EditorialEin neues Argument für die Aktie

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

Eine Aktie ruft nicht an, dass die Heizung kaputt ist. Diesen Satz schrieb ich an einem kalten Februarmorgen in mein Notizbuch, an dem wieder einmal mein Mieter anrief, dass wieder einmal irgendein Teil an der Gastherme kaputt war. Mit einer Aktie muss man beim Verkauf auch nicht streiten, wer die Wände streicht. Oder über Kratzer im Parkett, Wasserschäden, Schimmel oder Zeiten, in denen Geige gespielt werden darf.

Natürlich können mit einer Aktie jede Menge andere Dinge passieren: Ihr Kurs kann fallen, manipuliert werden, mächtige Investoren können gegen sie wetten; das Unternehmen kann in Schieflage geraten oder pleitegehen. Ja, eine Aktie kann wenig Freude bereiten. Nur eines wird sie nicht tun: mir schon um 7 Uhr morgens auf den Keks gehen.

Cover der Oktober-Ausgabe von Capital
Cover der Oktober-Ausgabe von Capital

Vielleicht ist das für Sie ein etwas ungewöhnliches Argument für Aktien. Aber immerhin ist es ein neues – in einem Schlagabtausch, der mir in Deutschland seit Jahren ziemlich festgefahren scheint.

In weiten Teilen der Politik wird das Börsentreiben stolz beargwöhnt oder abgelehnt. Finanzminister Olaf Scholz sagt zum Thema Geldanlage: „Damit beschäftige ich mich kaum, es liegt einfach auf dem Sparbuch – trotz der niedrigen Zinsen.“ Robert Habeck, Stern der aufstrebenden Grünen, bekennt, keine Aktien zu besitzen. Andrea Nahles, Interimsmanagerin der sterbenden Sozialdemokraten, schießt gegen die kapitalgedeckte Rente, bei der „bei einem Börsencrash über Nacht die gesamte Altersvorsorge vernichtet wird“. Zwei bis drei Prozent, was die gesetzliche Rente bringe, schaffe man „am Kapitalmarkt nicht“. Unkenntnis paart sich mit Ideologie und verbarrikadiertem Trotz.

Zur Erinnerung: Aktien bringen auf lange Sicht real zwischen fünf und sechs Prozent pro Jahr. Ich fürchte allerdings, dass solche Zahlen Menschen, die den Börsen fern sind, auch nicht erreichen, schon gar nicht Politiker, die dagegenwettern. Und hier sehe ich auch ein Problem im Lager der Aktienfans: Es sind die ewig gleichen Argumente mit Durchschnittsrenditen und Dekadenbetrachtungen – die gegen den festen Eindruck anrennen, dass am Ende das ganze Spiel nur eine Zockerei von großen, bösen Jungs ist.

Das Ergebnis ist, nach zehn Jahren Wachstum, dass Deutschland (und weite Teile der Welt) eine beeindruckende Phase hinter sich hat, in der der Wohlstand stark gestiegen ist. Aber viele Deutsche hatten keinen Anteil daran. Weil sie etwas scheuen oder nicht verstehen; und sie von ganz oben darin bestärkt werden. Denken Sie das nächste Mal daran, wenn die Heizung kaputt ist.