LeserfrageKann ich Verluste aus Aktien einer Pleitefirma absetzen?

Münzstapel
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Ja, aber nur, wenn Sie drei Voraussetzungen erfüllen. Erstens müssen Sie das Papier nach dem 1. Januar 2009 gekauft haben, also nachdem die Abgeltungsteuer eingeführt worden ist. Seitdem fließen pauschal 25 Prozent aller Kapitalerträge an den Staat, im Gegenzug können Sie Verluste auf die Abgeltungsteuer anrechnen lassen. Das geht zweitens aber nur, wenn Sie einen Verlust realisiert haben, die Aktie also mit einem Minus verkauft haben. Drittens ist bei insolventen Unternehmen entscheidend, dass Sie sich beeilen und das Papier rechtzeitig veräußern.

Rechtzeitig bedeutet: Die Aktie der Pleitefirma muss weiter an der Börse notieren, Investoren müssen mit dem Papier handeln. „Das zeigt, dass jemand dem Unternehmen noch einen Wert zuschreibt“, sagt Bernd Schmitt, Steuerexperte beim Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY).

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Der Bonner Solarzellenhersteller Solarworld ist ein Beispiel für ein Unternehmen, das nach der Insolvenz weiter an der Börse gelistet ist. Seit der Pleite im Mai handeln Investoren das Papier recht rege, inzwischen jedoch im Cent-Bereich. Die Gründe, warum Investoren Aktien insolventer Unternehmen kaufen: Mancher Anleger mag schlicht noch an eine Firma und ihr Produkt glauben, rechnet mit der Wiederauferstehung. Manch anderer kauft die Papiere billig, spekuliert auf eine große Insolvenzmasse – und hofft, dass etwas für die Eigner übrig bleibt, sobald die Gläubiger ihr Geld zurückerhalten haben.

Ist die Aktie an der Börse unverkäuflich, veräußert mancher Sparer ein Papier schon mal an einen Freund oder ein Familienmitglied, etwa zum Preis von einem Euro. „Die Chancen stehen schlecht, dass die Finanzämter so etwas anerkennen“, sagt Steuerkenner Schmitt. In diesem Fall ist ja offensichtlich, dass es nicht um den Wert des Unternehmens geht – sondern bloß um einen Steuervorteil.

Können Sie die Aktie nicht verkaufen und erleiden einen Totalverlust, können Sie den Verlust nicht absetzen – und nur noch auf den Bundesfinanzhof (BFH) hoffen, Deutschlands oberstes Steuergericht. Dort läuft ein Verfahren, in dem eine Investorengruppe gegen diese Regel klagt (Az. VIII R 34/16).

Sie sollten das nutzen: Zuerst sollten Sie den Verlust in der Einkommensteuererklärung geltend machen, auch wenn das Finanzamt den Antrag ablehnen wird. „Anleger sollten dagegen im zweiten Schritt Einspruch einlegen und sich auf das Verfahren am BFH berufen“, rät -EY-Experte Schmitt. Die Folge: Das Finanzamt entscheidet über Ihren Antrag final erst, wenn der BFH geurteilt hat. Entscheidet das Gericht in Ihrem Sinne, vermutlich fällt das Urteil in der zweiten Jahreshälfte 2018, erkennt das Finanzamt den Verlust nachträglich an.


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