ZusatzrenteReform der Altersvorsorge: Aktien fürs Alter

Symbolbild Altersvorsorge
Symbolbild AltersvorsorgeGetty Images

An diesem Januarmorgen sieht es tatsächlich so aus, als läge die Welt im Winterschlaf. Zumindest hier am Kloster Seeon. Der See hat eine dünne Haut aus Eis, und an den Gräsern glitzert Raureif. CSU-Chef Markus Söder und der Chef der Landesgruppe, Alexander Dobrindt, aber sind so früh angetreten, um die deutsche Politik „wachzurütteln aus dem Winterschlaf“, wie Dobrindt sagt. Ein „Starterkit“ müsse her, so Dobrindt, 100 Euro monatlich ab Geburt solle der Staat für jedes Kind auf ein Vorsorgekonto einzahlen, 18 Jahre lang. Das Geld werde sich vermehren und später als Zusatzrente zur Verfügung stehen, als neue vierte Säule im Rentensystem. Dies sei „das erste Mal überhaupt“, dass jemand einen Vorschlag für die junge Generation mache, lobt sich Söder.

Das mit dem ersten Mal ist zwar etwas übertrieben, eher kommt inzwischen beinahe im Monatstakt ein neuer Vorschlag zur Reform der privaten Altersvorsorge auf den Tisch. Aber zumindest von den Regierungsparteien in Berlin ist der CSU-Vorschlag tatsächlich der bisher konkreteste. Darüber hinaus haben etliche Ökonomen, Verbände und zumindest die Grünen ebenfalls Vorschläge ausgearbeitet, wie sich das deutsche Vorsorgesparen reformieren ließe. Und fast alle haben eines gemeinsam: Sie wollen die Deutschen zu einem Volk von Aktiensparern machen – Aktien und Fonds, ausgerechnet! Knapp 20 Jahre nach dem Absturz der berüchtigten Volksaktie Telekom, die viele Anleger dauerhaft traumatisiert hat, kommt das einer Revolution gleich.

Zwar ist vieles noch unklar, doch eines scheint sicher: Die geförderte private Altersvorsorge wird in den kommenden Monaten zu einem großen Streitthema, es geht um zig Milliarden an staatlicher Förderung und noch mehr Milliarden Anlegergeld jedes Jahr. Im März wird eine Regierungskommission ihre Vorschläge zur Reform der heutigen Riester-Rente vorlegen, spätestens dann geht der Kampf richtig los.

Denn die Befunde sind bisher ziemlich eindeutig: Die im Jahr 2002 eingeführte Riester-Rente funktioniert nicht, von den rund 16,5 Millionen abgeschlossenen Verträgen werden rund drei Millionen gar nicht mehr bespart, in viele Policen fließen keine Eigenbeiträge mehr, seit 2017 geht die Zahl der Verträge sogar zurück. Hohe Gebühren und die schwache Rendite haben das Produkt diskreditiert.

Deswegen formiert sich eine große Reformallianz, die etwas ganz Neues will, am ehesten auf Basis von Fonds oder Indexfonds. Denn nur die versprechen niedrige Kosten und schaffen nennenswerte Erträge. Entsprechend aufgebracht sind Versicherer und Finanzlobbyisten, die um ihr Geschäft fürchten und Riester gerne irgendwie retten würden.

Viele andere Länder haben ihre Systeme dagegen bereits auf breitere Beine gestellt und eine Anlage in Aktien fest in die Altersvorsorge eingebaut: Die Schweden sparen mit dem öffentlich verwalteten Såfa-Fonds am Aktienmarkt, in Norwegen legt der Staatsfonds die Milliardeneinnahmen aus der Ölförderung an, in Großbritannien können Arbeitgeber für ihre Mitarbeiter über den NEST-Fonds in Aktien investieren.

Der Staat mischt stärker mit

Viel spricht dafür, dass Deutschland auf die eine oder andere Art diesen Ländern auf absehbare Zeit folgen und dabei die Geburtsfehler der Riester-Rente überwinden muss: Riester sei „ein intransparenter Markt mit überteuerten Produkten“, kritisieren die Magdeburger Wirtschaftsprofessoren Joachim Weimann und Andreas Knabe. Rund 60 Prozent aller Riester-Verträge hängen an der Versicherungswirtschaft als Renten- oder Fondsrentenpolicen. Weitere sieben Prozent sind Banksparpläne. Sie werfen kaum Erträge ab. Wer jahrelang in so einen Vertrag einzahle, der bekomme – selbst wenn man die staatlichen Zuschüsse einberechne – bei durchschnittlicher Lebenserwartung am Ende so gut wie keine Rendite heraus oder sogar eine negative, rechnet der Bund der Versicherten (BdV) vor.

Grob kann man momentan zwei Reformkonzepte unterscheiden: Da ist zum einen die Idee der Deutschlandrente, die von der schwarz-grünen Landesregierung in Hessen stammt. Sehr eng verwandt damit ist der Plan der „Extrarente“, die die Verbraucherverbände ersonnen haben. Kurz gesagt würde dabei ein Teil des Gehalts automatisch in ein öffentlich-rechtlich organisiertes Sparprodukt fließen.