AktienWarum Atomkraft Europas Finanzmärkte spalten könnte

Kernkraftwerk NeckarwestheimIMAGO / imagebroker

Das Interesse an grünen Geldanlagen wächst auch in der Corona-Krise rasant. Doch bislang ist für viele Anleger schwer nachzuvollziehen, welche Investitionen wirklich nachhaltig sind. Das könnte sich mit der neuen EU-Taxonomie ändern: Die EU-weite Verordnung soll künftig bestimmen, welche Geldanlage klima- und umweltfreundlich ist, und damit Investoren klare Entscheidungshilfen an die Hand geben. Befürworter erhoffen sich dadurch einen Schub hin zu einer klimafreundlicheren Wirtschaft, doch die neuen Vorschriften sind umstritten: Die Taxonomie soll Europa zwar vorrangig klimaneutral machen, lenkt jedoch zugleich die Kapitalflüsse in bestimmte Wirtschaftszweige. „Die Taxonomie ist eine wesentliche Grundlage dafür, private Anlagen in nachhaltige Unternehmen zu mobilisieren“, bestätigt Valdis Dombrovskis, Handelskommissar der Europäischen Union. Brüssel bestimmt also maßgeblich mit, wohin künftig Milliarden an Investitionen fließen.

Umso kontroverser ist, dass die EU-Kommission am Mittwoch (21. April) im ersten Teil der Taxonomie, dem sogenannten delegierten Rechtsakt, der die Kriterien festlegen soll, eine der eher brisanteren Fragen ausklammerte: Nämlich, ob Investitionen in Energiequellen wie Atomkraft und Erdgas nachhaltig sind oder nicht. Eine endgültige Entscheidung darüber könnte erst im Dezember erfolgen.

Es ist nicht völlig abwegig, dass Atomkraft-Investments bald zum EU-Katalog der grünen Geldanlagen zählen. Immerhin haben Experten der gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission Atomkraft jüngst in einem Gutachten als nachhaltig eingestuft. Nach diesem Gutachten will die Kommission im Dezember ihre Entscheidung ausrichten. Dabei hatte keine vier Monate zuvor ein anderer EU-Expertenrat explizit davon abgeraten, Atomenergie in die Taxonomie aufzunehmen.

Sollten Atomenergie offiziell als nachhaltig gelten, dürfte sie für Fondsmanager und Anleger in der neuen, grünen Investmentwelt deutlich interessanter werden. Die Taxonomie wird zwar zunächst nur Investmentfonds und Lebensversicherungen regeln, Zertifikate sind davon zum Beispiel noch ausgenommen. Doch Finanzexperten, erwarten, dass der eigentliche Einfluss des Regelwerks noch weit darüber hinaus geht: Staaten oder Banken könnten sich immer dann auf die Taxonomie beziehen, wenn sie entscheiden müssen, ob eine Investition klimafreundlich ist.

Das Hin und Her zeigt, in welchem Spannungsfeld die Kommission zurzeit agiert. Seitdem sich die EU darauf verständigt hat, nachhaltige Finanzprodukte zu regulieren, lobbyieren Interessensvertreter der Energieversorger, Umweltschützer und EU-Mitgliedstaaten um die Wette. Aktivisten wie Matthias Weyland, Vorstand der Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“, fordern den klaren Ausschluss von Kernkraft-Investments. „Atomkraft jetzt über das Nachhaltigkeitslabel der EU-Taxonomie Vorteile auf dem Finanzmarkt und damit eine indirekte Förderung zu verschaffen, ist grotesk“, sagt er. Tatsächlich stehen Länder wie Polen, Bulgarien und die Tschechische Republik bereits in den Startlöchern und planen den Bau neuer Atomkraftwerke.

Eine Einordnung der Atomkraft als grüne Brückentechnologie würde vor allem Energieversorgern, die weiterhin an Atomkraft festhalten, in die Karten spielen. Dem neuen Regelwerk könnte es am Ende aber schaden. „Die EU-Taxonomie lebt von ihrer Glaubwürdigkeit und Integrität“, sagt Matthias Kopp, Leiter des Bereichs Sustainable Finance beim WWF Deutschland. „Als Goldstandard für nachhaltiges Investieren muss sie klaren wissenschaftlichen Kriterien folgen.“

Letztlich überlässt die unschlüssige EU-Kommission nachhaltig orientierte Energie-Anleger erst einmal weitgehend sich selbst. „Die EU-Taxonomie hat eine relevante regulatorische Weichenstellung für mehr nachhaltige Investitionen verpasst“, kritisiert Nina Roth, Fondsmanagerin bei BMO Global Asset Management. Laut der Expertin hat „der Markt bereits die Wegweisung übernommen“.

Unabhängige Nachhaltigkeitssiegel wie das belgische „Towards Sustainability“ oder das Siegel des deutschen Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG) „haben bereits hohe Einschränkungen für Atomkraft und werden ihre Anforderungen eher von Jahr zu Jahr noch erhöhen“, sagt Roth. Das FNG-Siegel, das als Gütezeichen für nachhaltige Investmentfonds auf dem deutschen Markt gilt, schließt Investments in Kernenergie sogar vollständig aus. Ob eine atomkraftfreundliche EU-Taxonomie daran etwas ändern würde, ist fraglich.

 


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