Daniel Saurenz Geld anlegen, wenn die Angst regiert

Eine Wertpapierhändlerin blickt an ihrem Arbeitsplatz auf dem Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse auf ihre Monitore
An den Börsen wie hier in Frankfurt ist die Stimmung zurzeit angespannt
© picture alliance/dpa | Arne Dedert
Rezessionsängste, Inflation, Lieferkettenprobleme und Gewinnwarnungen verschrecken seit Wochen viele Anleger. Wer aber gerade in turbulenten Zeiten einen kühlen Kopf behält, verdient langfristig deutlich mehr

„Gier ist gut“ sagte einst Gordon Gekko im Börsen-Klassiker „Wall Street“. Nüchtern betrachtet ist Gier durchaus ein guter Signalgeber: Wenn jeder über Aktien redet, also Wert und Preis nicht mehr in einem gesunden Verhältnis stehen, sollten die Warnlampen aufleuchten. Mindestens ebenso wichtig ist aber das Gegenteil: Börsenpanik. Sobald Aktien ohne Sinn und Verstand aus den Depots geworfen werden, Angst dominiert und die zittrigen Hände verkaufen, ist meist der Boden in Sicht. Dieses immer wiederkehrende Verhaltensmuster war auch beim Platzen der Dotcom-Blase, nach dem Lehman-Crash, der Euro-Krise und zuletzt dem Corona-Absturz zu beobachten.

Aber nicht nur am Gesamtmarkt, auch bei Einzelaktien lohnt es sich, auf Übertreibungen zu achten. Die jüngste Berichtssaison lieferte dafür gute Beispiele: Netflix, Alphabet, Upstart, Walmart und viele andere Werte sacken nach Veröffentlichung ihrer Bilanz prozentual deutlich zweistellig in den Keller. Interessant ist hier die Tatsache, dass Unternehmen mit negativen Gewinnüberraschungen stark abgestraft wurden. Blieben die Ergebnisse unter den Erwartungen, sackte der Kurs im Mittel um knapp sechs Prozent ab. Zur Einordnung: Noch negativer reagierte der Markt auf Enttäuschungen zuletzt 2011. Und selbst gute Unternehmensmeldungen quittierten Anleger mit einer so schwachen Wertentwicklung wie seit elf Jahren nicht mehr.

Attraktive Aktienrenditen mit gutem Timing

Für Jürgen Molnar, Kapitalmarktexperte bei Robomarkets bieten gerade die Übertreibungen nach unten hervorragende Chancen, langfristig ein starkes Depot aufzubauen. „Aktien sind zwar alternativlos, der Faktor Timing wird oft unterschätzt. Wer im Sommer 2007 in den Dax eingestiegen ist, erzielte bisher eine magere Rendite von weniger als vier Prozent pro Jahr. Mehr als zehn Prozent pro Jahr verdienten nervenstarke Anleger, die zum Höhepunkt der Finanzkrise im März 2009 gekauft haben. Mut wird also an der Börse belohnt“, sagt Molnar.

Zweifelsohne ist das Bauchgefühl derzeit schlecht. Aber auch hier hilft es, nüchtern die Lage zu analysieren. Wenn die Stimmung gut ist und die Mehrheit steigende Kurse erwartet, ist viel Kapital bereits investiert. Dies belastet die Kurse häufig. Ist die Stimmung hingegen schlecht und halten Anleger somit viel Bargeld, sollte man sich auf die Lauer legen. „Meist reichen dann schon erste gute Nachrichten, um eine kräftige Rally auszulösen“, meint Norbert Betz, Leiter der Handelsüberwachung der Börse München/Gettex. „Wer dann nicht schnell genug einsteigt, gerät in Performancerückstand und muss zu immer höheren Kursen kaufen“, erklärt Betz die Dynamik. Aber eines muss jedem Anleger klar sein: Den absoluten Tiefstpunkt, den Wendepunkt zu erwischen, kommt einem Treffer im Lotto gleich.

Anleger bleiben derzeit bewährten Titeln treu. Eine Auswertung der Börse München/Gettex zeigt, dass Anleger weiter auf Schwergewichte wie Allianz, Mercedes und BASF setzen. In den USA war trotz der Volatilität Tesla einer der beliebtesten Werte gefolgt von Amazon.

Europäische Aktien inzwischen attraktiv bewertet

Aktuell haben wir vielleicht noch nicht das untere Extrem erreicht, ein Großteil der Wegstrecke liegt aber hinter uns. Fundamental gesehen sind deutsche und europäische Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,5 und 12,5 günstiger bewertet als im historischen Durchschnitt. Für US-Aktien trifft dies aktuell noch nicht zu, für die Technologiewerte müssen Anleger derzeit noch etwas tiefer in die Tasche greifen als im langfristigen Mittel. Aber auch hier gibt es viele Qualitätswerte bereits zu Discount-Preisen.

Zwei Faktoren gilt es nun zu beachten, meint Gil Shapira, vom Broker Etoro: „Analysten haben zuletzt die Gewinnerwartungen an die Unternehmen reduziert. Die Messlatte liegt somit recht tief, selbst mit durchwachsenen Ergebnissen könnten die Firmen bald positiv überraschen.“ Wichtigster Faktor aber bleibt die internationale Geldpolitik. Sobald die US-Notenbank erkennt, dass die Konjunktur weiter steigende Zinsen nicht verkraften könnte und die Währungshüter mildere Töne anstimmen, dürfte eine nachhaltige Trendwende mit steigenden Aktienkursen folgen. Wer dann bereits investiert ist, bevor andere wieder gierig werden, zählt zu den Gewinnern.

Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com


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