Geldanlage Futures: Ein fragwürdiges Geschäft mit hohem Risiko

An den Finanzmärkten geht es zur Zeit trubulent zu, das gilt auch für den Rohstoffhandel
An den Finanzmärkten geht es zur Zeit trubulent zu, das gilt auch für den Rohstoffhandel
© IMAGO / Xinhua
Der Futures-Handel an Rohstoffmärkten verspricht außerordentliche Gewinne, geht allerdings mit eklatanten Risiken einher. Was hinter den Derivaten steckt und warum Kleinanleger kritisch sein sollten.

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die Ukraine treibt die Rohstoffpreise in die Höhe. Das gilt nicht nur für Energierohstoffe, sondern auch für Lebensmittel. Denn Russland und die Ukraine zählen zu den weltweit größten Produzenten und Exporteuren von Getreidesorten und Speiseöl, darunter Weizen, Gerste, Mais und Sonnenblumenöl. Anstatt die Ernte zu verschiffen, stecken nun Millionen Tonnen an Getreide in den ukrainischen Häfen fest. Viele Felder liegen brach. Als Folge bereits eingetretener und noch zu erwartender Lieferengpässe übersprang der Weizenpreis am Dienstag die Rekordmarke von 420 Euro je Tonne. Das ist ein Plus von mehr als 75 Prozent innerhalb eines Jahres.  

Parallel dazu steigen die Preise für Kraftstoffe wie Benzin, Diesel, Erdgas und Öl. Am Ölmarkt kam es in den vergangenen Tagen zu drastischen Preisbewegungen: Getrieben durch die Furcht vor Engpässen in der Ölversorgung hatte der Erdölpreis am Montag (7. März) zuerst stark zugelegt. Der Brent-Preis erreichte mit 139 Dollar seinen höchsten Wert seit dem Jahr 2008. Dann lösten Verhandlungen zwischen dem Kreml und der Ukraine eine starke Gegenbewegung aus. Bereits am Donnerstagmorgen zog der Preis ob ausgebliebener Verhandlungserfolge dann wieder an. Ein Barrel (159 Liter) kostete im frühen Handel 113,29 Dollar.

Ein Finanzbegriff, der in Situationen derart unbeständiger Rohstoffpreise gerne die Runde macht, sind Futures. Einige Privatanleger stellen sich die Frage, ob sie sich an den Handel mit diesen Finanzprodukten heranwagen sollen. Schließlich locken enorme Gewinnspannen. Futures sind Derivate, also Finanzprodukte, die vom Preisanstieg oder auch Verfall eines bestimmten Basiswerts profitieren können. Basiswert kann so gut wie alles sein, von Aktien über Anleihen, Indizes und Devisen bis zu Rohstoffen. Einfach gesagt vereinbar man mit Futures mit einer Gegenpartei ein Geschäft, das erst in Zukunft stattfindet.

Was sind Futures?

Genau genommen sind Futures standardisierte, börsengehandelte und unbedingte Termingeschäfte. Das heißt im Einzelnen:

  • Der Basiswert ist exakt definiert. Ein Future kann sich beispielsweise auf 1.000 Barrel Öl der Sorte Brent beziehen, oder auf 5.000 Scheffel Weizen.
  • Futures werden an Börsen gehandelt.
  • Future-Geschäfte finden zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft statt. Beide Parteien – Käufer wie Verkäufer –  verpflichten sich dazu, das Geschäft auch tatsächlich durchzuführen. Damit unterscheiden sich Future von Optionen als sogenannten bedingten Termingeschäften.

Wozu dienen Futures eigentlich? Eigentlich sind sie dazu gedacht, Produzenten gegen Preisschwankungen abzusichern. Das nennt man auch Hedging. Befürchtet beispielsweise ein Bauer, dass der Weizenpreis bis zu seiner Ernte in neun Monaten fallen wird, könnte er sich mit einem Future den heutigen Preis sichern. Die Gegenpartei könnte eine Brotfabrik sein, die sich ihrerseits gegen Preisanstiege absichern will. Es geht also um Preis- und damit Planungssicherheit. Liegt der Weizenpreis an der Börse in neun Monaten unter dem ursprünglich vereinbarten Preis, hat der Bauer Glück gehabt –umgekehrt die Brotfabrik.

Spekulationsinstrument für Investoren

Die Funktion als Hedgings, für die die Future einst erdacht wurden, ist heute allerdings bloß noch eine Nebensache. Inzwischen fungieren Futures überwiegend als Spekulationsinstrument. Investoren wetten damit beispielsweise auf steigende Ölpreise. Es geht Spekulanten auch nicht darum, das dahinterliegende Geschäft abzuwickeln. Bis dahin haben sie die Derivate längst weiterverkauft . Ohne sich also je mit dem physischen Basiswert zu befassen, kaufen und verkaufen sie hochprofitabel und mit wenigen Mausklicks Tonnen an Rohöl – oder eben Getreide.

Hochprofitabel kann das deshalb sein, weil es sich bei Futures-Kontrakten um sogenannte Hebelinstrumente handelt. Heißt: Investoren zahlen nur einen Bruchteil des Kontraktwertes, können aber in der Folge überdurchschnittlich an Preisschwankungen teilhaben. Beträgt ein Kontraktwert etwa 500.000 Euro, dann werden vorab vielleicht bloß zehn Prozent davon, also 50.000 Euro, für den Future-Kontrakt fällig. Bei einer Preisänderung des Basiswertes von zehn Prozent kann der Gewinn oder Verlust des Futures dann ebenfalls bei 50.000 Euro liegen: dem Faktor 1 zu 10. Das entspräche dann einem zehnfachen Hebel. Umgekehrt drohen aber auch entsprechend stark gehebelte Verluste.

Auch Privatanleger können in den Futures-Handel einsteigen. Dazu müssen sie ihrem Online-Broker vertraglich bestätigen, dass sie termingeschäftsfähig sind, sich also der Risiken bewusst sind und sich die Sache leisten können. Dann schaltet sie dieser für Geschäfte über Terminbörsen wie der Eurex frei. Damit sie keine 1000 Fässer Rohöl im Garten zwischenlagern müssen, lösen die meisten Broker die Kontrakte vor Fälligkeitsdatum automatisch durch ein Gegengeschäft auf – oder sie rollen sie, das heißt, sie wandeln sie in neue Verträge mit längerer Laufzeit um. Für Private bleiben aber so oder so zwei eklatante Risiken:

  • Erstens können Anleger mit Futures nicht nur wie bei Aktien ihr eingesetztes Kapital verlieren, sondern sogar zu einem Nachschuss verpflichtet werden – sie müssen also draufzahlen, weil der Wert eines Futures auch unter Null fallen kann. Dabei sind theoretisch unbegrenzte Verluste möglich, auch wenn Online-Broker gern damit werben, dass sie bei Worst-Case-Szenarien intervenieren würden.
  • Zweitens werden bei Futures Gewinne und Verluste eines jeden Handelstages über die gesamte Zeitspanne gegengerechnet. Anleger brauchen also stets ausreichend Cash auf ihrem Verrechnungskonto, um am Ende eines Tages etwaige Verluste ausgleichen zu können.

Eine Frage der Ethik

Aufgrund dieser Risiken und angesichts des dennoch großen Interesses vonseiten der Kleinanleger hat die Bafin vor Kurzem bekanntgegeben, dass sie Privatkunden beim Handel mit Futures besser schützen möchte. Die Vermarktung soll reguliert und Produkte mit Nachschusspflichten ganz verboten werden. 

Unabhängig davon sollte sich jede Anlegerin und jeder Anleger die Frage stellen, ob der Future-Handel für sie oder ihn moralisch vertretbar ist. Beispielsweise wegen der Debatte um den Zusammenhang zwischen Börsenspekulation und Rohstoffpreissteigerungen. Manche Studien weisen nämlich deutlich darauf hin, dass Getreide-Preissprünge auch auf Spekulationen von Investoren zurückzuführen sind. Investmentbanken, die mit den Hebelprodukten äußerst gut verdienen, bestreiten solche Zusammenhänge. Doch lassen sich Profite mit Nahrungsmittelspekulationen eben nicht ganz von der prekären Läge im globalen Süden trennen. Das sollte sich jeder bewusst machen, gerade in einer Situation, in der Weizen für viele ärmere Länder jetzt schon nahezu unbezahlbar geworden ist.

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