Gastbeitrag Insurtechs und Versicherer – Duell mit offenem Ausgang

Neue Player auf dem Versicherungsmarkt: Clark ist ein Online-Versicherungsmakler
Neue Player auf dem Versicherungsmarkt: Clark ist ein Online-Versicherungsmakler
Insurtechs fordern die Versicherungsbranche heraus. Doch egal ob Start-up oder klassischer Versicherer letztlich bestimmen die Erwartungen der Kunden, wohin sich der Markt entwickelt. Stephen Voss über die Digitalisierungsschmerzen der Assekuranz

Über Start-ups und Digitalversicherer wird in der Versicherungsbranche viel und kontrovers diskutiert. Immer mehr kommen als neue Player auf den Markt und versuchen mit ihren Geschäftsmodellen die klassischen Versicherer herauszufordern und die Branche zu disruptieren. Bis vor kurzem schien klar: Der deutsche Versicherungsmarkt ist über Jahre gewachsen, die Rollenmodelle sind fest verteilt – und wer welche Segmente besetzt, ist im Grunde auch entschieden. Doch das könnte sich in absehbarer Zeit ändern.

In den letzten Jahren war im Markt eine Vielzahl an Neugründungen zu sehen, die sich mit originellen Ansätzen bestimmten Ausschnitten der Wertschöpfungskette eines Versicherers gewidmet haben. Die meisten bewegten sich dabei direkt am Point of Sale und stellten die Bedürfnisse der Kunden eindeutig in den Vordergrund. Aber das Bild hat sich verändert und es ist wieder eine breitere thematische Aufstellung bei den neuen Playern gefragt, gerade bei Themen wie IT, Betrieb und Schaden oder Kooperationen mit etablierten Marktteilnehmern. Den Kunden am Markt abzuholen, ist dabei nach wie vor alles andere als einfach und zudem teuer. Ihm dann noch optimale Prozesse und schnelle Verarbeitung zu bieten, war und ist für einige Start-ups einfach zu viel.

Herausforderungen für Start-ups sind groß

Auch abseits dessen sind die Herausforderungen für Insurtechs in der Branche groß. Zum einen gibt es eine Vielzahl an Versicherungsunternehmen, die ihren Anteil am Kuchen der zur Verteilung stehenden Kundenrisiken suchen. Zum anderen haben die Vermittler im Markt, über die ein Großteil des Geschäfts läuft, klare Favoriten, mit denen sie über Jahre - mitunter auch Jahrzehnte - ihre Erfahrungen gemacht haben. Sie kennen deren Leistungsfähigkeit, aber auch die jeweiligen Schwächen ganz genau. Deshalb springen Makler auch nicht sofort auf den nächsten Zug auf.

Ein Insurtech, das in der hart umkämpften Versicherungsbranche bestehen will, muss über ein vielseitiges, flexibles und in sich homogenes Team verfügen. Markterfahrung ist hier unverzichtbar. Welche Ressourcen wann und wie eingesetzt werden sollen, muss akribisch geplant werden. Zudem muss im Vorfeld genau überprüft werden, wo es über Kooperationen oder Dienstleister Möglichkeiten gibt, eigene Angebotslücken zu füllen sowie zusätzliche Themen und Services zu besetzen – ohne dabei die eigene Leistungsfähigkeit zu überfordern.

Die Bafin setzt einen klaren regulatorischen Rahmen

Hinzu kommen die gesetzlichen Anforderungen. Nur wer diesen als Unternehmen genügt, kann überhaupt eine Lizenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) erhalten. Das gilt auch für volldigitalisierte Versicherer. Denn eine der zentralen Aufgaben der Bafin ist es, den Verbraucher zu schützen. Dazu legt sie hohe Maßstäbe an die Zulassung eines Risikoträgers an und hat eindeutige Ansprüche an die Kapitalisierung für den ordentlichen Betrieb eines Versicherungsunternehmens.

So sorgt die Bafin für einen klar definierten Korridor, in dem sich das regulierte Unternehmen zu bewegen hat. Es ist ein Regelwerk, das sowohl den Kunden schützt als auch gleiche Spielregeln für die Markteilnehmer sicherstellt. Versicherung ist eine Dienstleistung, also ein imaginäres, geruchs- und geschmackloses Produkt, ein Leistungsversprechen. Da spielt Vertrauen eine besondere Rolle. Nur über einen klar regulierten Markt mit berechenbaren Teilnehmern ist es möglich, dieses Vertrauen aufzubauen und zu erhalten. Ganz gleich, ob digitaler oder klassischer Versicherer.

Transparenz in der Finanzierung ist unverzichtbar

Finanzierungsmodelle für Start-ups gibt es in vielen Varianten. Auf zwei Punkte sollte dabei unbedingt geachtet werden: Woher kommt das Geld und wie langfristig ist das Engagement angelegt? Das „Woher“, ist vor allem für die Regulatorik entscheidend. Der Gesetzgeber – hier die Bafin – prüft sehr genau, wer Inhaber einer Gesellschaft werden will und aus welchen Quellen das notwendige Kapital dafür kommen soll.

Das „Wie“ spielt wiederum für das Management eine ganz entscheidende Rolle. Es entscheidet nämlich darüber, wieviel Spielraum – ausgedrückt in Zeit – ein Start-up hat, sich in seinen Markt und in seine Rolle als Markteilnehmer zu finden und gegebenenfalls Kurskorrekturen vorzunehmen. Ist hier der Zeitraum zu knapp gewählt oder sind die Erwartungen zu hoch, kann das ganze Projekt an den Rand des Scheiterns geraten.

Hinzu kommt: Die Prozesse hinter einer Versicherungsdienstleistung sind ausgesprochen komplex und nicht ohne weiteres aufzusetzen. Das macht interdisziplinäre Kooperationen gerade für junge Unternehmen in diesem Bereich unverzichtbar. Kaum ein Start-up wird aus dem Stand in der Lage sein, alle Aufgaben selbst zu bewältigen. Das scheitert oft schon daran, die notwendigen Talente zusammen zu bekommen - der Markt sucht einfach schon viel länger. Ein guter Personalstamm und die clevere Auswahl der Dienstleister und Kooperationspartner machen hier ganz klar den Unterschied und können für den Erfolg entscheidend sein.

Digitale Transformation als große Herausforderung

Aber wie sieht es bei den etablierten Versicherungsunternehmen aus? Ihre Digitalisierungsoffensiven wirken auf den ersten Blick groß und ambitioniert. Und gemessen an Budgets und Zeitplänen, die dort vorgegeben werden, kann sich so manches Insurtech nur die Augen reiben. Klar ist: Auch die großen Unternehmen werden ihren Weg in die Digitalisierung gehen – und sie werden ihn gehen müssen. Das Kapital, das dafür notwendig wird, scheint in den meisten Fällen vorhanden zu sein. Ob der strategische Weitblick und die Konsequenz der Umsetzung ausreichen, wird letztendlich die Zeit zeigen.

Das klassische Versicherungsunternehmen ist ein komplexes Gebilde aus Personal, Prozessen und heterogener Technik. Es im Rahmen der Digitalisierung auf links zu drehen, ist eine Mammutaufgabe, um die man die Vorstände dieser Unternehmen nicht beneidet. Der Transformationsprozess – im Grunde also die Operation am offen Herzen – ist dabei die denkbar schwierigste Art, ein Unternehmen fit für die digitalen Herausforderungen zu machen. Es gilt, technologische aber auch kulturelle Wiederstände zu überwinden.

Insofern wird es weniger um die Frage gehen, wohin sich der Versicherungsmarkt entwickelt, als vielmehr darum, welche Erwartungen der Kunde künftig an seine Versicherung stellt. Er ist heute schon an schnelle und digitale Abläufe gewöhnt. Er erwartet von einem Versicherer genau dieselbe Schnelligkeit und Transparenz. Er möchte zu jedem Zeitpunkt alle Transaktionen einsehen. So schnell wie er eine E-Mail geschrieben hat, so schnell möchte er auch eine Antwort erhalten. Vom Paket-Tracking ist er gewohnt, zu wissen, wo sich seine Lieferung gerade befindet und wann sie eintrifft. Und genau das weckt Erwartungen an die Zuverlässigkeit sowie Transparenz der Prozesse eines Versicherers. Diesen Erwartungen schnell gerecht zu werden, wird künftig zur zentralen Herausforderung für den gesamten Versicherungsmarkt. Für Start-ups und etablierte Player.

Stephen Voss

Stephen Voss ist Gründer und Vorstand der Neodigital Versicherung AG mit Sitz in Neunkirchen im Saarland. Er hat über viele Jahre bei klassischen Versicherungsunternehmen gearbeitet – vom Kundenberater über die Administration bis hin zum Vertrieb.


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