Versicherungen Lebensversicherungen auf dem Abstellgleis

Für Versicherer wie die Allianz waren Lebensversicherungen lange Zeit ein einträgliches Geschäft
Für Versicherer wie die Allianz waren Lebensversicherungen lange Zeit ein einträgliches Geschäft
© IMAGO / Future Image
Jahrzehntelang gehörten Lebensversicherungen zu den beliebtesten Altersvorsorgeprodukten der Deutschen. Doch die Zeiten sind vorbei. Kein Wunder, denn nur noch ganz spezielle Policen überzeugen

Im sonntäglichen Tatort lebt sie noch als Mordmotiv unter Verwandten: die Lebensversicherung. Ansonsten ist das Produkt, das jahrzehntelang zur Grundausstattung deutsche Sparer gehörte, ziemlich tot. Jedenfalls schwächelt das Neugeschäft – Altverträge im Bestand gibt es immer noch so viele wie Bundesbürger. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft zählte Ende 2020 82 Millionen Policen unterschiedlicher Art. Etwa die Hälfte kommt im Gewand einer Rentenversicherung einher. Hier zahlt die Versicherung im Ruhestand ein Altersgeld. Rund ein Viertel der Policen sind sogenannte klassische Kapitallebensversicherungen. Und nur etwa drei Prozent Marktanteil hat die modernere Variante der fondsgebundenen Police.

Sowohl Klassikpolicen als auch fondsgebundene Lebensversicherungen werden immer weniger nachgefragt – und die meisten Lebensversicherer bieten auch gar keine herkömmlichen Policen mehr an. Laut einer grade veröffentlichten Studie der Ratingagentur Assekurata bietet bloß noch jeder vierte Lebensversicherer neue klassische Kapitallebensversicherungen an. „Das geringe Angebot verdeutlicht, wie stark das einstige Flaggschiff der Lebensversicherer in der Gunst der Anbieter mittlerweile gesunken ist“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur.

Der Grund für den Einbruch bei Angebot und Nachfrage ist derselbe: Die einstigen Garanten für einen entspannten Ruhestand rechnen sich nicht mehr – weder für die Anbieter noch für Neukunden. Das wiederum liegt vor allem am allgemeinen Zinsniveau des vergangenen Jahrzehnts. Denn die Lebensversicherung ist weniger eine Versicherung und mehr eine Geldanlage. Die Versicherungsbeiträge setzen sich aus einem kleineren Risikoanteil für die Todesfallabsicherung und einem Sparanteil für die Altersvorsorge zusammen. Die Höhe des Risikoanteils errechnet sich aus der durchschnittlichen Lebenserwartung, dem Eintrittsalter und der körperlichen Verfassung. Auf den Sparanteil wiederum garantiert der Versicherer bei klassischen Policen über die gesamte Laufzeit einen festgelegten Mindestzins. Früher lag der Garantiezins bei drei bis vier Prozent. Viele Versicherer haben inzwischen Probleme, die garantierten Leistungen aus früheren Verträgen überhaupt noch zu erwirtschaften.

Bei Neuverträgen hat die Regierung den Garantiezins in diesem Jahr auf höchsten 0,25 Prozent gedeckelt. Nach Abzug der Kosten und der Inflation verlieren Kunden mit dieser Garantie also Geld. Kein attraktives Produkt für einen Sparer. „Die klassische Kapitallebensversicherung ist quasi ausgestorben“, sagt Stefan Adam, Finanzexperte und Honorarberater bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Er bedauert diesen Umstand nicht: „Im Grunde waren es schon immer teure Produkte.“ Denn als der Garantiezins der Policen noch hoch war, gab es auch noch sehr gute Konditionen beim Sparkonto – und das zu weitaus geringeren Gebühren.

Wer heute noch eine Lebensversicherung abschließt, verzichtet in der Regel auf die ohnehin nutzlosen Garantien und wählt überwiegend fondsgebundene Kapitallebensversicherung ohne Beitragsgarantien. Glaubt man den Versicherern, handelt es sich bei diesen Produkten um die berühmte „eierlegende Wollmilchsau“. Experte Adam schimpft allerdings. Denn die Versicherung entpuppt sich hier im Endeffekt als teuer ummanteltet Fonds: „Das sind sinnlose Umverpackungen für Investmentfonds.“ Hohe Abschlussprovisionen und hohe Verwaltungskosten fressen nach seiner Meinung oft einen Großteil der Rendite auf. Selbst wenn immer mehr Anbieter von den Garantien abrücken, bleiben die Gutschriften für Kunden mickrig.

Wer sich eine Lebensversicherung zulegen will, die den Namen auch wirklich verdient, der greift besser zu einer sogenannten Risikolebensversicherung. Klingt ähnlich, ist aber etwas völlig anderes: Diese Policen haben nichts mit Altersvorsorge zu tun, sondern unterstützen Angehörige finanziell, falls beispielsweise der Hauptverdiener der Familie stirbt. Wichtigste Frage dabei: Wer braucht Geld, wenn ich sterbe? In den meisten Fällen sind das Familienmitglieder und Ehepartner, die durch den Todesfall in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnten. Nützlich ist die Versicherung auch, um einen Immobilienkredit abzusichern. So weiß der Versicherte, dass die Familie nicht das Dach über dem Kopf verliert, sollte der schlimmste Fall eintreten. Das beruhigt die Nerven. Je kürzer die Laufzeit einer solchen echten Lebensversicherung, desto günstiger wird sie. Daher lohnt es, die Police zum Beispiel an die Dauer eines Kredits oder das Alter der Kinder anzupassen.

Wer über die Risikolebensversicherung hinaus fürs Alter vorsorgen will, macht das besser über direkte Kapitalanlage, etwa über Fonds oder ETFs. Die Gebühren sind geringer, sodass sich mehr Rendite im Depot erhalten bleibt. Und die teure Garantie spart man sich obendrein.


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