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Grüne Versicherungen: noch ein weiter Weg

Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Versicherungswirtschaft noch ein zartes Pflänzchen
Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Versicherungswirtschaft noch ein zartes Pflänzchen
© IMAGO / Cavan Images
Immer mehr Privatkunden wünschen sich Versicherungspolicen mit grünem Anstrich. Leider ist das Angebot noch recht überschaubar

Die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen steigt rasant. Das gilt für die Modebranche genauso wie für den Kapitalmarkt und die Versicherungswirtschaft. Schon heute interessieren sich 60 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland für nachhaltige Versicherungsprodukte. Das zeigt eine repräsentative Studie des Marktforschungsinstituts „Heute und Morgen“. Bei den unter 30-Jährigen liegt der Schnitt mit 80 Prozent sogar noch höher. Leider hat die Assekuranz hier noch Aufholbedarf: Das Projekt „Native“ der Stiftung Greensurance und der Hochschule für Technik (HFT) in Stuttgart kommt zu dem Ergebnis, dass sich bislang kein einziger deutscher Sachversicherer als nachhaltig qualifiziert.

Das Expertenteam rund um Tobias Popović, Professor für Corporate & Sustainable Finance an der HFT, hat in den vergangenen drei Jahren die ESG-Dimensionen von 19 Sachversicherern mit 300 Einzelindikatoren unter die Lupe genommen und ein Ranking erstellt. Das Kürzel ESG kommt übrigens aus der Finanzwelt und steht für die drei Sphären Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Popović und sein Team untersuchten beispielsweise, ob die Versicherungsprodukte dazu beitragen, den CO2-Ausstoß zu verringern, ob die Versicherer im Schadensfall aktiv die Anschaffung nachhaltiger Ersatzprodukte fördern oder Reparaturkosten übernehmen. Zudem überprüften die Forscher, wie nachhaltig die Versicherer das eingenommene Geld anlegen und wie die Nachhaltigkeitsstrategie der Versicherer konkret aussieht.

Das Resultat: Keiner der untersuchten Versicherer erzielte mehr als 50 Prozent der maximal erreichbaren Punkte. „Im Vergleich zu einigen anderen Akteuren zählen Sachversicherer beim Thema Nachhaltigkeit eher zu den Nachzüglern“, sagt Popović. Noch dazu gebe es großen Nachholbedarf beim Thema Transparenz. Popović sieht die Versicherer in der Pflicht, mehr Informationen über die Nachhaltigkeit ihrer Produkte preiszugeben.

Kleine Versicherer haben die Nase vorn

Auch wenn alle Versicherer in puncto Nachhaltigkeit noch ordentlich Aufholbedarf haben, gibt es nochmal große Unterschiede zwischen einzelnen Anbietern. Überraschenderweise schneiden kleine, mittelständische Versicherer gegenüber Branchenschwergewichten besser ab: Mit 42 Prozent erreichte die Ostangler Brandgilde im Native-Ranking Platz eins. Knapp dahinter folgten die Schwarzwälder Versicherung mit 39 und die Waldenburger Versicherung mit 38 Prozent. Die Sachversicherungen der Versicherungskonzerne Barmenia, R+V und Allianz belegten die Plätze vier bis sechs mit einem Nachhaltigkeitsrating zwischen 33 und 37 Prozent.

Die drei Mittelständler Ostangler Brandgilde, Schwarzwälder Versicherung und Waldenburger Versicherung bieten nachhaltige Policen in den Bereichen Haftpflicht-, Hausrat- und Wohngebäudeversicherung an. Beide reichen bei der grünen Version ihrer Privathaftpflicht 1,5 Cent je regulierten Euro an zertifizierte Klimaschutzprojekte weiter. Die grüne Haftpflichtvariante gibt es bei der Ostangler für 20 Euro Aufpreis pro Jahr, bei der Schwarzwälder für 16 Euro.

Die Waldenburger Versicherung konzentriert sich in ihrer privaten Haftpflicht auf Mehrleistungen für einen nachhaltigeren Schadenersatz durch energieeffizienzsteigernde und energiesparende Produkte. In der Praxis bedeutet das: Stößt man den Fernseher des Nachbarn vom Tisch, gibt es zusätzliches Geld für ein energieeffizientes Ersatzprodukt. Für die grüne Police-Variante bezahlen Kunden jährlich rund 3 Euro mehr. „Über gezielte Anreize in der Produkt- und Konditionengestaltung können Versicherer auf Entscheidungen und Verhaltensweisen ihrer Kunden einwirken“, kommentiert Popović. Klimafreundliches Verhalten soll also belohnt und klimaschädliches verteuert werden. „Eigentlich liegt es im Eigeninteresse der Versicherer dem Klimawandel entgegenzuwirken, denn sie müssen im Zuge der klimatischen Veränderungen ja immer mehr Schäden regulieren“, so Popović.

Ob im Eigeninteresse oder nicht – die Wirkkraft der Branche ist nicht zu unterschätzen. Die Versicherer regulierten laut Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Jahr 2020 Schäden im Wert von rund 52 Mrd. Euro. Sollten sie ihre gezahlten Versicherungssummen zukünftig an Nachhaltigkeitskriterien knüpfen, hätte das unweigerlich eine gewisse Hebelwirkung. Noch mehr Potenzial steckt vielleicht abseits der Schadensregulierung in einer ESG-konformen Kapitalveranlagung. Die Richtung stimmt bereits: Laut GDV wollen Deutschlands Versicherer ihr Vermögen von mehr als 1,8 Billionen Euro bis zum Jahr 2050 klimaneutral anlegen.


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