KolumneDer Börsencrash ist der K.-o.-Schlag für die Aktienkultur

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Wie es um die Aktienkultur in Deutschland bestellt ist, weiß jeder, der sich für das Thema interessiert. Die gegenwärtige Börsenbaisse wird die Einstellung der Deutschen zur Aktienanlage nicht beleben. Ebenso wenig denkt unser Staat daran, den Crash zum Aufbau einer kapitalgedeckten Säule der Altersvorsorge zu nutzen. Mehr noch: Aus Berlin hört man auch jetzt noch – nachdem Eigenkapitalinvestoren rasch ein knappes Drittel ihres Vermögens eingebüßt haben – nichts von der Abschaffung der vielfältigen Diskriminierungen, denen die Aktie in Deutschland ausgesetzt ist.

Auch die undurchdachten SPD-Pläne zur Transaktionssteuer scheinen durch die Corona-Krise nicht beeinträchtigt zu werden. Damit macht Bundesfinanzminister Olaf Scholz das Anlegen in Aktien vor allem für Normalbürger unattraktiver, ohne dabei dem Fiskus nennenswerte Mehreinnahmen zu verschaffen.

Während aber manche Wirtschaftssektoren mit regulatorischen Erleichterungen rechnen können, gilt das für die Investmentbranche nicht. Selbst die vielen unglücklichen MiFID-Vorschriften, die den Anlegern wenig, dem Staat aufgeblähte Behörden und der Investmentindustrie enormen bürokratischen Aufwand beschert haben, bleiben scheinbar unangetastet.

Beim Thema Aktienkultur muss man von ganz unten anfangen

Ich habe bereits vor Jahren aufgegeben, eine breite und rege Kultur der Beteiligung am Produktivvermögen für realistisch zu halten. In seinen Gesprächen mit Eckermann macht Goethe am 1. Mai 1925 folgende Bemerkung: „Überhaupt mit einer erwachsenen Generation ist nie viel zu machen, in körperlichen Dingen wie in geistigen, in Dingen des Geschmacks wie des Charakters; seid aber klug und fanget in den Schulen an, und es wird gehen“.

Etwa so stelle ich mir das Thema „Aktienkultur“ in Deutschland vor. Man muss von ganz unten anfangen und in den Schulen über Produktivvermögen, Beteiligung an der Wirtschaft, Altersvorsorge und Finanzmärkte sprechen. Dann besteht eine Chance, dass Deutschland irgendwann den Anschluss bei der langfristigen Vermögensbildung findet.

Aktuell fällt man aber in alte, bereits verworfene Muster zurück. Wie schon in der großen Finanzkrise dreht sich alles um Schulden und das Gerede von Euro-Bonds – freilich unter dem neuen Namen Corona-Bonds – macht abermals die Runde. Dabei gibt es für Länder wie Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich überhaupt kein Finanzierungsproblem. Die Zinsen, die von diesen Ländern aufzubringen sind, waren noch nie so niedrig wie heute und liegen unterhalb der jeweiligen Inflationsraten. Obendrein wird die EZB diese Anleihen in unbegrenztem Umfang kaufen, sollte es einmal klemmen.

Für die Bürger Deutschlands besteht eine zusätzliche Pikanterie darin, dass die Bürger der genannten Staaten im Durchschnitt mitunter wesentlich vermögender sind als die Bundesbürger. Dieser Umstand ist bestens durch die vielen Vermögensstatistiken dokumentiert und vor allem auf die relativ hohe Sachwertbesitzquote in den besagten Ländern zurückzuführen.

Vermögensschere schließt sich

Den zahlreichen Umverteilungsaposteln sei schließlich noch zugerufen, dass die Börsenbaisse die deutsche Vermögensstatistik ganz in ihrem Sinne hurtig verschiebt. Ich wundere mich sogar, dass die Zeitungen nicht titeln: „Vermögensschere zwischen Reichen und Armen schließt sich rasant schnell durch den Kurseinbruch an den Börsen.“ Vielleicht ahnen manche Beobachter, dass niemandem damit gedient ist, wenn der Wert der Wirtschaft einbricht. Auch für die seit Jahren sprudelnden Steuereinnahmen des Staates ist das keine gute Kunde.

Ungeachtet dessen darf sich der Einzelne fragen, ob es irgendwann sinnvoll sein könnte, die verfallenen Aktienkurse zum Einstieg bzw. Nachkauf zu nutzen. In der letzten Woche fiel etwa auf, dass China sich angesichts spottbilliger Ölpreise mit dem schwarzen Gold eindeckt. Für die nationale Ölreserve der USA gilt das Gleiche. Heutzutage liest man erstaunlicherweise, von China lernen heiße siegen lernen. Wohlan, dann gilt vielleicht auch für Aktien, dass man eine Krise tunlichst nicht verschlafen sollte.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns