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US-Wirtschaft Keine Entwarnung bei der Inflation

Ein Trader an der New Yorker Börse
Die US-Inflationsrate im Juli bleibt leicht unter dem erwarteten Wert, an den Märkten sorgte das für Erleichterung
© IMAGO / Xinhua
Der Markt feiert die „Peak Inflation“ in den USA. Die Spitze der Inflationsentwicklung könnte durchbrochen sein, so die Hoffnung. Doch für eine Entwarnung bei der Preisentwicklung dürfte es zu früh sein. Darin lauern große Risiken für die Geldanlage

Es kommt auf die Richtung an, auch bei der US-Inflationsrate. Als sie im März auf 8,5 Prozent gestiegen war, herrschte Panik an den Kapitalmärkten und es folgte ein regelrechter Zinsschock mit hohen Verlusten bei Anleihefonds. Nun erreichte der Preisauftrieb für Juli in den Vereinigten Staaten wieder die Marke von 8,5 Prozent – und diesmal zeigen sich Investoren erleichtert, die Aktienmärkte haben mit Kursaufschlägen auf die Veröffentlichung der US-Inflationsdaten am Mittwoch reagiert.

Der entscheidende Faktor war, dass die Inflationsrate zwar noch hoch, gegenüber dem Juni aber schon gesunken ist. Da lag der Monatswert noch bei 9,1 Prozent und es machten sich Befürchtungen breit, der Preisauftrieb könne sogar zweistellig werden. Zudem war der Wert von 8,5 Prozent etwas besser als der Markt erwartet und in die Kurse eingepreist hatte. Dazu dürfte auch der Rückgang des Benzinpreises beigetragen haben. „Angesichts weiter nachgebender Preise an den Zapfsäulen und vermehrten Anzeichen für ein Überwinden der Lieferkettenproblematik sollte der Hochpunkt der US-Inflation mit einiger Sicherheit hinter uns liegen. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass das Inflationsgespenst bald gebannt sein wird“, sagte LBBW-Ökonom Dirk Chlench.

Möglicherweise ist also die Spitze bei der Inflationsentwicklung überschritten, die Inflation aber noch nicht besiegt. Das ist natürlich eine zentrale Frage für die Verbraucher in den USA. Sie ist aber auch relevant für Anlegerinnen und Anleger in Deutschland. Denn die US-Inflation bestimmt die Geldpolitik der dortigen Notenbank Federal Reserve, die wiederum Taktgeber für die globalen Kapitalmärkte ist. Selbst für Dax-Anleger ist deshalb die Fed wichtiger als die Europäische Zentralbank.

Erste Stimmen aus der Fed zeigen nun, dass die Notenbanker noch keine Entwarnung bei der Inflation geben wollen. Sowohl Neel Kashkari, Präsident der regionalen Fed von Minneapolis-Fed, als auch Charles Evans aus Chicago-Fed bekräftigten nach Veröffentlichung der Daten ihre Entschlossenheit zur weiteren Straffung der Geldpolitik. Die Fed sei „sehr weit davon entfernt“, den Sieg über die Inflation zu erklären, betonte Kashkari. In einem Interview mit der „Financial Times“ schloss Mary Daly, Präsidentin der Fed von San Francisco, eine dritte Zinserhöhung in Folge um 75 Basispunkte im September nicht aus, obwohl sie ihre anfängliche Unterstützung für eine Verlangsamung der Zinserhöhungen durch die Fed signalisierte.

Nach Veröffentlichung der Inflationsdaten pendelte sich die durchschnittliche Markterwartung für die September Zins-Erhöhung im September auf 62,5 von zuvor 68,2 Basispunkte ein. „Aber auch wenn die Märkte die Aussicht auf eine weniger aggressive Fed feiern, sollte man nicht vergessen, dass wir noch lange nicht über den Berg sind“, warnt Deutsche Bank-Volkswirt Jim Reid.

Kashkari rechnet mit einem Leitzins zum Jahresende von 3,9 Prozent, Evans mit 3,4 Prozent. Aktuell liegt der US-Leitzins in der Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent, nachdem die Fed diesen im Juni und Juli massiv um jeweils 75 Basispunkte angehoben hatte. Wegen der anhaltend hohen Inflation gibt es Spekulationen, die Fed könne im September erneut 75 Basispunkte auf den Leitzins aufschlagen, was eine historisch wohl einmalig straffe Zinserhöhungsfolge wäre. Normalerweise verändern Notenbanken ihren Leitzins um 25 Basispunkte, in dringenden Fällen auch mal um 50 Basispunkte, so wie die EZB im Juli.

„Peak Inflation“

Es spricht also vieles für weiter deutlich steigende Zinsen, auch wenn die Inflation in den USA möglicherweise ihre Spitze hinter sich gelassen hat. Die Rede ist von „Peak Inflation“ in diesem Sommer. „Die Verlangsamung der Kerninflation ist ein erster Hinweis darauf, dass wir uns dem Höhepunkt der Inflation genähert haben könnten“, erläutert Paolo Zanghieri, leitender Volkswirt bei Generali Investments. „Der Blick auf den Wohnungsmarkt zeigt allergings, dass die Mieten weiterhin schnell steigen, und es wird einige Zeit dauern, bis sich die Abkühlung der Hauspreise auf den Verbraucher-Warenkorb auswirkt. Die Rückführung auf eine angemessene Inflationsrate wird also noch Monate beanspruchen.“

Diese Einschätzung teilt Jeremy Lawson, Chefvolkswirt des abrdn Research Institute, das zu dem gleichnamigen britischen Vermögensverwalter gehört. Sorge bereitet ihm die hartnäckige Kerninflation, die durch angespannte Arbeitsmärkte und andere anhaltende Angebotsengpässe hervorgerufen werde. Kerninflation bedeutet die Inflationsrate ohne Energie und Rohstoffe, deren Preise saisonal stark schwanken. Ein Risiko seien auch die weitere Reduzierung von Gaslieferungen aus Russland nach Europa. „Das könnte einen Stagflationsschock auslösen, der als Einfallstor für eine dauerhaft höhere Inflation dient, wenn die Zentralbanken nicht gegensteuern”, warnt Lawson.

Solange die Inflation hoch bleibt, bestehen Risiken bei der Geldanlage, warnt auch Michael Gladchun, Senior-Anleihestratege beim US-amerikanischen Assetmanager Loomis Sayles. „Wir sind der Ansicht, dass eine hartnäckig hohe Inflation und sehr reaktionsfreudige Zentralbanken weiterhin akute Risiken für Anleger darstellen.“ Das dürfte gerade für den Aktienmarkt gelten, der doppelt leiden würde: Steigende Zinsen belasten über die Bewertungsseite die Kurse. Und je stärker die Fed die Konjunktur abkühlt, desto mehr werden die Unternehmensgewinne sinken. Damit würden sinkende Gewinne mit höheren Zinsen diskontiert, was für fallende Aktienkurse spricht.


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