PleitefondsVorsicht vor dubiosen Anlegeranwälten!

Doppeltes Pech: Erst verlieren sie ihr Vermögen, dann geraten sie auch noch an den falschen AnwaltGetty Images

An einem Morgen im Januar 2016 glaubt das Ehepaar Wustrow*, das Glück in den Händen zu halten. Es ist ein Brief, beidseitig beschrieben, und als sie durch sind, haben Thomas und Marie Wustrow wieder Hoffnung, ihr Erspartes doch noch zurückzuerhalten: 45.000 Euro, die sie sieben Jahre zuvor in Immobilienfonds der S&K-Gruppe gesteckt hatten. Ein Finanzvermittler hatte ihnen das als sichere Investition verkauft, zehn Prozent Rendite inklusive. Sogar ihre Bausparverträge hatten sie dafür aufgelöst.

Ein paar Jahre später war S&K pleite. Das Geld ist wohl weg.

In dem Schreiben des Deutschen Verbraucherschutzrings lesen sie, es gebe noch einen Weg, an ihr Geld zu kommen. Sie müssten nur Anwälte beauftragen, die der Verein empfiehlt. Heute, nachdem das Hamburger Paar Hunderte Euro für Rechtsberatung ausgegeben hat, sagt Thomas Wustrow: „Ich fühle mich von den Anwälten betrogen. Sie haben uns in ein sinnloses Verfahren getrieben.“

Wenn ein Schiffsfonds absäuft, einer dubiosen Windenergiefirma die Puste ausgeht, wenn eine Immobilienfirma abrissreif ist, stehen sie auf der Matte: Anlegeranwälte. Sie wollen Sparern helfen, wenigstens einen Teil ihres Vermögens wiederzubekommen, wenn sie auf Betrüger hereingefallen sind. Seit einigen Jahren boomt die Zunft: Verhandelten Gerichte im Jahr 2010 noch 3700 Kapitalanlagesachen, waren es laut Statistischem Bundesamt 2016 gut 17.600. Allerdings geht längst nicht jedes Verfahren aus wie von den Klägern erhofft. „Mindestens 50 Prozent der Verfahren dürften von vornherein aussichtslos sein“, schätzt Peter Mattil, einer der renommiertesten Anlegeranwälte der Republik.

Hinter der steigenden Zahl an Verfahren verbirgt sich nicht nur ein gestiegenes Selbstbewusstsein von Anlegern, sondern auch eine ziemlich zwielichtige Masche von Rechtsanwälten: Sie locken Investoren mit der Aussicht, verlorenes Geld zurückzuholen – und prellen sie so oft ein zweites Mal. Für die Kontaktaufnahme nutzen sie vermeintlich redliche Anlegerverbände und salbungsvolle Anschreiben. Gegen Mitglieder der Kanzlei PWB in Jena ermittelt gar die Staatsanwaltschaft Gera -wegen Betrugs. „Manche Kollegen sind die Pest schlechthin“, wettert Mattil. Und die Finanzexpertin Gabriele Schmitz von der Hamburger Verbraucherzentrale warnt: „Was da läuft, kann den Ruf der Anwaltschaft ruinieren.“

Geschickte Tarnung

Vor Thomas Wustrow, einem schmalen Mann mit schmalem Gesicht, liegt ein blauer Ordner: eine S&K-Werbebroschüre, ein Schreiben des Insolvenzverwalters, der Brief des Deutschen Verbraucherschutzrings. Die Wustrows haben auf das Schreiben geantwortet, weil sie der Verbraucherschutzbezug überzeugte. „Verbraucherschutz, das ist doch neutral und unabhängig“, sagt Wustrow. Sie übersahen, dass der private Verein keine Verbraucherzentrale ist, die Geld vom Staat erhält.

Der Verein nennt den Wustrows den zuständigen Vereinsanwalt: die Kanzlei PWB Rechtsanwälte aus Jena. Das Paar ahnt nicht, dass so manche Anwälte mit Anlegerschutzvereinen verbandelt sind: Laut Vereinswebsite ist Kanzleichef Philipp Wolfgang Beyer Gründer des Verbraucherschutzrings. PWB schickt den Wustrows einen Vorschlag: Sie könnten ein Güteverfahren mit dem TÜV Süd anstrengen, der S&K geprüft hatte und dabei Fehler gemacht haben soll. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittle deshalb. Das TÜV-Siegel, meint PWB, habe S&K eine Seriosität verliehen, auf die Anleger vertraut hätten. Jetzt müsse der TÜV beziehungsweise dessen Versicherung womöglich Schadensersatz zahlen, was sich in einem außergerichtlichen Güteverfahren klären lasse. „Dieser Ansatz wirkte frisch und versprach eine Lösung, aber wenig Streit“, sagt Wustrow.