PorträtAsbecks Neustart

Drei Monate und sechs Tage nach seiner größten Niederlage sitzt Frank Asbeck in einem Berliner Luxushotel und redet wieder über die Zukunft. Der Gründer und langjährige Chef des Solarmodulherstellers Solarworld, der sein Unternehmen Anfang Mai in die Insolvenz führte, wirkt fast wie früher: Trachtenjacke, gegelte silberne Haare, mit vielen Superlativen, wenn er spricht. Neben ihm sitzt der Botschafter von Katar in Deutschland, ein Platz weiter der CEO der Qatar Solar Technologies (QSTec), die einer staatlichen Stiftung des Golfemirats gehört – Asbecks Retter, ohne die er jetzt nicht hier wäre.

Gemeinsam sind der einstige Star der Erneuerbaren-Branche und die Katarer vor drei Monaten mit Solarworld in die Pleite gegangen: Asbeck als Vorstandschef, QSTec als Großaktionär. Anfang August haben sie sich nun dazu entschieden, den Kern des früheren Unternehmens aus der Insolvenz herauszukaufen, vor allem die beiden Produktionsstandorte im sächsischen Freiberg und Arnstadt in Thüringen. Asbeck selbst hält 51 Prozent an der neuen Solarworld Industries GmbH, QSTec 49 Prozent. Knapp 100 Mio. Euro soll das Gesamtvolumen der Transaktion betragen. Nur die Aktionäre gehen leer aus.

Als Erstes sprechen die beiden Katarer, die erklären, warum sie trotz der Pleite an Asbeck und seine Solarmodulen glauben. Als Asbeck dran ist, schimpft er erst auf die Chinesen und ihr Preisdumping, die mit ihren subventionierten Modulen den Markt in Europa überschwemmt hätten und ganze Industrien zerstörten. Es ist sein altes Thema. Dann kommt er auf die Zukunft der neuen Solarworld, des „letzten und größten PV-Herstellers in Europa“, der nun „zum Glück wie Phönix aus der Asche“ zurückkomme. Die Asche – das ist in diesem Fall der Rest, der von seinem Unternehmen übrig geblieben ist.

Asbeck reiht jetzt Zahlen aneinander, die zeigen sollen, dass er immer noch Großes vor hat – auch nachdem er einmal gescheitert ist. Die Solarpanel-Produktion des neuen Unternehmens will er „schnell“ von 400 Megawatt auf 1 Gigawatt hochfahren – das Niveau der beiden deutschen Standorte von vor der Insolvenz. Die Siliziumfabrik seiner Co-Investoren in Katar, die den Rohstoff für die Module liefern wird und laut Asbeck ein „Masterpiece“ für die weitere Entwicklung der Solarbranche am Golf sein soll, werde ihren Ausstoß von 8000 Tonnen Polysilizium auf 50000 Tonnen steigern. Das reiche, um Module mit einer Kapazität von 10 Gigawatt zu produzieren, sagt Asbeck.

Und die neuen Solarpanels mit der sogenannten PERC-Technologie, auf die sich das neue Unternehmen konzentriert, erreichten einen Effizienzgrad von 22 Prozent – viel mehr als andere Module, vor allem die billigen der Chinesen. Man habe, sagt Asbeck mit leisem Triumph in der Stimme, „wieder den Weltmeister der Effizienz kreiert“. Nicht nur bei der Technologie, sondern auch in der Fertigung, wo er die Kosten drastisch runterbringen will – natürlich, ohne Abstriche bei der „Produktionsexzellenz“ zu machen.

Wenn man ihn so hört, klingt Asbeck schon fast wieder wie früher, als er mit seinen derben Sprüchen der Lautsprecher der Branche war. Ganz anders als Anfang Mai, als Capital ihn in seinem Büro in der Bonner Unternehmenszentrale zum Interview traf – nur neun Tage, bevor Asbeck für die alte Solarworld Insolvenz anmelden musste.

Lesen Sie nachfolgend das Asbeck-Porträt aus unserem Juni-Heft:

Frank Asbeck umgibt sich im Büro gerne mit Tieren: mit toten wie lebendigen. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hat der Gründer und langjährige Chef des Bonner Konzerns Solarworld eine Installation aus 96 ausgestopften Füchsen angebracht. Sobald man sie einschaltet, leuchtet es aus 192 Fuchsaugen rot, grün, blau und gelb.

Ein paar Meter weiter hängt ein Bild der Elysia asbecki: einer australischen Meeresnacktschnecke, die von Sonnenenergie lebt. Getauft nach dem Sponsor, der ihre Entdecker unterstützt hat. In der Mitte des Raumes räkelt sich Duke, der Labrador-Retriever, der Asbeck auf der Jagd die abgeschossenen Enten apportiert. Und neben dem Bronzelöwen auf dem Besprechungstisch liegt ein Bildband mit Tierstillleben. Titel: „Von Schönheit und Tod“. Er passt präzise zu der Situation bei Solarworld: Am 11. Mai hat Deutschlands letzter großer Solarhersteller Insolvenz angemeldet.

Damit endet eine der märchenhaftesten Unternehmerkarrieren des Landes – zumindest sehr wahrscheinlich. Jahrelang war Asbeck der große Zampano der Ökostrombranche – ein schillernder Typ mit Trachtenjacke und Seidenschal, der weder Spleens noch Statussymbole versteckte: Luxusautos, Schlösser, Jagdtrophäen. Jetzt ist er gescheitert. An der Billigkonkurrenz der Chinesen, sagt Asbeck. Weil er viel zu lange stur an einem nicht überlebensfähigen Geschäftsmodell festgehalten habe, sagen seine Kritiker.

„Alle schauen auf die Uhr“

Neun Tage vor seiner Kapitulation empfängt Frank Asbeck noch mal zum großen Interview. Es ist ein trüber Tag, rund um das Solarworld-Hauptquartier nieselt es, als Capital zu Besuch kommt. „Sun at Work!“ behaupten sonnengelbe Schilder in der Grünanlage neben dem alten Bonner Wasserwerk, das Asbeck zur Konzernzentrale umgestalten ließ. Im Gebäude ist es still. Die Großraumbüros sind fast leer, nur eine Handvoll Menschen ist zu sehen. Aber Asbeck selbst ist da, in seinem Büro mit Panoramablick über den Rhein.

Für seine Verhältnisse sieht der 57-Jährige fast schon mager aus. In den Wochen vor dem Treffen hat er ordentlich abgenommen: von 145 auf 125 Kilo. Asbeck wollte nicht nur sein Unternehmen gesund schrumpfen, sondern auch sich selbst. „Ich habe Ballast abgeworfen“, sagt er zur Begrüßung. Aber sein Abmagern laufe gesünder ab als der Kursverfall der Solarworld-Aktie: „Wenn ich mich parallel zur Marktkapitalisierung entwickeln würde, dann hätte ich heute ungefähr 600 Gramm.“ Der Gag sitzt, Gelächter. Asbecks Augen leuchten, und für einen Moment ist alles wie früher.

SolarWorld Aktie

SolarWorld Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Früher nannten sie ihn „Sonnenkönig“: in den fetten Jahren, als Deutschlands Solarfirmen Hunderte Millionen scheffelten und Milliarden wert waren. Dann drehte sich der Markt, der gebürtige Hagener war plötzlich der letzte Überlebende einer Branche, die einst für die Zukunft der deutschen Industrie stand. Alle anderen deutschen Modulhersteller waren schon ausgelöscht. Nur Solarworld überstand die Pleitewelle – trotz jahrelanger Verluste.

Aber nun ist auch Asbecks Imperium am Ende. 2016 türmte sich der Verlust auf fast 100 Mio. Euro. Das Eigenkapital und die Kassenbestände schmolzen dahin, im Gleichschritt mit dem heftigen Preisverfall auf den Weltmärkten. Bis zuletzt produzierte Solarworld hauptsächlich in Freiberg bei Dresden und im thüringischen Arnstadt. Doch der Standort Deutschland ist seit langem zu teuer für die Massenherstellung von Solarmodulen.