KolumneKein Gefühl bei der Geldanlage ist auch keine Lösung

Bei der Geldanlage lassen sich Menschen von Emotionen leiten, das muss nicht schlecht sein
Bei der Geldanlage lassen sich Menschen von Emotionen leiten, das muss nicht schlecht seinGetty Images

Manchmal glaube ich, ich müsste ein Roboter sein. Dann wäre alles gut. Die können ja so vieles besser als wir: Präzisionsgeräte bauen oder feinste Linien zeichnen, rechnen sowieso. Im Geldanlegen schlägt sie erst recht kein Mensch – behaupten die Robo-Advisor zumindest. Maschinen sind künstlich, aber so intelligent, dass immer mehr von uns sagen: Lass das mal den Robo machen. Warum? Weil Roboter im Gegensatz zu uns nicht erst Emotionen ausschalten müssen, um gut zu sein – die schalten sie nämlich gar nicht erst ein.

Dadurch handeln sie viel kontrollierter: Sie kennen weder die Furcht vor schmerzlichen Verlusten noch die Gier nach immer größeren Gewinnen. Sie laufen auch nie der Herde hinterher, die im Zweifel sowieso immer in die falsche Richtung trabt: mittenrein in den Markt, wenn der schon kurz vorm Höchststand steht. Oder raus aus ihm, sobald die Kurse nur ein bisschen bröseln, was Crashs erst recht verstärkt.

Wie rational dagegen ist der menschliche Investor? Leider wenig. Dem Menschen kommen immer die Emotionen dazwischen. Die sind daher auch Fehlerquelle Nummer eins und bringen Anleger immer wieder um ihre Rendite, so jedenfalls klagen deutsche Finanzberater mit einer überwältigenden Mehrheit von 77 Prozent. Man müsse die Gefühle ausschalten, um nicht ihren Verzerrungen zu erliegen, predigen auch Verhaltensökonomen stetig. Schluss also mit der Gefühlsduselei!

Cover der neuen Capital
Cover der neuen Capital

Klingt vernünftig – ist es aber nicht. Denn Neurofinanzforscher haben auch gezeigt: Jede Abwägung zwischen Risiko und Rendite findet parallel in zwei Arealen unseres Kopfes statt. Sowohl in der Großhirnrinde, die im Sinne der Vernunft arbeitet, als auch im limbischen System, das für die Gefühle zuständig ist. Bei jedem Anlageprozess also trifft Kognition auf Emotion, ganz automatisch. Investieren ohne Gefühl ist damit ungefähr so vorstellbar wie Anlegen ohne Zinsen.

Die Frage ist immer nur, welcher Hirnteil dabei gewinnt. Das Problem sind nicht die Gefühle, sondern nur die Tatsache, dass wir nicht damit umgehen können. Wäre Warren Buffett so erfolgreich, wenn er anlegen würde wie ein Roboter und nicht auch seiner Intuition folgte? Neurofinanzforscher sagen es so: Es ist schlecht, wenn emotionale Verzerrungen die Geldanlage bestimmen, doch genauso schlecht ist es, unsere Psychologie komplett zu ignorieren.

Denn jedes Gehirn arbeitet anders, das eine empfindet stärker Angst vorm Risiko, das andere eher die Lust daran. So hat jeder sein eigenes Investitionstemperament – und genau das bestimmt darüber, ob wir eine Anlageentscheidung auch langfristig durchhalten. Wie gut dagegen der Komplettverzicht auf Emotionen funktioniert, zeigten die Neuroforscher auch: Menschen, bei denen die Amygdala zerstört ist – das Angstzentrum, gehen irre hohe Anlagerisiken ein. Und Kunden, die allein vom Robo-Advisor betreut werden, fliehen in Krisenzeiten trotzdem aus dem Markt. Weil sie genau dann das Gefühl haben, wider ihre Natur anzulegen, was sie gar nicht wollen. Beide vernichten viel Kapital.

Was uns das sagt? Wir sollten mit Gefühl anlegen. Mit einem guten Gefühl vor allem. Eben weil wir keine Roboter sind. Zum Glück.


Nadine Oberhuber ist neue Capital-Korrespondentin in München. In ihrer Kolumne schreibt sie jeden Monat über die Freude und die Last mit der Geldanlage und der Altersvorsorge.