VersicherungenPrivate Krankenversicherung - treu zu Diensten

Schatten des Zweifels: Kundenanwälte argwöhnen, dass es bei den Prämienerhöhungen in der privaten Krankenversicherung nicht immer korrekt zugeht Katharina Noemi Metschl

Der Mann, der die Vorstände privater Krankenversicherer in stille Unruhe versetzt, könnte als einer von ihnen durchgehen: ein Jurist mit hoher Stirn, kleiner Brille und dunkelblauem Anzug. Doch er ist keiner von ihnen. Und genau das ist das Problem. Knut Pilz, promovierter Spezialist für Versicherungsrecht in Berlin, vertritt in diesem Streit die Gegenseite. Von seiner Kanzlei unweit des Ku’damms orchestriert er eine bundesweit einzigartige Klagewelle gegen Beitragserhöhungen.

Wer Pilz treffen will, braucht etwas Glück. Der Anwalt ist viel unterwegs. Koblenz, Darmstadt, ein Tag Zwischenstopp in der Kanzlei, dann geht es schon wieder los. Der Berliner hat diesen Rechtsstreit zu seiner Sache gemacht. Bundesweit hat er rund 100 Verfahren eingereicht, an vielen Gerichten von Kiel über Detmold bis München. Überall geht es um dasselbe: Pilz will beweisen, dass Axa und DKV vor Jahren zu Unrecht höhere Beiträge von ihren Kunden verlangt haben – und fordert das Geld zurück. Mal geht es um 1000, mal um 7000 Euro. Und bei den Klagen gegen die Kölner Marktriesen will er es nicht belassen: Auf seiner Liste stehen noch eine Handvoll weiterer Anbieter.

Acht Prozent stiegen 2017 die Beiträge zur privaten Krankenversicherung im Schnitt

Bafin

Mit seiner Attacke gegen die Beitragserhöhungen in der privaten Krankenversicherung (PKV) trifft der Berliner den Nerv vieler Privatpatienten, die sich steigenden Prämien ausgeliefert fühlen – und im November, wenn wieder Post vom Versicherer droht, mit einem flauen Gefühl in den Briefkasten blicken. Schon 2017 stiegen die Beiträge durchschnittlich um üppige acht Prozent, teilweise waren es sogar 20 oder 40 Prozent. Auch die anstehende Erhöhungsrunde wird viele hart treffen, etwa bei Allianz, Barmenia, Münchener Verein oder Axa.

An Unzufriedenen, die sich wehren wollen oder müssen, herrscht also kein Mangel. Doch ein Wechsel des Versicherers lohnt sich für langjährige Kunden nicht, weil das Alterspolster verloren ist. Und Erste-Hilfe-Maßnahmen wie ein Tarifwechsel haben manche der Älteren ab 55 längst ausgeschöpft. Wohin dann mit dem Ärger?

Eine Klage verschafft vielleicht etwas Luft, sie eignet sich jedoch nicht für jeden. Es kommt laut Pilz auf die Gesellschaft an: „Es gibt Versicherer, da rate ich ab“, sagt er. Er greift Prämienerhöhungen zum Beispiel an, wenn er Zweifel an der Unabhängigkeit des Treuhänders sieht.

Treuhänder prüfen einseitige Vertragsänderungen durch private Krankenversicherer, die Juristen unter ihnen neue Versicherungskonditionen und Mathematiker jede Beitragserhöhung. Verweigern sie ihre Zustimmung, sind dem Versicherer die Hände gebunden. Laut Gesetz sollen Treuhänder ihre Arbeit sachkundig, unabhängig und allein im Interesse der Kunden verrichten. Doch ob diese Vorgabe immer erfüllt ist, daran hat Pilz Zweifel.