ESG und der Ukraine-Krieg „Investoren werden das Thema Nachhaltigkeit nach dem Krieg stärker aufgreifen“

Ein Landwirt versprüht Pestizide auf einem Feld am Rande von Kalkutta in Indien
Ein Landwirt versprüht Pestizide auf einem Feld am Rande von Kalkutta in Indien
© IMAGO / NurPhoto
Russlands Krieg gegen die Ukraine ist ein Weckruf für den ESG-Anlagebereich, sagt Nachhaltigkeits-Expertin Hortense Bioy von Morningstar. Einige ESG-Fonds waren in Russland investiert. Fondsmanager müssten sich künftig auf kritischere Nachfragen ihrer Investoren gefasst machen

Capital: Rüstungstitel und Öl sind an der Börse gefragt. Die Aktie von Rheinmetall stieg zuletzt auf ein Rekordhoch. Hat Russlands Krieg gegen die Ukraine den Boom bei ESG-Finanzprodukten beendet?

Hortense Bioy ist Global Head of Sustainability Research beim Analysehaus Morningstar in London. Neben dem Verhalten von Anlegerinnen und Anlegern bei nachhaltigen Finanzprodukten beschäftigt sie sich auch mit Fragen des Greenwashings.

HORTENSE BIOY: Wir haben dazu noch keine Daten, aber ich denke, dass es überall zu Abflüssen aus Fonds kommen wird. Wenn der Markt fällt, gehen einige Anleger raus. Das haben wir zuletzt zu Beginn der Corona-Pandemie beobachtet. ESG-Titel waren aber widerstandsfähiger. Das Vermögen europäischer nachhaltiger Fonds ging zwar im ersten Quartal 2020 um 10,6 Prozent zurück und sank von einem Rekordhoch von 694 Mrd. Euro auf 621 Mrd. Euro. Doch das Vermögen des gesamten europäischen Fondsuniversums traf es noch stärker, es schrumpfte um 16,2 Prozent. Dass Rüstungsaktien wie Rheinmetall nun so zulegen, liegt schlicht an der Ankündigung der deutschen Regierung, den Verteidigungshaushalt aufzustocken.

Zeigen sich schon konkrete Effekte auf das Asset Management?

Es gibt nur einen großen Pensionsfonds, der seine Anlagepolitik überraschend dahingehend geändert hat, dass nun sogar bestimmte Rüstungsunternehmen einbezogen werden können. Ich habe von keinem anderen Fondsmanager gehört, der so etwas tut. Ich würde deshalb nicht erwarten, dass die Fondsmanager wegen des Krieges ihre Politik hinsichtlich ESG-Fonds ändern. Vielmehr denke ich, dass ESG-Fonds künftig Rüstungsunternehmen ausschließen werden, weil diese Unternehmen kontroverse Produkte verkaufen. Man weiß einfach nicht, in wessen Händen die Waffen am Ende landen.

Wie wirkt sich der Krieg in der Ukraine auf nachhaltige Investitionen generell aus?

Der Krieg unterstreicht, wie wichtig es ist zu verstehen, dass es verschiedene Herangehensweisen bei ESG gibt. Den einen ethischen Weg, den alle Anleger verfolgen, gibt es nicht. Es geht immer darum, ESG-Risiken zu identifizieren, und diese Bewertung kann unterschiedlich ausfallen. Nun könnte man sagen, dass sich ein Risiko wie die Herabstufung Russlands nicht in den ESG-Ratings widerspiegelt bzw. dort eingepreist wurde. Aber kann man ein solches Ereignis wirklich vorhersagen? Einige Anleger werden sagen, die Anzeichen waren da. Andere dagegen könnten sagen: Wir kannten das Risiko, aber wir haben dennoch in russische Anlagen investiert. Auf jeden Fall glaube ich, dass einige Anleger ein interessantes Gespräch mit ihren Portfoliomanagern führen werden, um die Unterschiede in deren Anlagestrategien zu verstehen. Einige Anleger werden daraufhin möglicherweise beschließen zu wechseln. Auch bei den Ratings wird sich etwas tun. So hat zum Beispiel Sustainalytics, ein Tochterunternehmen von Morningstar, seine Methodik bei der ESG-Risikobewertung überarbeitet und um neue geopolitische Kriterien erweitert. Russland ist ein autokratisches Land, genau wie China. Es gibt dort eine Menge geopolitischer Risiken, die sich auf Unternehmen, die dort aktiv sind, auswirken könnten. Wir lernen als Branche ständig dazu. Die Investoren stellen sich neue Fragen. Wir müssen ihnen also mehr Orientierungshilfe geben. Sie müssen mehr Klarheit über die verschiedenen Ansätze haben und darüber, was sie bei den verschiedenen Bewertungs- und Anlageansätzen erwarten können.

Einige ESG-Fonds besitzen Aktien von russischen Energieunternehmen wie Gazprom und Rosneft aber auch der Sberbank sowie russische Staatsanleihen. Wie passt das zusammen?

Natürlich hatten einige Fonds diese Vermögenswerte schon lange vor dem Krieg, aus verschiedenen Gründen. Zum einen sind das passive ETF, die den MSCI World Index oder den ESG-Index für Schwellenländer abbilden. Einige der aktiven Fonds, die zum Beispiel in Gazprom investiert waren, hielten diese Anteile natürlich auch, weil russische Unternehmen ja ebenfalls einen Wandel vollziehen müssen. Indem Investoren mit ihnen zusammenarbeiten und sie einbeziehen, können sie sie beeinflussen und optimalerweise zu einem schnelleren Wandel bewegen. Sicherlich werden Anlegerinnen und Anleger im konkreten Fall wissen wollen, warum diese Vermögenswerte im Portfolio waren und was mit diesen Vermögenswerten geschehen ist. Denn das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Zurzeit können sie an den meisten Börsen nicht gehandelt werden. Werden Manager sie so schnell wie möglich abstoßen? Was werden sie tun, wenn die Geschäfte in Russland wieder aufgenommen werden? Und wie werden sie Russland in absehbaren Zukunft einstufen? Es ist im Moment sehr schwierig für die Manager genau zu wissen, was sie tun sollen.

Haben die ESG-Kriterien versagt?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Die Frage ist doch: Konnte jemand einen solchen Krieg vorhersehen? Es geht nicht nur um die Invasion Russlands in der Ukraine und die Tatsache, dass Menschen getötet werden, sondern auch um die Sanktionen. Ihre Härte hat den Markt überrascht. Vor allem die Tatsache, dass Unternehmen eine moralische Haltung zu dem Konflikt einnehmen und gesagt haben, dass sie ihre Tätigkeit in Russland einstellen werden. Ich glaube, niemand hätte das Ausmaß vorhersehen können. Klar, einige Investoren können jetzt sagen: Unsere ESG-Philosophie war schon immer, nicht in totalitäre Länder zu investieren oder in Öl-Firmen. Das müsste dann aber auch für China gelten. Wenn die allgemeine Position bald darin bestünde, russische Unternehmen zu meiden, weil es sich um ein autokratisches Land handelt, dann müsste die gleiche Logik auf China angewendet werden. Investitionen dort wären dann nicht möglich, weil es ein autokratisches Land mit Menschenrechtsproblemen ist. Aber wie viele haben sich tatsächlich von China getrennt? Würden wir sagen, dass ESG in China versagen? Ich denke, ESG ist ein sich entwickelnder Bereich, in dem wir alle noch lernen, er steht noch am Anfang. Wenn ESG gescheitert wäre, könnte man auch sagen, dass die Geopolitik gescheitert wäre und mit ihr viele Finanzinstitute und Wirtschaftswissenschaftler.

Wird ESG künftig noch wichtiger werden oder an Reputation einbüßen?

Sicherlich werden Investoren genauer Fragen stellen und die Erwartungen and die Finanzprodukte werden noch höher. Durch die jetzige Krise wird deutlich, dass wir mehr in Nachhaltigkeit investieren müssen. Wir müssen die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und von Rohstoffen aus Staaten verringern, mit denen wir nicht dieselben Prinzipien teilen. Ich denke also, dass der Krieg ein Weckruf ist.

Dann profitieren ESG-Produkte also langfristig vom Krieg?

Ich denke, eine Lehre aus dem Konflikt wird sein, dass künftig noch stärker darauf geschaut wird, was nachhaltig ist. Anleger werden in Unternehmen aus Ländern investieren wollen, die mit unseren Grundsätzen übereinstimmen und uns beim Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft wirklich helfen können. Das Thema war ja schon da. Der jetzige Konflikt hebt die Tatsache hervor, dass wir den Übergang zu erneuerbaren Energien beschleunigen müssen, und die Investoren werden dieses Thema und diese Idee nach dem Krieg wahrscheinlich stärker aufgreifen.


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