Daniel Saurenz Von Netflix bis Biontech: Wenn Aktien außer Kontrolle geraten

LOS ANGELES, CALIFORNIA - OCTOBER 07: The Netflix logo is displayed at Netflix's Los Angeles headquarters (TOP) on October 07, 2021 in Los Angeles, California. The IATSE union which represents Hollywood’s film and television production crews voted to authorize a strike, calling for better working conditions and higher pay amid a surge in streaming demand. Negotiations are ongoing but a strike may be imminent. (Photo by Mario Tama/Getty Images)
Die Netflix-Aktie wurde diese Woche fürchterlich abgestraft
© Mario Tama / Getty Images
Börsenhandel war schon immer ein schwankungsfreudiges Geschäft. Doch die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass viele Investoren dringend auf die Couch müssten

Sind Sie Netflix-Nutzer? Schauen Sie gerne neue Serien und haben ein Gefühl für Jahreszeiten? Dann haben Sie womöglich ein besseres Aktiengefühl als mancher Großinvestor. Vielleicht sogar ein besseres als Bill Ackman, immerhin ein bekannter Hedgefondsmanager. Denn als Reaktion auf den Kurskollaps bei Netflix und die jüngsten Zahlen des Streaminganbieters wurden Aktien wie wild auf den Markt geschmissen. Derartige Übertreibungen waren zuletzt von Biontech über Zoom, Peloton, Moderna oder Fraport häufig am Markt zu beobachten.

Dabei ist die Analyse zu Netflix doch nicht allzu komplex. Die Coronapandemie führte zunächst dazu, dass vom Säugling bis zum Greis nahezu jeder begann Serien per Streaming zu konsumieren. Gleichzeitig sorgten Corona-Sanktionen dafür, dass weltweit fast keine neuen Formate produziert werden konnten. Mit dem Ende der Pandemie in den demokratisch entwickelten Industrieländern und dem Beginn des Frühjahrs drängten die Menschen entweder nach draußen oder waren des Streamingkonsums schlicht überdrüssig. Hinzu kam, dass von Disney über HBO bis Amazon auch die Konkurrenz zunahm. Gegenwind für Netflix mit Ansage trat ein, der Kundenzuwachs nahm sogar ab. Fundamental problematisch, doch nicht völlig überraschend und vor allem – korrigierbar.

Doch blickt man durch die aktuelle Lage hindurch, so lässt sich ein Szenario für den Herbst entwickeln und damit für das vierte Quartal 2022. Es wird in vielen Teilen des Globus wieder winterlich, die Tage kürzer, die Lust auf TV wird steigen. Gleichzeitig wird über das Jahr 2022 produziert auf Teufel komm raus. Demzufolge wird im Herbst eine Fülle neuen Materials auf Gesellschaften und Kunden treffen, die ein halbes Jahr Sommer und lange Tage genossen, um sich dann wieder an Netflix zu erinnern. Auch dank Werbung. Wer Spaß daran hat, kann den Kurs der Aktie über 2022 hinweg verfolgen und den Newsflow drüberlegen. Antizyklisch und auch im Vergleich zur Konkurrenz, die gegenwärtig immer angeführt wird – was auch zutreffend ist.

Nerven behalten

Doch die Zyklik ist das große Problem am Aktienmarkt. Als Biontech bei 400 Dollar notierte geisterten Kursziele von 1000 Dollar durch den Markt. Kaum jemand wollte hören, dass Menschen bald keine Lust mehr auf Impfungen verspüren würden. Auch konnten sich 2021 viele nicht vorstellen, dass Zoom nicht auf ewig Kommunikationsmittel bleiben würde oder sich reiche Menschen mit Peloton-Bikes in den Keller setzen würden. Alle genannten Aktien rasten nach Hypes nach unten, viertelten ihren Kurs mitunter.

Auch in Deutschland wurde mancher Trend überzogen. Brokeraktien starteten durch als würde jedermann und jedefrau täglich traden und so waren Flatex oder Wallstreet Online zeitweise sehr hochgeflogen. Bei letztgenannter übersehen die meisten jedoch nach dem Abflauen des Hypes, dass beispielsweise bei Wallstreet Online 2022 operativ durchaus guter Newsflow anstehen könnte. Man übersieht hier und da die Details zu Lasten der Trendfolge.

Auch Shop Apotheke, Zalando oder Hello Fresh fallen in die Kategorie von Aktien, bei denen Anlegerinnen und Anleger mit Ruhe die Nerven behalten sollte. Zeitweise hatte man den Eindruck als würden alle Deutschen sich auf Jahre von Kochboxen, Lieferdiensten und Medikamenten vom Versand ernähren und sich ausschließlich bei Zalando einkleiden und bei Home24 einrichten. Die Aktien waren auf dem Höhepunkt der Pandemie nicht so gut wie sie gemacht wurden, doch sollte sich jeder fragen, ob sie jetzt so schlecht sind wie der Kurs aussagt.

Vor vielen Jahren gab es unter Börsianern einmal den Spaß, dass Anleger immer dann Aktien von Kali und Salz kauften, wenn es im Winter schneite. Tagesgleich verkaufte man damals die Fraport-Aktie. So fantasielos als würde es monatelang schneien und lange kein Flugzeug abheben. Wir sind überzeugt, dass man am Aktienmarkt gut durchkommen kann, wenn man sich Übertreibungen zunutze macht. Nach oben wie nach unten.

Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com



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