ExklusivDas Geschäft mit insolventen Schiffsfonds

Die ehemalige Margara ist eines der Fondsschiffe, das in Niebüll Insolvenz angemeldet hatte
Die ehemalige Margara ist eines der Fondsschiffe, das in Niebüll Insolvenz angemeldet hatte
© Jon Segui

Für Tausende Anleger in Schiffsfonds muss es wie Hohn klingen. Ein 17-seitiges Strategiepapier der Hamburger Kanzlei Pier 11 beschreibt, wie Banken und Investoren aus insolventen Schiffen Kapital schlagen können, mit denen private Investoren zuvor viel Geld verloren haben. Das Papier, das Capital vorliegt, schwärmt von einem „idealen Markt­umfeld“ im achten Krisenjahr.

Das Konstrukt sei „für beide Seiten sehr vorteilhaft“, heißt es: Die Banken könnten sich auf einfachem Wege der steigenden Kapitalkosten ihrer Problemkredite entledigen. Und Investoren hätten die Möglichkeit, Schiffe mit Erholungspotenzial günstig zu erwerben. Explizit wird darauf verwiesen, dass die „beschriebene Transaktion“ auch bei einer Fondsstruktur möglich sei.

Rund 600 deutsche Fondsschiffe sind in den vergangenen Jahren in die Pleite gefahren, private Anleger haben dabei Hunderte Millionen Euro verloren. Für die bedeutet eine Insolvenz meist den Totalverlust. Viele müssen sogar die Ausschüttungen der vergangenen Jahre zurückzahlen.

Gesucht: Kooperationswilliger Insolvenzverwalter

Seit einiger Zeit drängen jedoch US-Finanzinvestoren wie Oaktree oder KKR auf den Markt. Sie bieten Banken an, deren notleidende Kredite (NPL) abzukaufen – zu günstigen Preisen. Subventioniert wird der Deal quasi durch das Geld der Anleger, die im Insolvenzverfahren leer ausgehen. Anschließend fahren die Schiffe unter anderer Flagge weiter. Die Überkapazität, die zu den niedrigen Frachtraten führt, bleibt. Und damit auch die Krise.

In dem Papier mit dem Titel „Erwerb von Schiffen durch NPL-Transaktion und geordnete Insolvenz“ wird deutlich, dass das Konstrukt von einem „kooperationswilligen Insolvenzverwalter“ abhängt. Dabei muss der laut Verordnung vor allem eines sein: unabhängig. Unter „Vorbereitung des Insolvenzantrages“ heißt es: „Ggf. sollte eine Verlegung des Sitzes der KG erfolgen, insbesondere wenn als Insolvenzgericht das AG Hamburg zuständig wäre.“ Dort gebe es einen Richter, der die Gläubigerrechte bei der Bestellung des Verwalters nicht immer berücksichtige. Die Anwälte warnen: „Die Einsetzung des gewünschten Insolvenzverwalters könnte ohne Sitzverlegung scheitern.“

Manipulation des Gerichtsstandortes

Nach dem Geschäftssitz richtet sich das Gericht. Der Richter wiederum bestimmt den Insolvenzverwalter. „Ich habe es immer abgelehnt, solche Praktiken zu unterstützen“, sagt der Hamburger Richter Frank Frind, Vorstandsmitglied im Bundesarbeitskreis Insolvenzgerichte. Der Insolvenzexperte Hans Haarmeyer spricht gar von einer „Manipulation des Gerichtsstandortes“. Leider gebe es „übernahmebereite Gerichte“, die jene Fragen, die jeder Richter zu stellen hat, um Manipulationen zu verhindern, nicht stellten.

Als ein solcher Richter galt der Direktor des Amtsgerichts im nordfriesischen Niebüll. Dutzende Schiffsinsolvenzen gingen schon über seinen Schreibtisch. Und stets wurden die gleichen Verwalter bestellt. Capital berichtete im April 2014 am Beispiel des Tankers Margara darüber, dass plötzlich viele Gesellschaften kurz vor der Insolvenz ihren Sitz nach Sylt verlagerten. Als Adresse diente ein Briefkasten, den eine Bremer Firma betrieb, die sich als „Dienstleister für Insolvenzverwalter“ beschreibt. Sie stellte auch die neuen Geschäftsführer. An dem Prozedere hat sich bis heute nichts geändert, nur die Adresse lautet anders. Ob Niebüll aber der Friedhof der Fondsschiffe bleibt, ist fraglich. Der Amtsdirektor, gegen den mehrere Strafanzeigen wegen Absprachen mit Verwaltern gestellt wurden, wechselte Anfang des Jahres nach Husum.

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