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FTX-Crash Das Ende der Due Diligence

FTX-Gründer Sam Bankman-Fried im Jahr 2021
FTX-Gründer Sam Bankman-Fried im Jahr 2021
© IMAGO / ZUMA Wire
FTX ist keine Ausnahme: In der Start-up-Szene mehren sich mal wieder die Betrugsfälle. Und man fragt sich zu Recht: Prüfen die Investoren eigentlich noch die Unternehmen, denen sie ihr Geld geben?

Es war ein lausiger Monat für die Investmentbranche. Erst offenbarte die FTX-Pleite, dass alle möglichen Investoren – vom draufgängerischen Hedgefonds bis hin zu seriösen Pensions- und Staatsfonds – ihr Geld in eine Kryptobörse mit einer schwächeren Finanzaufsicht als Enron gepumpt hatten. Dann wurde Elizabeth Holmes wegen des Theranos-Betrugs, mit dem sie immerhin Finanzgrößen wie Oracle-Gründer Larry Ellison und Medienmogul Rupert Murdoch getäuscht hatte, zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.

Als wäre das nicht genug, taumeln die Aktienkurse von Unternehmen, die während des Spac-Wahnsinns der vergangenen zwei Jahre an die Börse gegangen sind, dazu geraten viele Krypto-Firmen ins Wanken. BlockFi meldete am Montag sogar Konkurs an – obwohl es nach eigenen Angaben „von den besten Investoren unterstützt“ worden sei, darunter SoFi, Tiger Global und Peter Thiel.

Woraus besteht heute eine Due Diligence?

Kann es sein, dass keiner mehr eine richtige Due Diligence macht? Zugegeben kann die Überprüfung anstehender Investitionen ein langweiliges Unterfangen sein, aber das ist kein Grund, sie zu vergessen. Früher schickte man Banker, um zu prüfen, ob ein Bergbauunternehmen wirklich eine Goldmine betrieb; man heuerte Buchhalter an, um die Unternehmensbücher zu durchforsten; man bat Anwälte, Verträge ausfindig zu machen, die im Falle eines Konkurses zum Problem werden könnten.

Heutzutage scheint die Definition einer Due Diligence nicht mehr ganz klar zu sein. So beharrt der Lehrerpensionsfonds des kanadischen Bundesstaats Ontario, der 95 Mio. Dollar in FTX investierte, darauf, dass seine Fachleute sämtliche Investitionen in private Unternehmen sogfältig prüften. Tiger Global steckte 38 Mio. Dollar in FTX und bezahlte externe Berater wie Bain & Co, damit sie diese Arbeit erledigen. Und doch haben beide, das, was der neue FTX-Chef als „völliges Versagen der unternehmerischen Aufsicht“ bezeichnet hat, schlichtweg übersehen. 

Der Westküsten-VC Sequoia schrieb FTX-Gründer Sam Bankman-Fried einen Scheck über 214 Mio. Dollar und das, obwohl er während er des Pitches vor den Investoren  nebenher ein Videospiel zockte. Sequoia entschuldigte sich und versprach, in Zukunft strengere Maßstäbe anzulegen, bestand aber gleichzeitig darauf, dass es ordnungsgemäße Kontrollen durchgeführt habe.

Viele Silicon-Valley-Veteranen glauben, dass die Standards allmählich ausgehöhlt worden sind, als Risikokapitalgeber begannen, ihr Geld in alle Richtungen zu verstreuen anstatt nur die klügsten Unternehmer für ihre Investments auszuwählen. Die Venture Capitalists sind schon immer davon ausgegangen, dass die meisten jungen Unternehmen scheitern. Investoren aber sollten für diese Verluste mit einigen wenigen großen Erfolgen entschädigt werden. 

Doch das über Jahrzehnte fast ununterbrochen fließende Geld und der Mangel an renditeträchtigen und gleichzeitig sicheren Investments hat dazu geführt, dass sich dieser Ansatz verändert hat: In frühen Investitionsrunden wurden nicht mehr wenige Millionen Dollar investiert, sondern es ging gleich um gigantische Deals mit Milliardenbeträgen.

Man hatte Angst, das nächste Google zu verpassen

Da immer mehr erfolgreiche Unternehmen länger in privater Hand blieben, wuchs die Angst unter Investoren, das nächste Amazon oder Google zu verpassen. Das machte sie anfällig für Betrüger. Unternehmen wurden anhand ihrer Finanzierungsrunde ausgewählt – und nicht mehr danach, ob der Geschäftsplan des Unternehmers sinnvoll war.

Je länger die Zinssätze niedrig blieben, desto größer wurde das Problem, da institutionelle Anleger immer mehr Geld in private Investmentfonds investierten. Große Player wie Softbank, Tiger Global und Sequoia, die über jede Menge Kapital verfügten, brüsteten sich mit der Geschwindigkeit, mit der sie Kapital bereitstellen konnten. Das setzte die Konkurrenten unter Druck, ihre Anwälte und Buchhalter zurückzurufen. Viele erklärten sich bereit, ihr Geld ohne Sicherheiten zu investieren. Bankman-Fried durfte sich weigern, seinen Aufsichtsrat mit Vertretern der Investoren zu besetzen und zwei völlig unbekannte Wirtschaftsprüfungsgesellschaften anzuheuern.

Selbst wenn die Investoren auf einer Due Diligence bestanden, übernahmen die praktische Arbeit in der Regel die jüngsten Anwälte, Berater und Banker. Die ganzen 20-Jährigen hatten keine nennenswerte Erfahrung mit Abschwüngen – und begriffen nicht, wie wichtig Kontrollen und Klauseln in dem Fall sind, wenn das Geld auszugehen droht.

Und das ist der Fall. Laut Crunchbase ist das Volumen der Risikokapitalfinanzierung im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 53 Prozent zurückgegangen. Angesichts steigender Zinssätze und Anleiherenditen müssen Investoren nicht länger wilde Wetten für eine angemessene Rendite eingehen. Alle erinnern sich plötzlich daran, dass die Bewertungen nicht immer nur steigen, auch nicht bei Gewinnern: Die Aktienkurse von Google und Amazon sind seit Januar um mehr als ein Drittel gefallen.

Investoren, die wieder echte Prüfungen durchführen wollen, sollten bei den Finanzen beginnen. Aus dem FTX-Fiasko kann man lernen, dass ordnungsgemäße Buchprüfungen wichtig sind, in denen alle Transaktionen offengelegt werden. Unregelmäßigkeiten im Cashflow geben potenziellen Geldgebern dann einen guten Grund, ihre Bedenken hinsichtlich der Unternehmensführung zu äußern.

Einige Gründer werden sich dagegen wehren, und einige Visionäre werden sich schwertun, den höheren Anforderungen zu genügen. Aber die besten Unternehmen werden überleben. Sie könnten sogar davon profitieren, indem sie nicht mehr im Wettbewerb mit mittelmäßigen Unternehmen stehen, die von verschwenderischen Investoren am Leben erhalten werden.

© 2022 The Financial Times Ltd.

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