KolumneSprüche wie „Nice Girls don't get rich“ bringen Frauen nicht weiter

Dani Parthum Tom Salt

Charmant, freundlich und reich – das scheint selbst im 21. Jahrhundert für Frauen immer noch unerreichbar zu sein. Sie müssen sich wie bei der Sendung „Herzblatt“ entscheiden: entweder reich, garstig und gemein – oder freundlich und charmant, dafür arm. Reich und nett ist nicht drin, also reich im Sinne von viel Geld Haben. Das jedenfalls suggerieren Buchtitel wie das vor einigen Jahren erschienene und jüngst ins Deutsche übersetzte „Nice Girls don’t get rich“.

Direkt übersetzt heißt das: Freundliche – oder auch nette – Mädchen werden nicht reich. Ins Gegenteil gekehrt bedeutet es: Nur unsympathischen oder hartherzigen Frauen winkt der Mammon im Überfluss.

Bei solchen Buchtiteln habe ich gar keine Lust zuzugreifen. Sie bedienen das Bild der finanziell unmündigen Frau und offenbaren die tief verwurzelten, stereotypen Vorurteile und Rollenzuweisungen gegenüber Mädchen und Frauen in unserer Gesellschaft – hier in Bezug auf Geld. Nett oder garstig. Arm oder reich. Entweder oder. Auf jeden Fall nicht: Ich entscheide autonom nach meinen Werten und darauf basiert mein (auch finanzieller) Wohlstand.

Selbst gekauft oder angeheiratet?

Wie ist das bei Ihnen? Fallen Ihnen solche Mann-Frau-Stereotype auf? Stellen Sie sich diese Szene vor: Sie stehen am Straßenrand. Neben ihnen parkt ein Mercedes SL gerade ein, aus dem eine fröhliche Frau um die 40 aussteigt, gut frisiert, über der schlanken Figur einen klassischen cremefarbenen Wollmantel. Eine elegante, sympathische Erscheinung. Und, was denken Sie?

Variante 1: Respekt, die Frau muss ein gut laufendes Unternehmen haben oder vielleicht verantwortet sie in einem Großkonzern die Geschäftsführung? Variante 2: Na, was deren Mann wohl für ein Unternehmen hat, oder vielleicht einen Job als Banker oder Rechtsanwalt?

Was haben Sie gedacht? Variante 1 oder 2? Oder 3: Reich geerbt? Ich tippe auf Variante 2.

Geld gilt hierzulande als Männersache. Unsere gesellschaftlichen Rollenzuweisungen sind selbst nach zweieinhalb Jahrhunderten weiterhin geprägt vom Denken des Philosophen und Pädagogen Jean-Jacques Rousseau und seinem Hauptwerk „Émile oder Über die Erziehung“ und seiner ergänzenden Schrift „Sophie oder Die Frau“. Beide Werke beeinflussen die Gesetzgebung in Europa und Deutschland bis heute.

Während Émile, der Mann, sich frei und autonom gemäß seiner Talente und Neigungen entwickeln darf, einen Beruf ergreift und in Gesellschaft und Politik aktiv ist, wird Sophie zu seiner Frau erzogen. Ihre Pflicht ist es, ihrem Mann zu gefallen, ihm das Leben angenehm zu machen und die Kinder großzuziehen. Die Frau als abhängige Dienerin, Haushälterin, Kindermädchen, Geliebte  ohne Talente, ohne Beruf und ohne politische, kulturelle, wissenschaftliche, gesellschaftliche Gestaltungskraft. Reichtum? Nur durch Émile, den Mann.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Wir alle können Glück und Geld haben

Die bundesrepublikanische Gesetzgebung folgte bis Ende (!) der 1970er Jahre diesem Frauenbild. Bis 1969 galten Frauen in der Ehe als geschäftsunfähig. Erst 1977 erhielten sie das Recht, über ihre Berufstätigkeit selbst zu bestimmen. Bis dahin mussten sie wie Kinder ihren Mann um Erlaubnis bitten. Das ist erst 44 Jahre her.

Diese Entmündigung hallt bis heute nach, in Vorurteilen und Stereotypen. Sie schlägt sich in Lohnlücken nieder, in asymmetrisch verteilter Care-Arbeit, in geringeren Karrierechancen, ungleicher Bewertung von Talenten, im Unterhalts- und Steuerrecht und damit im Zugang zu wirtschaftlicher Teilhabe.

Und sie entscheidet mit über die Art und Weise, von welchen Gedanken wir uns beim Geld leiten lassen. Ob wir Geld – und Reichtum – als positiv empfinden oder als negativ, als stärkend oder stressig. Das ist nicht angeboren, sondern gelernt. Die Wissenschaft hat dafür vier Haupteinflussfaktoren identifiziert. Der wichtigste Einflussfaktor sind als Vorbilder die Eltern. Dazu formen gesellschaftliche Rollenzuweisungen und die eigene, rechtliche Stellung die Einstellung zu Geld sowie das gesellschaftlich-kulturelle Umfeld, in dem wir aufwachsen wie Krieg, Hyperinflation, Planwirtschaft oder religiöse Einflüsse.

Die Soziologin Birgit Happel hat für diese monetäre Sozialisation ein griffiges Wort geprägt: Geldbiografie. Wenn Frauen (und natürlich auch Männer) das Ziel haben, finanziell vermögend – und damit unabhängig – zu werden, geht der kürzeste Weg über die eigene Geldbiografie und dem Erkennen der Geldhaltung. Diese lässt sich anschließend nach den eigenen Werten und Wünschen verändern. Reich sein ist nicht gekoppelt an Schwein sein oder garstig sein. Geld verdirbt auch nicht den Charakter, es verstärkt ihn. Und wir alle können Glück und Geld haben. Nicht Glück oder Geld.

Geld ist das, was wir daraus machen, weil Geld eine Sache ist und damit neutral. Deshalb muss es heißen: Selbstbestimmte Frauen werden reich. Und zwar in dem Maße, wie sie es persönlich wollen, für richtig halten und sich finanzbilden. Reich an Beziehungen, Erlebnissen, Geld und Vermögen. Nicht oder. Sondern und.

 


Dani Parthum ist Diplom-Ökonomin, Geldcoach, Finanzbloggerin und Buchautorin. Unter der Marke Geldfrau unterstützt sie Frauen dabei, ihre Angst vor Finanzen abzulegen und für sich selbst Strategien zu entwickeln, selbstbestimmt mit Geld umzugehen und Vermögen aufzubauen.