KolumneBei deutschen Konzernen haben Ausländer das Sagen

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Daimler hat einen neuen Großaktionär: Mit seiner fast zehnprozentigen Aktienposition löst Li Shufu, Chef des chinesischen Autobauers Geely, den kuwaitischen Staatsfonds – der seinerseits 6,8 Prozent an Daimler hält – an der Spitze des Aktionariats der Stuttgarter ab. Deutsche Anleger halten, sofern man Luxemburger Geld vollumfänglich deutschen Anlegern zurechnet, circa 16 Prozent an dem Unternehmen mit dem Stern. Mit einem Drittel stellen US-Amerikaner die größte nationale Gruppe unter den Daimler-Aktionären. Dieser Befund trifft im Großen und Ganzen auf fast alle Dax-Aktiengesellschaften zu.

Man kann in der Dominanz ausländischer Anteilseigner an Daimler ein Zeichen großer Internationalität sehen. Die Welt AG, von der weiland Jürgen Schrempp schwadronierte, hat sich in der Eigentümerstruktur der Schwaben eindrucksvoll manifestiert. Aber anstatt „zu Lande, zu Wasser und in der Luft“, wie es seinerzeit vollmundig nach den Käufen von Focker, Dornier und Chrysler hieß, gilt heute eher die Feststellung: in Arabien, in China und in den USA.

Die Frage, warum so wenige Deutsche Anteile an Daimler halten und anstreben, wird selten gestellt und noch weniger häufig treffend beantwortet. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, es sei völlig irrelevant, wer Eigentümer deutscher Großunternehmen sei. Hier aber täuscht sich vor allem die Politik, denn die Eigentümer eines Unternehmens nehmen langfristig bestimmenden Einfluss auf die künftigen Geschicke ihres Miteigentums. Das betrifft Standortentscheidungen ebenso wie Arbeitsplatz- und Steuerfragen.


Wer ist der größte Daimler-Einzelaktionär Li Shufu?


Fest steht jedenfalls, dass die Deutschen über Aktienfonds und Direktanlagen nur mäßig an den Aushängeschildern der deutschen Wirtschaft beteiligt sind. Neben der teutonischen Zinsbesessenheit und Inflationsangst gibt es hierzulande eine grundsätzliche und an eine Phobie grenzende Skepsis gegenüber Aktien.

Aktienanlage wird diskriminiert

Hinzu kommt, dass der deutsche Staat Eigenkapitalanlagen gegenüber Fremdkapitalanlagen stark benachteiligt. So sind etwa Fremdkapitalaufwendungen steuerlich in der Gewinn- und Verlustrechnung der Unternehmen absetzbar, während Eigenkapitalaufwendungen dies nicht sind. Bei Dividendenzahlungen führt dies zu einer Doppelbesteuerung von Unternehmensgewinnen, nämlich erstens auf der Unternehmensebene und zweitens beim Anleger. Weitere Belege einer Diskriminierung der Aktienanlage wären leicht beizubringen.

Es spricht derzeit nichts dafür, dass die neue Bundesregierung sich dieses Themas annehmen wird. Solange die staatlichen Steuereinnahmen sprudeln, stehen üppige Umverteilungswünsche und Personalrochaden im Vordergrund des Politikbetriebs. Zugleich lässt sich regelmäßig beobachten, wie sich die Aktienabstinenz der meisten Deutschen in ernüchternden Vermögensvergleichen mit anderen Ländern niederschlägt. Die schwache Pro-Kopf-Wohlstandsentwicklung Deutschlands basiert im Wesentlichen auf einer viel zu geringen Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Produktivvermögen. Und der designierte neue Wirtschaftsminister Peter Altmaier macht nicht gerade den Eindruck, als bekomme unser Land mit ihm einen neuen Ludwig Erhard.

Zur gleichen Zeit macht sich Paris mit seinem geschickten Präsidenten Macron anheischig, die großen Hoffnungen auf die Stärkung des Finanzplatzes Deutschland durch die Jahrhundertchance Brexit zur Illusion werden zu lassen. Frankreichs Aktienmarkt ist bereits heute größer als sein deutsches Pendant und seine Banken stellen Deutsche Bank und Commerzbank in den Schatten. In Berlin aber tut man so, als ginge dergleichen die deutsche Politik gar nichts an.

Aus Chicago
Ihr

Dr. Christoph Bruns