FintechDie ultimative Analyse des Savedroid-Geschäftsmodells

Savedroid-Gründer und -CEO Yassin Hankir
Savedroid-Gründer und -CEO Yassin Hankir

Tagelang diskutierte die deutsche Finanzbranche über den PR-Stunt des Frankfurter Fintechs Savedroid. Dabei sind die Fragen, um die es eigentlich gehen sollte, ganz andere: Was ist das eigentlich für eine Firma, die da kürzlich mittels „Initial Coin Offering“ (ICO) bei mehr als 35.000 Anlegern rund 40 Mio. Euro eingeworben hat? Wie funktioniert das Geschäftsmodell? Und warum hat sich Savedroid überhaupt per „Krypto-Börsengang“ statt auf normalem Wege Geld besorgt? Gibt es irgendeine notwendige oder auch nur hinreichende Verknüpfung zwischen Business Case und Funding-Methode?

Diese und weitere Fragen haben wir dem Finanzierungsexperten Thomas Borgwerth aufgeladen, der den Branchen-Newsletter „Finanz-Szene.de“ neuerdings bei komplexen analytischen Themen unterstützt. Sie werden erstaunt sein, was Herr Borgwerth so alles herausgefunden hat.

Finanz-Szene.de: Herr Borgwerth, fangen wir ganz einfach an: Was ist beziehungsweise war die ursprüngliche Idee von Savedroid?

Thomas Borgwerth: Savedroid ist knapp gesagt die Spardose auf dem Smartphone. „Geld sparen, ohne daran denken zu müssen“, lautet der Slogan. Das funktioniert mittels automatischer Sparregeln – sogenannter Smooves. Wer sein Smartphone als ständigen Begleiter und Alltagsassistent nutzt, kann zum Beispiel festlegen, dass bei jedem Fitness-Center-Besuch 5 Euro auf das Sparkonto überwiesen werden. Er hat aber zum Beispiel auch die Möglichkeit, bei Eingang des Gehalts gleich 5 Prozent zur Seite zu legen. Selbst verrücktere Sparregeln sind denkbar, der Fantasie sind fast keine Grenzen gesetzt.

War das eine gute Idee?

Zumindest war sie nicht schlecht. Sparen hat volkswirtschaftlich eine wichtige Funktion, bildet es doch die Grundlage für Investitionen. Und: Sparen kann man durchaus als Tugend bezeichnen; man ist nicht sofort auf die Hilfe anderer angewiesen, wenn es finanziell mal knapper wird. Das Problem allerdings: Sparen ist sozusagen nicht instagrammable – also nichts für junge Leute. Darum ist die Idee von Savedroid, das Sparen gewissermaßen App-kompatibel zu machen, zu begrüßen.

Wie wollte Savedroid mit dieser Idee Geld verdienen?

Erst einmal hat das Unternehmen bei diesem Geschäftsmodell keine Einnahmen. Denn sämtliche Dienstleistungen, die Savedroid anbietet (die App, die Spartransaktionen, die Rücküberweisungen, das Sparkonto, die virtuelle Sparkarte …), sind für den Kunden kostenlos. Laut den AGBs werden die Nutzerdaten nicht verkauft. Die Guthaben werden nicht verzinst. Erlöse lassen sich für Savedroid prima facie also nicht generieren (nebenbei bemerkt: Wir leben in Nullzinszeiten!). Abzuziehen sind dann noch die Aufwendungen, die die abwickelnde Bank (Wirecard) hat. Savedroid zahlt der Wirecard-Bank die Kontoführungsgebühren und die Transaktionskosten für Kleinstüberweisungen.

Woher kommen dann die Einnahmen?

Savedroid will die „situative Relevanz“ der gesammelten Daten nutzen, um Geld zu verdienen. Einfacher ausgedrückt: Wenn die Firma weiß, wofür jemand spart, dann kann sie ihm auch entsprechende Angebote machen. Spart also jemand für eine Reise nach Mexiko, dann kann Savedroid ihm den Reiseveranstalter vermitteln und von diesem eine entsprechenden Provision vereinnahmen. Tatsächlich geht Savedroid laut AGBs bei der Optimierung von Laufzeitverträgen der Nutzer (etwa Strom- oder Mobilfunkverträge) schon genauso vor – macht dem User also individuelle Vorschläge und vermittelt ihn an die entsprechenden Anbieter.

Kann diese Geschäftsidee funktionieren?

Ja. Allerdings klingt das Geschäftsmodell vermutlich plausibler, als es letztlich ist. Denn viele Fintechs beziehungsweise Banken verfolgen die Idee, an der Vermittlung von Verträgen zu verdienen – der Konkurrenzkampf ist womöglich größer als der Kuchen, den es zu verteilen gibt. Hinzu kommt: Da die Sparziele und die Vorlieben der Konsumenten stark variieren, dürfte es (künstliche Intelligenz hin oder her) extrem schwierig sein, für jedes Sparziel gleich das richtige Angebot parat zu haben.