FinanzmarktEuropa – eine gute Wahl für Anleger?

Der Tscheche Jan Zahradil, der Spanier Nico Cue, die Deutsche Ska Keller, die Dänin Margrethe Vestager, der Niederländer Frans Timmermans und der Deutsche Manfred Weber (v.l.n.r.) bei einer Debatte über die Neubesetzung der Kommissionsspitze
Der Tscheche Jan Zahradil, der Spanier Nico Cue, die Deutsche Ska Keller, die Dänin Margrethe Vestager, der Niederländer Frans Timmermans und der Deutsche Manfred Weber (v.l.n.r.) bei einer Debatte über die Neubesetzung der Kommissionsspitzedpa

Auch wenn es jetzt zynisch klingt, aber: Vielleicht sollte sich der Rest Europas in dieser Europawahl-Woche mal ein Beispiel an den Briten nehmen. Also, keinesfalls politisch oder was die Idee des Brexit betrifft. Denn der lähmt und schädigt das Königreich ja zurzeit so, dass nun zum X-ten Male die Frage im Raum steht: Was will die Mehrheit der Abgeordneten dort nun eigentlich? Können sie sich überhaupt jemals auf einen gemeinsamen Kurs in Richtung Zukunft einigen? Und tritt Großbritannien nun aus der EU aus – oder am Ende doch nicht? Politisch scheint das Königreich da derzeit nicht viel auf die Reihe zu bekommen. Fest steht nur, dass Premierministerin Theresa May zurücktritt. Etwas anders können die Briten dafür sehr gut: Die Sache mit dem Teetrinken haben sie perfektioniert. Und das mit dem Abwarten gelingt ihnen offenbar auch recht gut. In beidem müssen sich auch europäische Anleger zurzeit üben. Bevor das Ergebnis der Europawahlen nicht feststeht, ist nämlich auch nicht klar, wohin die Märkte demnächst driften werden.

Ein bisschen flatterhaft zeigten sich die Märkte in den vergangenen Tagen direkt vor der Wahl. Eurostoxx und Dax pendelten mal auf und mal ab, legten aber ab der Wochenmitte recht klar den Rückwärtsgang ein. Viele Investoren hielten sich erst einmal zurück angesichts der bevorstehenden Großabstimmung. Sie engagierten sich lieber nicht auf dem Kontinent. Schließlich wisse man ja nicht, wie die Wahlen ausgehen würden und ob sie nicht gar eine deutliche Schwächung der etablierten Parteien ergeben könnten. Laut Prognosen hatten zuletzt in einigen Ländern die populistischen und europaskeptischen Parteien größeren Zuspruch bekommen. Es könnte zudem sein, dass die beiden etablierten Parteienverbünde der Konservativen (EVP) und der Sozialdemokraten (SPE) ihre Mehrheit verlieren würden, die sich hierzulande aus Vertretern der CDU und SPD speisen. Laut Umfragen kommen die beiden Klassikverbünde derzeit nur auf rund 42 Prozent.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RTDas heißt nun aber bei weitem nicht, dass die Populisten des rechten und linken Rands die große Mehrheit im neuen Europaparlament stellen werden. Schließlich haben auch andere vom Schwächeln der Altparteiverbünde profitiert: die Grünen und Liberalen zum Beispiel, zudem gibt es noch die Demokraten und die „En Marche“-Bewegung von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron wird sicherlich eine größere Rolle spielen. Dennoch muss man gespannt abwarten, wie die Zahlen am Ende wirklich aussehen, denn sie könnten in einigen Ländern die bisherige politische Landschaft etwas durcheinanderbringen. Und das könnte sich auf die künftige Politik auswirken, auf einige Regierungen – vor allem auf die italienische, aber auch auf die französische und deutsche. Und damit wird es letztlich auch die Wirtschaft und Finanzmärkte beeinflussen.

Das große Postengeschacher

Ganz konkret steht nach den Wahlen aber auch eine andere Frage im Raum, die wirklich alle Bürger, Sparer und Anleger direkt betreffen wird: Wer bekommt künftig welchen Posten? Zu vergeben ist nämlich zuerst einmal die Stelle des EU-Kommissionspräsidenten. Der fungiert als eine Art oberster europäischer Regierungschef und gibt damit die Leitlinien der gesamteuropäischen Politik vor. Von ihm würde in den kommenden Jahren auch abhängen, wie stark die Europäische Union darauf drängt, dass es bald eine Banken- und Finanzmarktunion gibt – oder eben nicht. Und tatsächlich hätte ein Deutscher große Chancen, diesen Posten zu erringen: Manfred Weber (CDU) nämlich, der für die konservative Partei EVP ins Rennen geht. Doch sollte man sich wünschen, dass er die Stelle auch bekommt? Nur bedingt.

Denn ein anderes Amt wird ebenfalls neu vergeben, schließlich wird im Herbst der Nachfolger für den EZB-Präsidenten Mario Draghi gesucht. In den Startlöchern steht mit Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ebenfalls ein deutscher Kandidat, dem viele auch sehr große Chancen ausrechnen. Das Problem ist nur: Dass beide Posten an deutsche Kandidaten gehen, scheint sehr unwahrscheinlich. Denn die europäischen Regierungschefs und Abgeordneten achten bei ihren Stellenbesetzungen auch stets darauf, dass ein gewisser Länderproporz eingehalten wird, damit nicht einige wenige Länder die wichtigsten Schlüsselstellen im Alleingang besetzen.

Zumindest der französische Staatspräsident Macron wird darauf pochen, dass einer der beiden Posten von einem Franzosen besetzt werden wird. Die Republik hätte nämlich für beide Stellen ebenfalls ihre Kandidaten anzubieten. Zudem bringt Finnland noch qualifizierte Bewerber ins Spiel, die als gute „Kompromisskandidaten“ gelten. Das ist in diesem Falle nicht abwertend gemeint, sondern es heißt lediglich: Sollten sich die übrigen europäischen Länder von den deutschen und französischen Kandidaten überrannt oder übervorteilt fühlen, dann könnten die Finnen sozusagen für den Ausgleich sorgen und für eine neutrale Besetzung.