GastkommentarAktienkultur muss gelernt werden

Aktien
Trotz nachweisbarer Vorzüge scheuen die Deutschen Aktien (Foto: Johannes Mink)

Christine Bortenlänger ist Chefin des Deutschen Aktieninstituts. Der Verein, dem 200 Unternehmen, Banken, Börsen und Investoren angehören, wirbt für die Aktienanlage.Christine Bortenlänger ist Chefin des Deutschen Aktieninstituts. Der Verein, dem 200 Unternehmen, Banken, Börsen und Investoren angehören, wirbt für die Aktienanlage (Foto: DAI)


Die Aktienkultur in Deutschland ist unterentwickelt. Seit Jahren pendelt die Zahl der Aktionäre um die neun Millionen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit weit abgeschlagen hinter Ländern wie den USA, Großbritannien oder Schweden, in denen deutlich mehr private Anleger in Aktien investieren. Mit lediglich knapp acht Prozent ist der Aktienanteil am Geldvermögen der Deutschen denkbar niedrig. In den USA beträgt diese Quote rund 35 Prozent.

Von den Unternehmen wird die Aktie zu wenig als Finanzierungsinstrument genutzt. Seit der Finanzkrise herrscht in Deutschland an den Märkten für Neuemissionen Flaute. Nur etwas mehr als 60 Neuemissionen haben wir seit 2008 in Deutschland gesehen, während es in den USA mehr als das Zehnfache, und selbst in unserem Nachbarland Frankreich fast das Dreifache an Börsengängen gab. Zu denken gibt auch, dass die Zahl der börsennotierten Unternehmen insgesamt rückläufig ist. So haben sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise mehr als ein Fünftel der Unternehmen von der Börse zurückgezogen. Offensichtlich verliert die Börse an Attraktivität.

Kursschwankungen aushalten

Doch was sind die Gründe dafür? Die Deutschen lieben sichere Anlagen. Bankeinlagen wie Tagesgeld gehören zu ihren bevorzugten Anlageformen. Diese schwanken nicht im Wert, schaffen es in der derzeitigen Niedrigzinsphase allerdings mangels Rendite nicht, Vermögen zu erhalten. Mit „einfachen“ Produkten eine vernünftige Rendite, das heißt eine Rendite oberhalb der Inflationsrate zu erzielen, ist heutzutage eigentlich nur noch mit Aktien möglich.

Das setzt aber voraus, dass die Anleger das Prinzip Aktie verstanden haben und die grundlegenden Regeln der Aktienanlage kennen und berücksichtigen. Dazu gehört unter anderem die Streuung innerhalb des Portfolios. Außerdem müssen Anleger Kursschwankungen, die es kurzfristig immer geben wird, aushalten können. Langfristig werden sie dafür mit einer Rendite belohnt, die – unabhängig vom Zinsniveau – zwei bis drei Prozentpunkt über der Verzinsung von festverzinslichen Wertpapieren liegt.

Unter vermögenspolitischen Erwägungen ist es wichtig, den Deutschen die Aktie näher zu bringen. Dazu gehört das Vermitteln grundlegender Kenntnisse der Geldanlage idealerweise im Rahmen eines Schulfaches Ökonomie. Nur so kann es gelingen, dass deutsche Privatanleger ihre irrationale Furcht vor der Aktienanlage ablegen. Da sich aber das Schulfach Ökonomie nicht so schnell realisieren lässt, bedarf es anderer Wissensvermittler. Dazu gehören klassischerweise die Banken, die sich aber wegen der wachsenden gesetzlich vorgeschriebenen Bürokratie wie Beratungsprotokoll und Produktinformationsblatt scharenweise aus der Aktienberatung zurückziehen. Ohne Beratung ist der Anleger aber gezwungen, zum Selbstentscheider zu werden oder ganz von der Aktienanlage abzusehen. Das kann nicht im Interesse des Bürger und des Staates  sein.

Aktienanlage wird steuerlich diskriminiert

Auch aus steuerlicher Sicht ist die Aktienanlage unattraktiver geworden. Seit der Einführung der Abgeltungsteuer 2009 werden Unternehmensgewinne auf Unternehmens- und auf Anlegerebene besteuert. Damit beträgt der Steuersatz auf Aktienerträge fast 50 Prozent. Bei Erträgen aus festverzinslichen Wertpapieren, die nur auf Ebene der Anleger besteuert werden, sind es dagegen nur etwas mehr als 25 Prozent. Durch die immer noch nicht verworfene Finanztransaktionssteuer, die in einem ersten Schritt auf Aktien und „einigen“ Derivaten erhoben werden soll, würde sich die steuerliche Diskriminierung der Aktienanlage noch verschärfen.

Die Risikoscheu der Anleger spiegelt sich bei den Unternehmen wider. Der Mittelstand ist gegenüber kapitalmarktorientierten Finanzierungsalternativen skeptisch. Die teilweise wenig zielführenden, aber äußerst kostenintensiven Publizitätspflichten schrecken Unternehmen ab. Auch fürchten viele Mittelständler, nach dem Börsengang ihre strategischen Entscheidungen permanent gegenüber Investoren rechtfertigen zu müssen.

Die Politik muss ein Signal „Pro Börse“ senden

Anders sieht es bei jungen, innovativen Unternehmen aus, die es gewohnt sind, ihre Strategie mit Wagniskapitalgebern zu diskutieren. Allerdings bevorzugen Börsenkandidaten wie der 3D-Druckerhersteller Voxeljet vermehrt andere Börsenplätze, insbesondere die in den USA. Der Grund dafür ist nicht, wie derzeit in der politischen Debatte suggeriert wird, ein fehlendes Börsensegment in Deutschland. Ausschlaggebend sind die besseren Rahmenbedingungen in den USA, insbesondere auch eine angemessene Zahl „gleichartiger“ Unternehmen, die es den Eigentümern ermöglicht, den Wert der auszugebenden Aktien adäquat zu bestimmen, sowie spezialisierte Investoren, die das Geschäftsmodell dieser jungen Unternehmen verstehen und bereit sind, einen angemessenen Preis zu bezahlen.

Die Politik muss jetzt ein Signal „Pro Börse“ senden. Für innovative Unternehmen muss die Bereitstellung vorbörslichen Wachstumskapitals verbessert werden, damit eine größere Anzahl dieser Unternehmen in die Börsenreife hineinwachsen kann. Auch auf der Regulierungsseite muss angesetzt werden. Seit der Finanzkrise sind die Regulierungsvorgaben für börsennotierte Unternehmen stark angestiegen. Prospekte, Corporate Governance, Transparenzvorschriften und Regeln zum Marktmissbrauch – alle Regulierungen müssen auf den Prüfstand, um unerwünschte Nebenwirkungen auf die Attraktivität der Börsennotiz und den Börsenstandort Deutschland zu vermeiden.