AktienFünf Gründe, warum am MSCI World-Index kein Weg vorbeiführt

Die USA sind immer noch das Börsenschwergewicht Nummer einsimago images / UPI Photo

Der Wal ist aufgetaucht, und er kommt offenbar aus Japan. Die Rede ist vom sogenannten Wal der Nasdaq, also jenem ominösen Einzelinvestor, der die US-Technologieaktien über den Sommer mit Aktienkäufen in die Höhe getrieben hat. Am spektakulärsten war sicherlich, dass Apple erstmals mehr als 2 Billionen Dollar wert war. An den Märkten wurde gerätselt, ob es die Privatanleger waren, welche die Tech-Rally antrieben, was deren Marktmacht wohl überschätzte. Für starke Bewegungen – der US-Tech-Index Nasdaq Composite hat im laufenden Jahr fast 25 Prozent zugelegt, braucht es auch starke Einzelinvestoren, im Marktsprech auch Wal genannt. Und jüngsten Medienberichten zufolge gab es solch einen Nasdaq-Wal: Offenbar war es der japanische Investor Softbank, der auch Geld in Wirecard gepumpt und verloren hatte.

Doch egal ob ein Wal oder ein Schwarm Heringe, sprich Einzelinvestoren, nach dem Corona-Crash im Frühjahr haben die großen US-Technologiewerte wie Microsoft, Alphabet und Facebook eine beeindruckende Rally hingelegt und den US-Gesamtmarkt komplett abgehängt. Oder umgekehrt: Ohne die starken Zugewinne der Techgiganten hätten die US-Börsen nicht so viel besser abgeschnitten als etwa die europäischen Märkte. Zum Vergleich: Der US-Leitindex S&P 500 hat dieses Jahr 5,2 Prozent zugelegt, sein Pendant für Europa, der Stoxx 600, liegt hingegen 13 Prozent im Minus.

S&P 500 Index

S&P 500 Index Chart

Für Anleger war es also gut, wenn sie in Indizes investiert waren, in denen die großen US-Techwerte enthalten sind. Das gilt für den Nasdaq-Composite, den S&P 500, aber vor allem auch den MSCI World. Er enthält 1600 Aktien aus den Industrieländern und wird von vielen Experten als Basisanlage in Aktien empfohlen. Auch Capital rät gerade bei einem Sparplan zu ETFs auf diesen Index, weil er die industriealisierte Welt in aller Breite abbildet.

MSCI World – nur ein verkappter US-Index?

Doch die Breite ist inzwischen umstritten. Denn mit der Rally der Techaktien ist nicht nur deren Gewicht, sondern auch das der USA im MSCI World-Index deutlich gestiegen. Es liegt bei rund 66 Prozent. Wer also in den Index investiert, der kauft zu rund zwei Dritteln US-Aktien. Und US-Techwerte. Die größten Einzelwerte im MSCI World sind derzeit Apple, Microsoft, Amazon, Facebook und Alphabet. Apple allein hat einen Anteil von 4,6 Prozent. Einziger Top-Ten-Wert von außerhalb der USA ist die Schweizer Nestlé.

Ist der MSCI World also ein verkappter US-Index? Diese Frage wird derzeit in der Aktien-Community lebhaft diskutiert. Und es wird das Konstrukt des MSCI World auf Basis der Marktkapitalisierung, nachdem fast alle wichtigen Aktien-Indizes berechnet werden, infrage gestellt. Denn die USA vereinen, so die Argumentation nur knapp 16 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung (laut Statista) auf sich, aber selbst in dem auch Schwellenländer umfassenden Weltaktien-Index MSCI All Countries haben sie ein Gewicht von gut 58 Prozent. Letztlich stehen hinter der Kritik am US-Übergewicht zwei Ängste: zum einen die vor einer Blase bei Technologieaktien und zweitens die vor der US-Politik unter dem Präsidenten Donald Trump.

Nun war der MSCI World immer schon ein US-lastiger Index. Denn kein Aktienmarkt ist größer und liquider als der an der Wall Street, das schlägt sich naturgemäß auch in einem Weltindex nieder. Der US-Aktienmarkt war also immer schon stärker weltweit gewichtet als der Anteil der Wirtschaftsleistung. Deutschland ist das krasse Gegenteil: Der Aktienmarkt der viertgrößten Wirtschaftsnation der Welt hat nicht mal einen Anteil von drei Prozent am MSCI World, der Anteil ist zuletzt sogar gefallen. Die geringe Marktkapitalisierung Deutschlands hat Gründe, die auf die Struktur der hiesigen Wirtschaft zurückgehen, in der große Familienunternehmen eine wichtige Rolle spielen. Unternehmen wie Bosch, Oetker oder Aldi sind eben nicht an der Börse, wo sie natürliche Dax-Kandidaten wären.

Gute Gründe für den MSCI World

Anleger sollten sich von der Diskussion um den MSCI World aber nicht verunsichern lassen. Es gibt fünf Gründe an dem Index als Basisinvestment festzuhalten:

Erstens sind die USA, Trump und Corona hin oder her, noch immer ein extrem innovatives Land mit hohem Wachstumspotenzial. Ansonsten hätten sie binnen weniger Jahrzehnte nicht solche Tech-Giganten wie Alphabet oder Facebook schaffen können. Für Anleger ist es immer sinnvoll dort investiert zu sein, wo die Musik spielt. Und die spielt nach wie vor in den USA. Wer das nicht tut, der gibt Rendite freiwillig ab. Der MSCI World ermöglicht dies und bietet zudem Dversifikation nach Europa und Japan.

Denn zweitens wäre ein Renditeverlust die Konsequenz aus einer Orientierung an der Wirtschaftsleistung. Die Europäische Union ist ein Gigant gemessen am Bruttoinlandsprodukt, und Japan immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde. Bloß: Wachstumsstark sind beide nicht, auch aus demografischen Gründen. Während der S&P 500 in den vergangenen zehn Jahren 340 Prozent zugelegt hat, waren es beim Nikkei 225 aus Japan 230 Prozent und beim europäischen Stoxx 600 gerade einmal 50 Prozent.

Von der Rückkehr europäischer Aktien ist oft zu lesen. Was Anleger skeptisch stimmen sollte ist, dass dieses Argument meist von solchen Fondsmanagern vorgetragen wird, die Fonds auf europäische Aktien verwalten.

Anleger fahren aber auf lange Sicht noch aus einem dritten Grund gut mit dem MSCI World-Index. Wer beginnen will, sich vom breiten Index zu entfernen, der muss Entscheidungen über Gewichtungen von Regionen und Branchen treffen. Und er muss Ein- und Ausstiegszeitpunkte für die einzelnen Handelsaktivitäten festlegen. Damit wäre er mitten im aktiven Fondsmanagement. Das kann erfolgreich sein, viele Fonds sind es aber nicht und bleiben bei der Wertentwicklung hinter ihrem Vergleichsindex zurück, und das für deutlich höhere Gebühren. Und viertens würden Anleger in die Röhre schauen, die zuletzt nicht in US-Aktien investiert waren, sei es auch über den MSCI World.

Fünftens gibt es noch ein weiteres Argument gegen Umschichtungen, nämlich das des Markttiming. Die Kursentwicklung eines Index wird an einigen wenigen starken Tagen entschieden. Beim Dax waren es nach Berechnungen von HQ Trust-Fondsmanger Sven Lehmann rechnerisch gerade einmal 55 Top-Performance-Tage in einem bis 1965 zurückgerechneten Dax. Wer die mitnehmen will, ist am besten dauerhaft investiert, das gilt für den breiten MSCI World ebenso wie für den Dax. Die 55 Tage richtig zu treffen ist nach Lehmanns Berechnungen übrigens so wahrscheinlich „wie 19mal hintereinander im Lotto sechs Richtige plus Superzahl zu haben“. Viel Glück, mag man den Zockern also zurufen.

Der MSCI World sollte also nach wie vor die Basis einer dauerhaften Aktienanlage sein. Anleger sollten aber in ihr Depot dann auch ein paar Schwellenländer-Aktien aufnehmen, um beim Potenzial der Region dabei zu sein. Das könnte allerdings auch Geduld erfordern. Und wer mag, kann zehn Prozent auch nach einer Überzeugung anlegen. Das können Biotech-Aktien, deutsche Nebenwerte oder China-Titel sein. Wichtig ist im Kopf zu haben, dass dieser Depot-Anteil auch schwächer als die Basisanlage laufen kann.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden