FintechDer merkwürdige Naga-ICO

Auf einem Computer-Bildschirm ist eine Übersicht über laufende ICOs zu sehen
Auf einem Computer-Bildschirm ist eine Übersicht über laufende ICOs zu sehenGetty Images

Initial Coin Offerings (also „Krypto-Börsengänge“) ? Ist das Thema nicht durch? Jeder Fallhöhe beraubt, seit Studien zu Ergebnissen kommen wie: Knapp die Hälfte aller ICO-Start-ups hält keine vier Monate durch … Oder: Über 80 Prozent aller ICOs sind Betrug …? Jedenfalls: Der Branchen-Newsletter Finanz-Szene.de hat einen ganz speziellen ICO trotzdem nochmal unter die Lupe genommen. Nämlich den des Hamburger Fintechs Naga. Warum? Weil es sich bei der Naga AG um kein beliebiges No-Name-Start-up handelt. Sondern um ein Unternehmen, das mit der etablierten Finanzindustrie eng verwoben ist. So betreiben die Hanseaten zum Beispiel Joint-Ventures mit Hauck & Aufhäuser und der Deutschen Börse. Als eines der wenigen Fintechs gehören sie dem Bankenverband an. Und sie wissen als Großaktionär den chinesischen Investor Fosun hinter sich, der gerade mit Bafin-Plazet in Deutschland Fuß zu fassen versucht. Darum sei die Frage erlaubt: Wo sind die 50 Mio. Dollar aus dem Naga-ICO eigentlich gelandet?

Fangen wir an mit einem Rückblick: Es war ein Debüt, das einem Sommernachtstraum glich, als „The Naga Group AG“ vor einem Jahr an die Frankfurter Börse ging. Zu einem Ausgabepreis von 2,60 Euro emittiert, schoss der Kurs innerhalb weniger Tage bis auf einen Rekordwert von über 15 Euro, ein Plus von fast 500 Prozent. Der Börsenwert lag plötzlich bei mehr als einer halben Milliarde Euro, womit es sich bei der bis dahin weitgehend unbekannten Naga AG urplötzlich um das – jedenfalls auf dem Papier – wertvollste deutsche Fintech handelte. Das Geschäftsmodell freilich war schon damals schwer zu dechiffrieren. Irgendwas was mit Online-Trading. Und irgendwas mit Krypto.

The Naga Group Aktie

The Naga Group Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Dabei warf nicht nur das Geschäftsmodell Fragen auf. Wer sich damals etwas näher mit dem Börsenprospekt beschäftigte, stieß auf manches Mysterium. Anstelle von Zahlen, die einen wirklich Einblick in die tatsächliche Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns ermöglicht hätten, bot der Prospekt an einer Stelle „Pro-Forma-Finanzinformationen“, die lediglich „illustrativen Zwecken“ dienen sollten. Es war eine Kapitalmarkt-Story, wie man sie nicht alle Tage erzählt bekommt. Umso erstaunlicher, dass die Börse stolz verkündete, die Naga AG sei als „erstes Unternehmen aus dem Deutsche Börse Venture Network“ im neuen Wachstumssegment „Scale“ gelistet worden.

Der ICO nach dem IPO

Im Dezember folgte der nächste Coup, nach dem IPO nun der ICO. Dazu muss man wissen: Während Naga aus dem IPO lediglich 2,6 Mio. Euro erlöste (bevor Fosun im September weitere 3,3 Mio. Euro an Finanzmitteln zur Verfügung stellte), sollte der ICO bis zu 220 Mio. in die Kasse spülen (hier wurde von Unternehmensseite allerdings in Dollar gerechnet, nicht in Euro). Ganz so viel Geld kam zwar nicht zusammen. Immerhin sammelte Naga aus dem Token-Verkauf nach eigenen Angaben aber rund 50 Mio. Dollar ein. Ein stattlicher Erfolg!

Tatsächlich erreichte die Naga-Aktie (nachdem sie zwischenzeitlich eingebrochen war) im Zuge des Initial Coin Offerings wieder alte Höchststände – denn immerhin konnte man bei oberflächlicher Betrachtung der Ansicht sein, dass die Naga AG jetzt über 50 Mio. Dollar mehr als vorher verfügte. Dann allerdings brach die Aktie erneut ein. Lag der Kurs Anfang Januar noch bei mehr als 10 Euro, geht es seitdem fast nur noch nach unten. Gestern Nachmittag notierte das Papier nur mehr bei 2,25 Euro.

Warum? Einen ersten Hinweis darauf, dass es mit dem ICO womöglich nicht ganz so gelaufen ist, wie es sich manche Aktionäre wohl vorgestellt hatten, fand sich bereits im Februar in einer Ad-hoc-Meldung zum vorläufigen Ergebnis 2017. Dort stand nämlich, dass die Finanzkennzahlen „entscheidend durch einmalige Umsatzerlöse in Höhe von 6,3 Mio. EUR für Dienstleistungen im Rahmen des erfolgten Token Sales der NAGA Development Association Ltd geprägt“ worden seien. Übrigens: Kurz darauf kam noch eine zweite Ad-hoc, in der das Wort „einmalige“ plötzlich fehlte. Die Naga AG spricht auf Anfrage davon, die erste Version sei versehentlich hochgeladen worden. Korrekt seit die zweite.