KommentarOmikron – die Rückkehr der Ungewissheit

Die neue Virus-Variante sorgt für Unruhe an den Märkten: Vergangene Woche knickten die Indizes kurz einIMAGO / Kyodo News

Die neue Corona-Variante Omikron hat die Welt aufgeschreckt und verunsichert. Am Freitag fielen die Märkte in einen Schockzustand, die Kurse erlebten den größten Einbruch seit Monaten. Am Montag starteten Europas Märkte zwar im Plus. Aber die Erholung ist fragil, nur eine schlechte Schlagzeile vom nächsten Einbruch entfernt.

Was wir im Kern erleben, ist eine Rückkehr der Ungewissheit: Die neue Variante kann aufgrund ihrer Vielzahl an Mutationen alles mögliche bedeuten: eine kurze Phase der Panik, einen spürbaren, aber temporären Rückschlag im Kampf gegen die Pandemie – aber auch eine Katastrophe, weil sich Impfstoffe als weniger wirksam oder unwirksam erweisen und die globale Impfstoffkampagne um ein Jahr zurückgeworfen wird.

Solange diese Ungewissheit anhält, werden die Märkte volatil bleiben, weil die Folgen für die Weltwirtschaft nur ungenügend abgeschätzt und bepreist werden können. Im März 2020 haben wir das in Extremform erlebt. So weit sind wir noch lange nicht, aber unruhig dürfte es einige Zeit bleiben. Wir brauchen mehr Daten, und die Impfstoffhersteller von Biontech über Moderna bis Johnson & Johnson sind bereits am Arbeiten und Auswerten. Die Rede ist von „zwei Wochen“ bis „die nächsten Wochen“.

Omikron zeigt, wie fragil die Erholung ist

Nun ist es allerdings so, dass die Märkte in den Wochen zuvor stark gestiegen, um nicht zu sagen heiß gelaufen waren. Es ging im Prinzip nur noch darum, wie stark die Jahresendrallye ausfallen würde. Der Dax auf 17.000? Schien in Reichweite. Zwar war ausgerechnet die vergangene Woche schon schwächer, der deutsche Leitindex war – auch wegen der Aussicht auf steigende Zinsen – deutlich unter 16.000 Punkte gefallen. Aufs Jahr gesehen aber lag er noch deutlich im Plus. Auch der S&P 500 war nach dem turbulenten Freitag auf Jahressicht immer noch 24 Prozent im Plus, der Dow Jones gut 15 Prozent.

In den Wochen zuvor hatten die Märkte andere Einschläge und Einschnitte eher robust bis gelassen überstanden, verdaut und inhaliert: den Kurswechsel der US-Notenbank Fed, hohe Inflationsdaten, steigende Energie- und Rohstoffpreise, den „Flaschenhals“ der Weltwirtschaft mit immer neuen Daten und Lieferketten-Geschichten, wo wie viele Container oder Ersatzteile fehlen.

Die neue Variante hat uns wachgerüttelt, wie zerbrechlich die Erholung immer noch ist. Und sie hat uns vor Augen geführt, was Politiker – vor allem die alte und neue Bundesregierung – schmerzlich erfahren: Rückfälle und Rücksetzer sind jederzeit möglich, nie darf man sich in endgültiger Sicherheit wiegen, nie ein Szenario ausschließen. Denn wenn Omikron möglich ist, dürften auch neue, noch ansteckendere Varianten auftauchen (auch das war immer möglich, hatten wir nur alle ein wenig verdrängt.)

„Die neue Coronavirus-Variante rüttelt Investoren aus dem Pandemie-Schlaf“, stellte die „Financial Times“ denn auch treffend fest. „Die Anleger haben das vergangene Jahr damit verbracht, sich in Bezug auf die Pandemie zu entspannen, eingelullt durch reichlich Anreize und die Erwartung, dass Impfstoffe das Virus in Schach halten würden.“ Und dieses Gefühl der Ruhe wurde am Freitag erschüttert. Was diese Variante für das Wachstum, für die Inflation, für das öffentliche Leben und unsere Gesundheit bedeutet, ist noch unklar.

Einige Investoren sprachen von einem neuen „Corona-Narrativ“: Bisher galt, dass Länder mit Impfquoten von 80 bis 90 Prozent mit dem Virus leben könnten, es würde endemisch werden. Ob diese Story haltbar ist, wie gefährlich und ansteckend die Mutante wirklich ist – derzeit höre wir wieder das Stimmengewirr der Virologen –, wissen wir zwischen dem dritten Advent und Silvester.

Die neue Variante trifft uns in der schlimmsten Welle

Bis dahin sollte man als Anleger vorsichtig, aber nicht ängstlich sein – bloß nicht panisch verkaufen. Rücksetzer und Einbrüche, selbst wenn es nochmal zehn bis 15 Prozent runter gehen sollte, bieten auch Möglichkeiten, das Depot aufzustocken.

Die Nachricht aus Südafrika trifft Länder unterschiedlich heftig, manche fürchten eine fünfte Welle, andere um ihre hart erkämpfte Normalität, die sie mit hohen Impfquoten errungen haben. Deutschland erreicht die Nachricht von Omikron in einer Phase, in der uns die Delta-Variante längst überrollt hat, in der schlimmsten Welle, nach einer Phase des Missmanagements und Führungsvakuums.

Wir haben gelernt, dass Virusvarianten, wenn sie „entdeckt“ werden, längst unter uns sind. Innerhalb weniger Stunden tauchten nicht nur Fälle in den Niederlanden, Belgien und Italien auf, sondern auch in Deutschland. Auch dieses Muster kennen wir: Das Virus und seine Varianten werden von Touristen und Geschäftsleuten um den Globus verbreitet. (Warum man oft immer noch leichter ein Flugzeug besteigen kann, als ein Restaurant zu betreten, ist ein großes Rätsel.)

Der Winter, der nach Erwartungen der meisten Virologen lang und hart werden wird, wird um ein mögliches dunkles Kapitel erweitert. Vielleicht ist es kurz, vielleicht nicht so düster wie erwartet. Wir müssen abwarten, geduldig und vorsichtig sein.

 


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