Grüne GeldanlageBidens Vereidigung: Startschuss für ESG-Investoren?

Ein Biden-Anhänger trägt einen Sticker mit einem Konterfei des neuen Präsidenten und der Vizepräsidentin Kamala Harrisimago images / ITAR-TASS

Weg isser: Am heutigen Mittwoch löst Joe Biden Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten ab. Nicht nur die Beziehungen der USA zu anderen Ländern – etwa zu Deutschland – werden sich unter dem Präsidenten, der am Mittwoch vereidigt wird, aller Voraussicht nach deutlich verbessern. Auch Nachhaltigkeitsanleger können hoffen: Bidens ambitionierte Klimaschutz-Agenda dürfte dem Markt für ESG-Investments einen Schub geben.

Unter Trump sind die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestiegen, haben Konzerne mit dem Segen Washingtons Öl in Naturschutzgebieten gefördert, ist die US-Kohleindustrie aufgeblüht und wurden Nationalparks zusammengestrichen. Biden will den Schaden, den sein Vorgänger angerichtet hat, reparieren – und mehr als das. In seinem Wahlprogramm summieren sich Vorhaben, die direkt oder indirekt dem Klimaschutz dienen, auf rund 2 Billionen US-Dollar. Das ist mehr als das Doppelte, als die Europäische Union für ihren „Green Deal“ eingeplant hat. Bis zum Jahr 2035 sollen die USA nach Bidens Plan bei der Stromversorgung ohne Öl, Gas oder Kohle auskommen. 2050 soll das Land komplett klimaneutral sein.

Gelingt dem Demokraten die 180-Grad-Wende in Sachen Umwelt- und Klimaschutz, können sich ESG-Anleger auf etwas gefasst machen. Bislang stammen rund 85 Prozent des Geldes, das in nachhaltigen Fonds steckt, von europäischen Investoren. Gerade einmal 15 Prozent entfallen auf US-Anleger. „Im Gegensatz zu vielen institutionellen Anlegern in Europa sind beispielsweise zahlreiche US-Pensionsfonds immer noch stark in Öl- und Gaswerten, Energieversorgern und Rüstungsunternehmen investiert“, sagt Katja Filzek, ESG-Analystin bei der Fondsgesellschaft Union Investment. Die Trump-Administration habe staatlichen Pensionsfonds sogar verboten, nachhaltig zu investieren. Unter Biden dürfte sich das rasch ändern, prognostiziert Filzek.

Run auf nachhaltige Geldanlagen mit Risiken

Marktbeobachter rechnen damit, dass Bidens Vereidigung den Startschuss für einen regelrechten Run auf nachhaltige Geldanlagen markiert. 2021 könnte zum Jahr mit den bislang mit Abstand höchsten Zuflüssen in nachhaltige Investments werden. In der Folge könnten die Aktienkurse nachhaltig wirtschaftender Unternehmen steigen, ESG-Fonds massive Zuflüsse verzeichnen. Wer bereits nachhaltig investiert ist, kann sich zurücklehnen und darauf warten, dass der Einstieg von US-Investoren die Preise in die Höhe treibt.

Die Welle an Kapital, die in den kommenden Monaten ins ESG-Segment rollen dürfte, spült allerdings auch Risiken mit hoch. Einige Branchenbeobachter befürchten, dass der Markt heißlaufen könnte. Schon heute sind Wertpapiere nachhaltiger Unternehmen gefragter als je zuvor. Das hat Folgen für die Bewertungen. Den extrem hohen Börsenwert des E-Auto-Pioniers Tesla zum Beispiel führen Analysten zumindest zum Teil auf den ESG-Boom zurück.

Das Geld, das in nachhaltige Anlagen fließt, muss irgendwo hin. Hohe Neuzuflüsse könnten angesichts der Größe des ESG-Marktes und der nicht unwesentlichen Geldströme der vergangenen ein bis zwei Jahre mehrere unangenehme Folgen haben: Unternehmen, die bereits überbewertet sind, könnten noch teurer werden. Und Aktien von Firmen, die eher in den spekulativen Bereich fallen, könnten mit der Flut nach oben gespült werden. Letztlich könnte dadurch die Glaubwürdigkeit von ESG-Investments leiden. Nicht nur, weil Investments in junge, womöglich wenig stabile Unternehmen das Risikoprofil von Nachhaltigkeitsportfolios verschlechtern dürften. Sondern auch, weil zu befürchten steht, dass zumindest ein Teil des Geldes in Anlagen fließt, die man nur mit viel gutem Willen als ESG-Investments bezeichnen kann. Klar ist: Das Jahr von Bidens Amtsantritt als US-Präsident wird ein Wendepunkt für den Markt für nachhaltige Geldanlagen. Die Frage ist, was danach kommt.

 


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