Start-upsWie sich die Fintech-Szene immer wieder selber schadet

Symbolbild: Fintech auf dem Smartphone
Symbolbild: Fintech auf dem SmartphoneGetty Images

Eigentlich lief es zuletzt ausgesprochen gut für die deutsche Fintech-Branche. Die mobile Bank N26 erhielt eine Rekordfinanzierung in Höhe von rund 130 Millionen Euro. Die Solarisbank gewann die Großbanken BBVA und ABN Amro sowie Visa als Investoren. Der Tagesgeldvermittler Weltsparen ging eine Kooperation mit Paypal ein. Und die Kreditplattform Auxmoney verkündete, zumindest auf Sechs-Monats-Sicht, den Break-Even erreicht zu haben.

Doch an diesem Mittwoch erlebte die Szene einen regelrechten GAU: Das seit Monaten gehypte Frankfurter Fintech-Unternehmen Savedroid, das jüngst mittels eines Initial Coin Offerings (eine Art Krypto-Börsengang) 40 Millionen Euro eingeworben hatte, verschwand sozusagen von der öffentlichen Bildfläche. Die Homepage bestand nur noch aus einem Bild mit dem bösen Banker aus der US-Serie „South Park“, dazu der Text: „Aaand … It’s gone.“ Das Team war selbst für engste Vertraute nicht mehr zu erreichen, das Twitter-Profil des Chefs zeigte ebenjenen offenbar an einem Flughafen, Daumen hochgereckt, darunter stand: „Thanks guys! Over and out …“

Die Geschichte machte binnen kürzester Zeit die Runde, selbst die ARD berichtete. Wilde Spekulationen wurden angestellt. Es hieß, das Savedroid-Team habe sich womöglich mit den 40 Millionen Euro der Anleger aus dem Staub gemacht. Oder Savedroid sei gehackt worden – was freilich nicht erklärt hätte, warum sämtliche Mitarbeiter plötzlich untergetaucht waren. Die Wahrheit war banaler: Es handelte sich um einen Marketinggag. Beziehungsweise es handelte sich um das, was die Savedroid-Gründer für einen Gag hielten, nämlich Tausenden von ICO-Anlegern vorzugaukeln, sie seien auf dreisteste Weise um ihr Geld betrogen worden.

Um es kurz zu machen: Das Unternehmen Savedroid, dessen eigentliches beziehungsweise angebliches Geschäftsmodell darin bestehen sollte, neue Formen des Sparens zu entwickeln, ist nach dieser Nummer womöglich erledigt. Denn selbst wenn man davon ausgeht, dass die Savedroid-Gründer den Krypto-Jüngern mit ihrer Aktion lediglich den Spiegel vorhalten wollten – einem Unternehmen, das solche Harakiri-Nummern fährt, werden die Menschen eher nicht ihre Ersparnisse anvertrauen.

Spannender allerdings ist die Frage, was der „Fall Savedroid“ für die deutsche Fintech-Branche insgesamt bedeutet. Der missratene Savedroid-Gag ist für die deutsche Finanz-Start-up-Szene leider charakteristischer, als diese sich eingestehen will. Denn so großartig sich viele Unternehmen in den vergangenen Jahren entwickelt haben – in der Branche passieren auch immer wieder Dinge, die Beobachter die Stirn runzeln lässt. Etwa die seltsame Geschichte des Börsengangs des Hamburger Fintechs Naga. Oder die Story des inzwischen wieder von der Börse verschwundenen Fintechs Cashcloud.

Und was die Gemengelage noch komplizierter macht: Selbst unter jenen Anbietern, die man eigentlich gern dem seriösen Lager zuschlagen würde, gibt es solche, die im Wettstreit um die größtmögliche Aufmerksamkeit bisweilen Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit aufkommen lassen. Da ist zum Beispiel die Berliner Start-up-Bank Penta, die neulich in ihrer deutschsprachigen Pressemitteilung andere Angaben machte als in ihrer englischsprachigen. Oder der ebenfalls in Berlin ansässige Kreditvermittler Smava, der im Januar eine riesige Finanzierungsrunde über 65 Millionen Dollar verkündete, sich kritischen Nachfragen hierzu aber nicht stellen wollte.

Eigentlich wäre Savedroid ein guter Anlass, dass sich der seriöse Teil der Branche endlich vom weniger seriösen distanziert. Das aber findet bislang nicht statt. Stattdessen verfährt die Szene meist nach dem Vorbild der Krähen, die einander kein Auge auskratzen. Die Folge: Es fehlt der Branche an Korrektiven. Zumal es so etwas wie kritischen Fintech-Journalismus in Deutschland allenfalls in Ansätzen gibt. Die Szene jubelt über sich selbst. Und sie wird bejubelt. In Fintech-Pressemitteilungen vermischen sich bisweilen Wahrheit und Dichtung, was aber nicht weiter hinterfragt wird. Denn ihre Öffentlichkeit schaffen sich die Fintechs größtenteils selbst, via Social Media und über Branchenblogs, die von Branchenangehörigen betrieben werden.

In diesem Zusammenhang wirkt es zwar nicht grundsätzlich vermeidbar, aber doch im konkreten Fall unglücklich, dass zwei Betreiber des wichtigsten (und sehr lesenswerten) deutschsprachigen Fintech-Blogs, nämlich „Paymentandbanking“, bei Savedroid als Aufsichtsrat und Berater mitmischen. Und ein weiterer einflussreicher (und eigentlich lesenswerter) Fintech-Blog, nämlich „About Fintech“, trommelte so laut für den Savedroid-ICO, dass die Leser sich fragten, ob die persönliche finanzielle Verquickung des Betreibers nicht ein Stück weit sein Urteil trübte. Fairerweise muss man sagen: Der Blogger verschwieg die Verquickung nicht. Und trotzdem vermittelte der ganze Initial Coin Offering von Savedroid den Eindruck, es gehe hier nicht um „Finanzdienstleistungen 4.0“, sondern um „Graumarkt 4.0“. Der missglückte Marketing-Gag passte insofern ins Bild.

Und nun? Die deutsche Fintech-Branche ist zu stark, als dass die „Causa Savedroid“ ihr etwas anhaben könnte. Aber ein paar Lehren aus der Geschichte zu ziehen dürfte trotzdem nicht schaden.