in ShenzhenIMAGO / VCG

China-Investoren haben harte Tage hinter sich. Die Kurse vieler chinesischer Internet- und Software-Unternehmen haben in der vergangenen Woche deutlich nachgegeben. Der Grund: Peking hat angekündigt, die Branche strikter regulieren zu wollen. Nicht, dass die Firmen bisher hätten tun können, was sie wollen. Im November erst verhinderte die chinesische Regierung den Börsengang von Alibabas Fintech-Tochter Ant Group. Der Aktienkurs von Alibaba, nach eigenen Angaben Chinas größter IT-Konzern, ist seitdem um fast 40 Prozent gefallen. Die Turbulenzen der vergangenen Woche waren da eher eine Randnotiz. Ebenso bei mehreren anderen chinesischen Techfirmen, etwa Tencent, dessen Aktienkurs sich bereits seit Februar in einem Abwärtstrend befinden.

Tencent Holdings Aktie

Tencent Holdings Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Die Regulierungspläne sorgen bei Anlegern aber für weitere Unsicherheit und lassen die Frage laut werden, wie kalkulierbar der Handel mit chinesischen Aktien eigentlich ist. Die Antwort: nicht sehr. Immer wieder grätscht die chinesische Regierung mit Verve in den Kapitalmarkt. Dabei folgt sie zwar aus ihrer Sicht durchaus logischen Überlegungen. Die erschließen sich Anlegern aber nicht auf den ersten Blick, geschweige denn, dass sie offen kommuniziert würden. Die Kombination aus Skrupellosigkeit und Geheimniskrämerei macht regulatorische Risiken, die es natürlich auch anderswo gibt, in der Volksrepublik besonders unberechenbar.

So haben die jüngsten Regulierungen zwar „Big Tech“ zum Ziel, verschonen aber Unternehmen, die Hardware produzieren. Das liege vermutlich daran, dass Peking versuche, eine heimische Halbleiterindustrie von Weltrang aufzubauen, erklärt DZ-Bank-Analyst Christian Kahler. „Bereits vor einigen Monaten betonte Präsident Xi, dass ‚Hard Tech‘ wertvoller sei als Produkte, die ‚nur‘ das Internet verbessern“, sagt er. Die strengeren Regeln für Internetkonzerne könnten also Ausdruck einer sich wandelnden Industriepolitik sein und damit aus Sicht der chinesischen Regierung naheliegend. „Es bleibt jedoch fraglich, inwieweit Anleger daran interessiert sind, in einen Aktienmarkt zu investieren, an dem über Nacht die Regeln zum Nachteil der Anleger geändert werden“, sagt Kahler.

Investoren halten chinesischen Techaktien die Treue

Darüber, ob eine strengere Regulierung tatsächlich von Nachteil ist, kann man streiten. Auf lange Sicht könnte es die Chancen kleinerer Unternehmen verbessern, wenn die Marktmacht der Platzhirsche beschnitten wird. Und: Die neuen Regeln klingen vernünftig, sehen unter anderem einen besseren Arbeitsschutz vor. Zum Teil seien sie aber wohl auch politisch motiviert und zielten im Rahmen des immer noch schwelenden Handelskrieges auf internationale Investoren ab, sagt Robert Samson, Anlageexperte bei Nikko Asset Management. „Unserer Meinung nach liegt die Hauptmotivation in der Innenpolitik. Hinzu kommt eine Prise politischen Muskelspiels.“

Trotz solcher Unwägbarkeiten halten Profi-Anleger chinesische Techaktien nach wie vor für ein vielversprechendes Investment. Der aktuelle Abschlag für die politischen Risiken sei übertrieben, urteilt Samson. Ähnlich äußert sich Juliana Hansveden, Portfoliomanagerin bei Nordea Asset Management, die Alibaba, Tencent und Meituan weiterhin übergewichtet. „Wir glauben, dass die regulatorischen Risiken hier mehr als eingepreist sind“, sagt sie. Zugleich messen Marktbeobachter chinesischen Technologiekonzernen weiterhin enormes Wachstumspotenzial bei.

Wer starke Nerven hat und mit Regulierungsrisiken zurechtkommt, kann die Schwäche der chinesischen Tech-Platzhirsche zum Einstieg nutzen. Anleger sollten dann allerdings gut überlegen, auf welchem Weg sie investieren. Mehrere chinesische Konzerne sind an US-Börsen gelistet. Wer denkt, dass ein solches Investment weniger riskant wäre als ein Investment in Konzerne, die ausschließlich an chinesischen Börsen notiert sind, irrt: Die Unternehmen stehen gleich von zwei Seiten unter Beobachtung. Sowohl US-amerikanische als auch chinesische Behörden könnten sie künftig stärker ins Visier nehmen, prophezeit Hansveden.