KolumneDividenden sind der alte Zins

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Beginnen wir mit einer kleinen Schätzfrage zum US-Aktienmarkt: Was glauben Sie, in wie viel Prozent der Jahre seit 1870 (dem Beginn der Datenverfügbarkeit) die Rendite zehnjähriger Staatsanleihe unter (!) der Dividendenrendite des Aktienmarkts lag? Also wir quasi in der Situation steckten, die von vielen als aktuelle Anomalie dargestellt wird, weil die Notenbanken die Zinsen nach unten manipulieren?

Die richtige Antwort lautet: In 60 Prozent der Fälle lag die Rendite von US-Anleihen unterhalb der durchschnittlichen Dividendenrendite von US-Aktien. Daran kann sich nur kaum noch jemand erinnern, weil es in der jüngeren Vergangenheit zwischen den 60er- und Nuller-Jahren fast immer andersherum war. Früher hingegen war es völlig normal, dass Aktionäre für das Halten volatiler Dividendenpapiere höher entlohnt werden wollten als für den Besitz von Staatsanleihen – wenngleich nicht in dem dramatischen Ausmaß wie derzeit, denn die Dividendenrendite des Dax ist unglaubliche 25-mal höher als die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen.

Dieses Wissen um historische Zusammenhänge ist wichtig, will man sich eine Meinung zur derzeit laufenden Debatte bilden, ob „Dividenden der neue Zins“ seien. In dieser Diskussion geht es um mehr als um Marketingsprüche von Finanzdienstleistern, denn die Beschäftigung mit dem Thema Dividende und Dividendenstrategien, also dem gezielten Kauf ausschüttungsstarker Titel, lohnt mehr denn je – sofern man einfach nur ein wenig Geduld mitbringt und keine Wunderdinge erwartet.

Dividenden haben noch Luft

Dafür spricht nicht nur die Tatsache, dass hohe Dividendenrenditen im Vergleich zu Anleihenzinsen historisch alles andere als ungewöhnlich sind (und sich dies eben auch nicht rasch wieder umkehren muss, wie Pessimisten argumentieren). Sondern auch, dass hinter uns zwei Dekaden mit sehr hohen Gewinnsteigerungen der Unternehmen liegen. Solche Phasen endeten stets mit einer Rückkehr zum Durchschnitt, also einer Verflachung der Gewinndynamik – was wiederum heißt, dass die Bedeutung der Dividenden für den Gesamtertrag noch wichtiger wird, als sie es ohnehin schon ist: Langfristig – also über mehrere Jahrzehnte – stammt eben nicht die Hälfte, sondern aufgrund des Zinseszinseffekts 90 Prozent und mehr des Zugewinns einer Aktienanlage aus wiederangelegten Dividenden.

Um sich dies zu vergegenwärtigen: Der um das Jahr 1900 um 100 Punkte pendelnde Dow Jones würde als Performanceindex wie der Dax – inklusive Dividenden – heute bei über zwei Millionen Punkten notieren. Der bekannte Kursindex steht bei lediglich 18.100 Punkten. Und: Die Dividenden haben noch Luft, die Ausschüttungsquoten sind im historischen Vergleich ebenfalls niedrig, sehr zum Ärger vieler institutioneller Anleger, die hier Druck machen auf die Unternehmen.

Ein weiteres taktisches Argument rundet die Lage ab:  Auf dividendenstarke Aktien zu setzen ist letztlich nichts anderes als eine „Value-Strategie“, also eine am Substanzwert von Aktien orientierte Aktienauswahl. Schließlich signalisiert eine hohe Dividendenrendite eine Unterbewertung. Einfache Value-Strategien sind langfristig sehr erfolgreich, da man mit ihnen einerseits Unterbewertungen aufspüren kann, in jedem Fall aber andererseits Übertreibungen vermeidet. Zudem war genau diese Strategie zuletzt wenig gefragt, weil Investoren planbares Wachstum bevorzugen.

Freilich spielt all dies – und das ist die Kehrseite – auf kurze Sicht von drei bis fünf Jahren kaum eine Rolle. Laut langfristigen Studien schneiden dividendenstarke Aktien in Börseneinbrüchen zwar ein klein wenig besser ab als der Gesamtmarkt. Die Größenordnung sind etwa ein bis zwei Prozentpunkte pro Monat. Das hilft wenig im Umfeld von Einbrüchen, wie wir sie ab 2000 und dann 2008 gesehen haben. Die dividendenstärksten Titel vor ziemlich genau zehn Jahren in Deutschland und Europa – waren Banken und Versorger wie Eon und RWE, die dann zu den größten Verlierern der letzten zehn Jahre wurden. Nestlé ist ein defensiver Konsumgüterkonzern und verlässlicher Dividendenzahler – und dennoch verlor die Nestlé-Aktie trotz operativ glänzend laufender Geschäfte während des letzten Börsenkrachs in der Spitze über ein Drittel an Wert.