KommentarGold ist doch kein Klopapier

Der Preis für die Unze Gold hat die 2000-Punkte-Marke geknacktimago images / Michael Weber

Gold ist seit jeher Rohstoff und Religion zugleich. Ein Metall, dass die Menschheit magisch anzieht, umrankt von Legenden, durchtränkt von Blut, begleitet von Gier und Größenwahn. Als Rohstoff ist seine Funktion klar und schlicht: Es wirft zwar keine Rendite ab, hat aber immer einen Wert gehabt, seitdem der Mensch aufrecht gehen kann. Und man kann hübsche und hohe Mengen davon recht überschaubar lagern. Gold ist der oft beschworene „sichere Hafen“ oder Ultra-Mega-Hedge: Wenn alles zusammenbricht, hat man zumindest noch ein paar Krügerrand als Grundlage seines Vermögens.

Der Goldpreis hat diese Woche die Marke von 2000 Dollar je Unze überschritten, ein Allzeithoch, und wie stets bei symbolischen Hürden – das ist beim Dax, dem Euro oder der Amazon-Aktie nicht anders – wird nun diskutiert, was der Grund ist, was der starke Anstieg zu bedeuten hat. Ist er ein Vorbote für größere Verwerfungen auf den Finanzmärkten? Die Goldkäfer und die Fraktion der Crashpropheten frohlocken schon: Sie haben ja schon immer gesagt, dass mit unserem Finanzsystem etwas falsch läuft. Und nun die ganzen neuen Billionen an Corona-Schulden…

Goldpreis (je Unze in Dollar)


source: tradingeconomics.com

Ich habe die Prediger aus dem Endzeitlager nie ganz verstanden, denn eine Welt, in der man nur mit Krügerrand oder 5- und 10-Gramm-Barren bezahlen kann, hätte ganz andere Probleme. Da würde ich mir eher Gedanken machen, ob ich das Wasser aus dem Hahn noch trinken kann, der Strom läuft und meine Familie auf der nächsten Kreuzung nicht überfallen wird. Und nicht, ob mein Fiat Money-Geldschein noch einen Wert hat. Gold war für mich immer eine Assetklasse unter vielen (auch wenn meine Berater sie mir immer aus dem Depot quatschen wollten, weil sie an Gold nix verdienen): fünf oder auch ein wenig mehr Prozent vom Vermögen, fertig. Mein Großvater hatte zwar immer Bestände an Krügerrand zu Hause, aber er hatte auch Zucker auf dem Dachboden – die Kriegsgeneration.

Wir erleben eine „Everything Rallye“

Was aber passiert nun? Mich erstaunt eher das Erstaunen darüber, dass der Goldpreis steigt: Es war doch klar, dass bei Billionen an neuen Schulden und Notenbankpumpen auf Anschlag diese Interventionen Auswirkungen auf alle Anlageklassen haben: Das gilt für Immobilien, für Anleihen, für Aktien. Auch die Aktienmärkte lavieren ja seit Wochen auf ihrer V-Kurve herum und rätseln, warum sie sich so schnell erholt haben. Schon macht das Wort einer „Everything Rally“ die Runde. Die neue massive Kombination von fiskalischen und monetären Stimuli entfaltet ihre Wirkung, muss sie ja entfalten.

Wichtigster Treiber des Goldpreises – wie auch der Tech-Aktien – ist die Korrelation zu den Realzinsen. Die sind in den USA inzwischen in den negativen Bereich abgesackt, der Dollar ist geschwächt. Man kennt das Phänomen aus Japan, der Eurozone und Großbritannien. Die USA galten als letzte Bastion positiver Realrenditen auf sichere Anlagen. Die Rendite 10-jähriger inflationsgeschützter US-Staatsanleihen ist aber in der vergangenen Woche unter minus ein Prozent auf ein historisches Tief gesunken.

Ein attraktiver Zinssatz auf sichere Anleihen ist weltweit derzeit nicht mehr zu finden – und das sorgt für Unsicherheit darüber, wieviel sich überhaupt noch mit Anleihen im nächsten Jahrzehnt verdienen lässt. Also drängt das Geld woanders hin, in die Aktienmärkte, aber eben auch in Gold.

Das Endspiel vom Endspiel

Ja, die Unsicherheit. Alles rätselt und orakelt über weitere Wellen und Einbrüche, und solange Unsicherheit im Spiel ist, wählen Menschen Sicherheit und ihr Kapital fließt in vermeintliche Sicherheit. Oder eben „sichere Häfen“.

Der Drang der Deutschen zum Gold war schon immer ausgeprägt, hatte mitunter etwas Manisches. Nur aber weil Goldhändler seit geraumer Zeit über Schlangen vor ihren Läden berichten, sollte man nicht auch aufbrechen. Gold ist schließlich kein Klopapier. Wer Gold besitzt, sollte es jetzt behalten (wenn er Liquidität braucht, kann er es jetzt gut verkaufen). Wer keines hat, sollte nicht panisch einsteigen, bei diesen hohen Preisen. Schon gar nicht, um es als Endzeituntergangspuffer zu nutzen.

All das bedeutet nicht, dass die Crashpropheten und Goldkäfer nicht einen Punkt haben: Das Finanzsystem ist weit von einer Normalität entfernt oder besser gesagt: Der zarte Versuch, es zu normalisieren und etwa die Anleihenkäufe der Notenbanken zurückzufahren, wurde jäh und brutal unterbrochen, aus bekannten Gründen.

Wer davor das Spiel der Notenbanken schon als Endspiel empfunden hat, erlebt nun das Endspiel vom Endspiel: Viele Jahre wird es darum gehen, diese gigantischen Finanzströme zu managen, zu verstehen und zu bändigen, und das beeinflusst und verzerrt Preise und lässt den Zins auf Jahre verschwinden. Ob man das nun als das „New Normal“ oder „New Abnormal“ empfindet, sei dahingestellt. Ich sehe es als neues altes notwendiges Übel. Über den Wohlstand von morgen entscheidet aber nicht der Goldpreis.

 


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