Interview„Der beste Schutz ist ein breitgestreutes Aktiendepot“

Christine Bortenlänger ist geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts. Bei Capital spricht sie über die börsennotierten Konzerne Wirecard und Lufthansa
Christine Bortenlänger ist geschäftsführender Vorstand des Deutschen AktieninstitutsDeutsches Aktieninstitut

CAPITAL: Welche Lehren sollten aus dem Wirecard-Skandal folgen? Müssen Anleger besser geschützt werden?

CHRISTINE BORTENLÄNGER: Es ist noch zu früh, um Lehren aus dem Fall Wirecard zu ziehen. Bei aller Aufregung muss jetzt erst einmal eine schnelle und lückenlose Aufklärung im Vordergrund stehen. Die Ermittlungsergebnisse müssen abgewartet werden. Anleger, die in Aktien eines einzelnen Unternehmens investiert haben, tragen naturgemäß ein höheres Risiko. Der beste Schutz ist deshalb in ein breitgestreutes Aktiendepot oder gleich in einen ETF bzw. Fonds zu investieren.

Wie bewerten Sie die Rolle der Bafin in dem Fall? Hätte sie nicht viel früher Alarm schlagen müssen?

Die Bafin hat weitreichende Kontroll- und Ermittlungsbefugnisse. Inwiefern diese bei Wirecard ausgeschöpft wurden, vermag ich nicht zu beurteilen. Allerdings hat die Bafin ja bereits eingeräumt, dass Fehler gemacht wurden. Was genau schiefgelaufen ist, muss die Bafin jetzt erst einmal intern klären.

Braucht es eine höhere Transparenz oder Regulierung bei börsennotierten Unternehmen?

Reflexartig nach schärferen Regeln und Sanktionen zu rufen, ist der falsche Weg. Börsennotierte Gesellschaften unterliegen bereits heute strengen regulatorischen Anforderungen. Ein Mehr an Regulierung führt nicht automatisch zu mehr Sicherheit. Jedes Fehlverhalten ist anders gelagert. Keinem Rechtssystem auf der Welt ist es bisher gelungen, Betrug oder Fehlverhalten gänzlich auszuschließen.

Bis zum September wird Wirecard trotz Insolvenz wohl noch im Dax bleiben. Welchen Einfluss hat das auf den Leitindex?

Der Anteil von Wirecard am Dax beträgt aufgrund des Kurssturzes aktuell weniger als ein halbes Prozent. Der Einfluss ist damit gering. Die aktuelle Volatilität des Dax ist vor allem auf die Unsicherheit wegen Corona zurückzuführen.

Die Lufthansa hat den Dax dagegen verlassen. Hätte eine frühere Einigung um das Rettungspaket den Abstieg verhindern können?

Corona hat den nationalen und internationalen Flugverkehr schwer getroffen. Auch die Deutsche Lufthansa ist unverschuldet in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie hat deutlich an Marktkapitalisierung verloren und damit ein wichtiges Kriterium für die Zugehörigkeit zum Dax nicht mehr erfüllt. Eine frühere Einigung hätte vermutlich am Ausscheiden nichts geändert, da der Börsenkurs auch wegen der massiv weggebrochenen Erträge stark eingebrochen ist.

Das Rettungspaket sieht vor, dass der Staat der stärkste Anteilseigner wird. Was bedeutet das für die Aktie?

Die Bundesregierung wird zukünftig eine Minderheitsbeteiligung von 20 Prozent an der Lufthansa halten. Sie wird auch mit zwei Mandaten im 20-köpfigen Aufsichtsrat der Deutschen Lufthansa vertreten sein. Ich bin mir sicher, dass die Bundesregierung an einer starken Lufthansa interessiert ist. Das sollte sich langfristig auch im Aktienkurs bemerkbar machen.

Großaktionär Thiele hat das Rettungspaket kritisiert. Wie bewerten Sie seinen Standpunkt?

Herr Thiele hat sich unterdessen ja für das Rettungspaket ausgesprochen. Auch aus meiner Sicht ist der Einstieg des Bundes bei Lufthansa der richtige Weg, das Unternehmen zu retten. Wichtig wäre es, dass die Staatsbeteiligung auf Zeit angelegt ist und es schnell klare Regeln für einen Ausstieg des Staates gibt. Langfristig ist der Staat nicht der bessere Unternehmer.

Was würde eine Insolvenz der Lufthansa für die Aktionäre bedeuten?

Für die Aktionäre würde das im schlimmsten Fall den Totalverlust bedeuten. Aber auch die Insolvenz muss nicht das Ende eines Unternehmens sein. Wenn in der Sanierung neue Kapitalgeber einsteigen, können Aktien auch wieder an Wert gewinnen. Erfreulicherweise sieht es jetzt ja so aus, dass eine Insolvenz abgewendet werden kann.

 


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