KolumneMehr Beton wagen beim Vermögensaufbau!

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

In den vergangenen Monaten waren wir Capital-Redakteurinnen und -Redakteure auf Capital-Leserreise, um Ihnen, liebe Leser, zuzuhören und Ihre Fragen zu beantworten. Keine Frage wurde mir dabei häufiger gestellt als diese: Ob wir in Deutschland eine Immobilienblase sehen. Ich glaube: nein.

Die Immobilienpreise sind insgesamt auf einem Niveau, das dem Vermögen und Einkommen seiner Bewohner und der Zinslage, Lebensqualität und Sicherheit dieses Landes angemessen ist. Daran ändern auch punktuelle Übertreibungen in gefragten Lagen der Großstädte und etwas Korrekturbedarf in der Provinz nichts. Ja, die Preisanstiege sind rasant. Aber – und das unterschlagen Mahner gerne – die Kaufpreise und Mieten sind real zwischen 1994 und 2009 um ein Fünftel gefallen. Und liegen noch immer unter dem Niveau von 1980.

Die neue Capital erscheint am 19. Oktober

Ich glaube auch deshalb, dass wir dringend einen Neustart benötigen in der Debatte, welche Rolle Wohneigentum im Vermögensaufbau und der Alterssicherung in Deutschland spielen sollte.

Um die Notwendigkeit zu erkennen, hilft ein Blick zurück auf die Dekade seit der Finanzkrise: Die Wohneigentumsquote stagniert, die Zahl der Aktionäre und Fondsbesitzer ist um 15 Prozent gesunken auf nur noch unter zehn Millionen. Und das trotz traumhafter Bedingungen: niedriger Zinsen, üppiger Liquiditätsversorgung durch die Notenbanken, steigender Haushaltseinkommen, nahezu Vollbeschäftigung. Wenn wir aber schon in der besten aller Welten nicht mehr Appetit auf reale Vermögenswerte entwickeln, was passiert dann in einer Krise?

Wir werden beim Vermögensaufbau immer abhängiger vom Staat

Dieser Trend ist bedenklich. Schon aus demografischen Gründen werden Aktionärs- und Eigentumsquoten sinken, solange alle anderen Variablen gleich bleiben. Der Vermögensaufbau kommt genau da nicht vom Fleck, wo er nötig wäre: unterhalb der oberen 20 Prozent. Und wir werden immer stärker davon abhängig, dass es der Staat künftig schon irgendwie richte mit der demografischen Herausforderung unserer sozialen Sicherungssysteme.

Die Hoffnung, dass es in diesem Zyklus noch einmal etwas wird mit den Deutschen und den Aktien, muss man wohl begraben. Anders beim Wohneigentum. Das Thema ist (noch) positiv belegt und (noch) nicht stigmatisiert wie der Aktienmarkt als riskante Zockerbude – trotz Panik und permanenter Blasenwarnung.

Diese Chance müssen wir nutzen, zumal Immobilienkäufer statistisch selbst bei gleichem Einkommen mehrfach reicher in Rente gehen als Mieter. Politisch, indem Grunderwerbs- und Grundsteuern sinken und Freibeträge eingeführt werden. Indem mehr und rascher Bauland ausgewiesen wird. Indem wir jenen helfen, denen es an Eigenkapital als Eintrittskarte in den Immobilienmarkt mangelt. Indem Wohnungsnot mit mehr Angebot, nicht mit stärkerer Regulierung gelindert wird. Hier schlummern die größten Chancen des anstehenden Regierungswechsels.