Interview„Es gibt genug Öl“

Ölförderung in Texasdpa


Rohan Murphy arbeitet seit 2007 für Allianz Global Investors, die Fondstochter des Versicherers Allianz und eine der größten deutschen Fondsgesellschaft. Murphy arbeitet in London und ist Analyst für Energieaktien. Sein Fokus liegt auf Öl- und Gaserzeugern.


Capital: Herr Murphy, steigende Ölpreise gelten als Indikator für einen Aufschwung, während fallende Preise typischerweise ein schwächeres Wirtschaftswachstum oder gar eine Rezession ankündigen. Seit Anfang Oktober ist der Ölpreis um 25 Prozent gefallen. Crasht jetzt die Weltwirtschaft?

Rohan Murphy
Rohan Murphy

ROHAN MURPHY: Der Preisverfall ist derzeit kein Indikator für eine Rezession und hat wenig mit der Nachfrage nach Öl zu tun, die weiterhin sehr stark ist. Vielmehr hatte der Markt große Sorgen, dass es angesichts der neuerlichen Iran-Sanktionen zu wenig Öl gibt. Deshalb ist der Preis zunächst stark gestiegen, bevor er wieder gefallen ist. Der Preisrückgang ist letztlich eine Korrektur.

Manche Marktbeobachter suggerieren dagegen, der Preissturz hänge mit US-Präsident Donald Trump zusammen. Der hatte sich auf Twitter für niedrigere Ölpreise ausgesprochen. Wieso glauben SIe nicht an diese Theorie?

Trump war eher für den vorangegangen Anstieg mitverantwortlich. Seine Sanktionen gegen Iran haben erst zu den Sorgen der Investoren geführt. Und jetzt haben Ölkäufer gemerkt, dass das Angebot trotz der Sanktionen weiter groß genug sein wird, weil es genug Förderer gibt.

Welche Rolle spielt dabei die US-Ölindustrie, die vor allem mit der umstrittenen Frackingmethode Öl fördert? Bislang war es so: Stieg der Preis, konnten die Fracker binnen kurzer Zeit viel Öl fördern – und so jeden Preisanstieg begrenzen.

Die Industrie hat nicht mehr dieselbe Rolle wie früher. Zum einen leidet sie derzeit unter Pipeline-Problemen im US-Bundesstaat Texas, die wohl bis Ende 2019 anhalten werden. Zum anderen wird die Branche grundsätzlich nicht mehr so stark wachsen wie bisher, das schränkt ihre Position weiter ein. Anders als früher geht es den Fracking-Unternehmen nicht mehr um Wachstum um jeden Preis, sondern auch um ordentliche Einnahmen. Wachstum ohne Profite bringt nichts.

Wenn die US-Fracker den Preis nicht mehr so stark beeinflussen, stellt sich die Frage: Inwiefern können Verbraucher mit weiter fallenden Ölpreisen rechnen?

Langfristig wird Öl vermutlich nicht weniger als 60 Dollar pro Fass kosten. Fällt der Preis unter diese Marke, wird das kein Dauerzustand sein. Die meisten Ölförderer – ganz gleich ob Staaten oder einzelne Unternehmen – können sich einen Ölpreis unter 60 Dollar gar nicht leisten, das würde ihnen finanziell schaden. Vermutlich würde das Angebot dann knapper werden, bis es so gering ist, dass der Preis wieder auf 60 Dollar oder mehr steigt. So komisch das klingen mag, aber: Das wirksamste Mittel gegen niedrige Ölpreise sind niedrige Ölpreise.

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff Chart

Manche Beobachter spekulieren darüber, der Club der Ölförderstaaten, die OPEC, könnte sich darauf einigen, die Fördermenge zu begrenzen und so den Preis nach oben zu treiben. Wie realistisch ist das Szenario?

Die OPEC wird eher versuchen, den Markt durch Rhetorik zu stabilisieren als durch ein neues Abkommen, wie es ihr zuletzt 2016 gelungen ist. Dass es damals überhaupt geklappt hat, hatte auch mit Sonderfaktoren zu tun, so gab es ohnehin Förderprobleme, etwa in Venezuela. Das macht ein Abkommen natürlich einfacher. Erfahrungsgemäß kann sich die OPEC am ehesten zu Vereinbarungen durchringen, wenn die Preise niedrig sind. Bei den derzeitigen Niveaus ist der Anreiz aber gering, sich die Mühe für ein Abkommen zu machen.

Die Weltwirtschaft wächst derzeit schwächer als in den vergangenen Jahren, Ökonomen rechnen mit einer Fortsetzung dieses niedrigeren Wachstums. Welche Rolle spielt in dieser Situation der Ölpreis?

Das hängt davon ab, wie sich der Preis tatsächlich entwickeln wird. Hohe Preise wirken wie eine Extra-Steuer, weil weiterhin sehr viele Unternehmen Öl brauchen, während niedrige Preise die Weltwirtschaft beflügeln könnten.