Interview„Trump hat die Dolchstoßlegende schon parat“

Die Augen der Aktienhändler sind derzeit auf den Ausgang der US-Wahl gerichtetdpa


Hendrik Leber, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Acatis, ist am heutigen US-Wahltag in der Hoffnung auf eine Entscheidung nicht extra früher aufgestanden. Er habe ja ohnehin keinen Einfluss auf das Ergebnis, meinte er im Gespräch mit Capital. Aber etwas Schöneres als das jetzige Warten hätte er sich durchaus vorstellen können. Die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Ausschreitungen in den USA sei dadurch gestiegen. Was das für den Aktienmarkt bedeutet.


Herr Leber, derzeit ist nicht klar, welcher der beiden Präsidentschaftsanwärter Donald Trump oder Joe Biden das Rennen machen wird. Bei einem knappen Sieg Bidens ist davon auszugehen, dass Trump die Wahl anfechten wird. Was halten Sie von diesem Szenario und mit welchen Auswirkungen auf die Märkte rechnen Sie?

Es ist der Worst Case, also das schlimmste. Je schneller Klarheit herrscht, umso besser ist es für Investoren. Aus Sicht der Märkte wäre jetzt wohl ein Wahlsieg Trumps eher ein Garant für zumindest kurzfristig positive Stimmung. Alle würden sagen, dass das gut sei, weil er wirtschaftsfreundlich ist, auch wenn das gar nicht stimmt…

…wieso stimmt das denn nicht?

Er stellt sich immer als der große Dealmaker hin. Aber geliefert hat er bis auf ein Nachfolgeabkommen des „Nafta“ mit Kanada und Mexiko nichts. Die Defizite gegenüber dem Ausland, auch im Handel mit China, sind auf einem Rekordhoch. Dabei hatte er den Abbau versprochen. Zu einer freien Marktwirtschaft gehört es zudem dazu, dass neue Unternehmen in den Markt stoßen können und Innovationen geschützt werden. Das macht Trump auch nicht.

Mit welchen Konsequenzen rechnen Sie im Falle eines knappen Wahlsiegs des demokratischen Kandidaten Bidens?

Trump hat ja schon mit seinen Anschuldigungen eines Wahlbetrugs eine Dolchstoßlegende parat. Wird die Wahl vor einem Gericht entschieden, könnte es in der Zeit davor zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen. Was ich in den letzten Jahren in der Administration um Trump beobachtet habe, gleicht mafiösen Strukturen. Da geht es nicht um Loyalität zur Demokratie und ihren Institutionen, sondern um Loyalität zum Boss. Wer das nicht ist, dessen Kopf rollt. Trump mobilisiert seine Anhänger in einer Art, wie wir sie in Deutschland aus der Weimarer Republik von den Nazis kennen. Oder an was denken Sie, wenn Trump-Anhänger Waffen demonstrativ zur Schau stellen, Gouverneure entführen wollen und Demokraten mit Gewalt am Wahlkampf hindern? Das ist einschüchternd. Während eines Gerichtsverfahrens dürfte Trumps Mobilisierung die offen ausgelebte Aggression auf den Straßen verstärken. Und es führt natürlich auch zu Unsicherheit an den Märkten. Die nächsten zwei bis drei Monate könnten für Investoren hart werden. Wir bei Acatis haben einige Sicherungen eingebaut. Auf Sicht von zwölf Monaten sehe ich aber durchaus positiv auf den US-Aktienmarkt.

Würden Ausschreitungen und anhaltende Unsicherheiten Anleihemarkt und Goldpreis befeuern?

Ich erwarte, dass der Goldpreis sehr deutlich nach oben gehen dürfte, wenn es Unruhen gibt.

Wie wird die Wirtschaft angeheizt?

Biden mit Konjunkturprogrammen und Trump mit Geldgeschenken. Die sind in gleicher Weise fatal.

Warum, die beugen doch einem schnellen Einbruch der Binnenkonjunktur vor?

Aber in den Köpfen der Leute ist nicht verankert, dass ihnen das irgendwann vom Vermögen abgezogen wird. Zum Beispiel in Form von höheren Steuern, weil die für die Geldgeschenke aufgenommenen Schulden beglichen werden müssen. Oder in Form von Inflation.

Wie konnten die Demoskopen übersehen, dass Trump so knapp an Biden dran ist?

Ich hätte ja erwartet, dass sie aus der Mega-Prognose-Pleite von vor vier Jahren gelernt haben. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall. In den USA geht ein Riss durch die Gesellschaften mit einem ländlichen Mittelteil, eingeklemmt zwischen der urbanen West- und Ostküste. Deren Meinung geht in die Erhebungen nicht ein. Dort herrschen oft tradierte Weltbilder von Gut und Böse vor. Was mir dabei aber nicht in den Kopf will: Wie kann eine Frau einen sexistischen Grabscher wie Trump wählen? Wie kann ein Evangelikaler einen Ehebrecher wie Trump wählen, der keinen Satz aus der Bibel zitieren kann? Das ist schizophren.

Und warum schaffen es die Demokraten inhaltlich nicht, sich gegen einen Kandidaten Trump durchzusetzen?

Biden war kein überzeugender Kandidat. Er steht für nichts und ist zu alt. Aber eine Alternative, die einen Konsens hätte schaffen können, gab es bei den Demokraten auch nicht. Inhaltlich sind die Demokraten zersplittert, es gibt kein Leitmotiv. Demokratie und westliche Werte ziehen kaum, dazu ist die US-amerikanische Bevölkerung zu binnenorientiert. Wir in Europa sehen die USA als Leitnation für die Welt, während viele US-Amerikaner den Unterschied zwischen „Sweden“ und „Switzerland“ nicht kennen. Durch den Rückzug der USA aus der Weltpolitik entsteht ein Vakuum.

Wer wird es füllen?

Letztlich haben nur die Chinesen dafür den Willen und die ausreichende Wirtschaftskraft.

Sollten Anleger also zunehmend auf asiatische Aktien schauen und sich von US-Aktien abwenden oder hängt das gar nicht zusammen?

Die Verschiebung an den Weltkapitalmärkten von den USA in Richtung China ist voll im Gange. Die zukünftigen Champions kommen mehrheitlich von dort.

 


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