KolumneWarum Aktien eine neue Werbebotschaft brauchen

Christian Kirchner
Christian Kirchner, Capital-Chefkorrespondent in FrankfurtGene Glover

Die knapp zehn Millionen Leser der „Bild-Zeitung“ haben in dieser Woche einen Befehl erhalten, auf der Seite eins, in Großbuchstaben: „Was Sie mit 5000, 20.000, 50.000 Euro machen müssen“ stand da unter der Überschrift „Wie Sie jetzt Ihr Erspartes retten“.

So etwas, ich gebe es zu, „zieht mich rein“. Worum geht es also? Bemerkenswerterweise urteilte die Zeitung nicht nur, dass an den „Verlusten“ für Sparer (also risikolose Zinsen minus Inflation) die Europäische Zentralbank „Schuld“ sei – eine eigenwillige Interpretation, schließlich beeinflussen eine Menge Dinge die Zinsen und die andere Seite der Gleichung bleibt außen vor. Also etwa Ausgaben des Staates und damit der Steuerzahler für Zinsen oder Zinsen auf Baugeld.

Der „Befehl“ selbst hat es auch in sich: Wer ihm gehorcht, soll je nach Anlagesumme zwischen 50 und 80 Prozent der Summe in Aktien stecken. Darauf liefen die empfohlenen Allokationen für Anlagebeträge zwischen 5000 und 50.000 Euro hinaus.

Was hier passiert, ist bemerkenswert: Eines der reichweitenstärksten Medien des Landes hat sich vollständig die Haltung zu eigen gemacht, dass Deutschland ein Riesenproblem mit der sicherheitsorientierten Anlagestrategie der meisten privaten Haushalte hat. Hintergrund: 41 Prozent des Geldvermögens privater Haushalte liegt in Bargeld und aktuell kaum noch verzinsten Einlagen, in toto 2300 Mrd. Euro – es herrscht, so die Zeile, „Geld-Alarm“. Und dass dagegen nur Aktien helfen, denn „wer in der Zinskrise Gewinne machen möchte, kommt an der Börse nicht vorbei“.

Die immer gleichen Argumente verfangen nicht

Nun wissen Sie als regelmäßiger Leser von Capital und auch meiner Beiträge, dass wir der Aktienanlage konstruktiv gegenüberstehen. Eine deutlich größere Zahl der Aktionäre, mehr Begeisterung für langfristiges Aktiensparen täte uns auch volkswirtschaftlich gut. Und mehr Aufklärung kann gewiss nicht schaden. Dazu stehen wir weiterhin.

Nur sind die Niedrigzinsen kein neues Phänomen und auch noch lange keinen Grund für „Alarm“. Und: Was man in der Hektik eines „Notstands“ oder „Alarms“ tut oder um irgendetwas zu sichern oder zu retten, ist mutmaßlich nicht unbedingt durchdacht. Für mich steht fest: Das Trommeln für Aktien und rentablere Fonds mit dem immer gleichen Argument, etwas gegen den Zinsnotstand tun zu müssen, ist zwar nicht gänzlich, aber in der Breite krachend gescheitert. Die Deka als Wertpapierhaus der Sparkassen etwa hat im ersten Halbjahr dreimal mehr Zertifikate als Aktienfonds verkauft.

Und dass die ewige Leier der Nullzinsprobleme zwar durchaus bei Immobilienkäufern, nicht aber bei Anlegern verfängt, spüren in diesen Tagen auch der Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Ex-Investmentbanker Lenny Fischer mit ihrem „Zukunftsfonds“. Dessen Rücknahmepreis sinkt seit Auflage Ende 2017 sogar noch ein wenig schneller als die Kaufkraft von Sparbuchbesitzern, die er ansprechen soll. Nach einer gigantischen PR-Kampagne in allen deutschen Leitmedien kommt er auf gerade einmal 14 Mio. Euro Fondsvermögen, von denen – bitte halten Sie sich fest – aktuell drei Viertel in Fest- und Termingeldern und Bankguthaben liegen und nur sieben Prozent in Aktien.