Buy the dip Ausverkauf an der Börse: Sollten Anleger jetzt zuschlagen?

Ein Händler an der New Yorker Börse schaut auf seine Monitore
Besorgte Blicke: Die Stimmung an den Börsen wie hier in New York ist angespannt
© IMAGO / Xinhua
Es klingt simpel und bietet sich gerade im jetzigen Marktumfeld an: Aktien kaufen, wenn sie am Boden sind und abkassieren, sobald die Kurse wieder klettern. Doch die Schnäppchenjagd ist riskant.

Viele Aktien sind in den vergangenen Wochen extrem eingebrochen. Besonders hart getroffen hat es dabei die Growth-Titel der Tech-Branche, darunter Tesla, die Facebook-Mutter Meta und Netflix. Die Papiere von Tesla büßten seit Jahresbeginn um 35 Prozent ein, jene von Meta um 40 Prozent, Netflix verlor gar 67 Prozent. Korrigieren Aktienmärkte nach unten, muss das allerdings nicht immer schlecht für Anleger sein. Sie können von den niedrigeren Kursen sogar profitieren.

Starinvestoren wie Cathie Wood, Michael Burry und Warren Buffett nutzen die derzeitige Korrektur an den Märkten, um ordentlich aufzustocken. Wood kaufte erst vergangene Woche für ihren Tech-Fonds ARK Innovation ETF eine halbe Million Aktien der kriselnden Kryptobörse Coinbase. Und auch Michael Burry sieht in dem jetzigen Bärenmarkt offenbar einen guten Einstiegszeitpunkt: Er investierte 18 Mio. US-Dollar in Aktien der Google-Mutter Alphabet, die gerade erst 20 Prozent an Wert verloren hatten. Börsenlegende Warren Buffett kaufte wiederum über seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway Apple-Aktien im Wert von 600 Mio. US-Dollar nach. Das Apfel-Papier war zuvor um 15 Prozent gefallen. 

Die Aufholjagd kann lange dauern

„Buy the dip“ nennt sich die Strategie, derer sich die Großinvestoren bedienen. Also Aktien günstig einkaufen und Rendite mit den hoffentlich wieder steigenden Kursen machen. Ein Selbstläufer ist die Strategie allerdings nicht – sie kann sogar richtig schief gehen. Um die Erfolgschancen zu erhöhen, kommt es auf das richtige Timing und eine fundierte Titelauswahl an.

Es stimmt zwar, dass es an den Börsen in der Regel langfristig immer wieder nach oben geht: Nach der großen Finanzkrise 2008 schoss der Dax innerhalb von zwei Jahren wieder um 80 Prozent in die Höhe, der US-Index S&P 500 um mehr als 70 Prozent. Und auch nach dem großen Corona-Einbruch im März 2020 zogen die Kurse schon nach drei Wochen wieder deutlich an. Eine Bloomberg-Analyse verdeutlicht allerdings, dass es bis zum Erreichen der Gewinnschwelle mitunter sehr lange dauern kann: Nach dem Platzen der Dotcom-Blase im März 2000 wies der S&P 500 bis zum Jahr 2013 auf nominaler Basis keinen Gewinn aus. Der Nasdaq ließ sogar 14 Jahre auf sich warten.

Auch wenn Buffett und Co. ordentlich zulangen, sind sich in der aktuellen Situation viele Finanzmarktexperten uneins, ob wir bereits den richtigen Einstiegszeitpunkt erreicht haben – die Kurse also auf ihrem Tiefpunkt angekommen sind. Kritiker argumentieren, dass die Growth-Aktien zwar im Kurs gefallen, aber immer noch deutlich überbewertet sind.

Anspruchsvolles Marktumfeld

„Technologieaktien scheinen sich nicht mehr in einer Blase zu befinden, aber sie scheinen auch nicht wesentlich ins entgegengesetzte Extrem geschwenkt zu sein“, sagt Ray Dalio, Finanzexperte und Gründer des Hedgefonds Bridgewater Associates. „Also ist es nicht unbedingt wahr, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, sie zu kaufen“, schließt Dalio daraus. Laut dem Experten besteht derzeit mehr denn je die Gefahr, dass die Technologie-Blase platzt. Das wiederum könnte bedeuten, dass die Kurse der begehrten Tech-Titel sich nicht allzu schnell wieder erholen. „Die Geschichte zeigt, dass Blasen, sobald das Platzen beginnt, häufiger nach unten überkorrigieren, anstatt sich bei ‚normaleren‘ Preisen einzupendeln“, meint Dalio.

Bevor Anleger bei den Dips zuschlagen, sollten sie zudem nicht vergessen, wie anspruchsvoll das jetzige Marktumfeld ist. Anders als in der Vergangenheit belasten nicht nur einer, sondern gleich mehrere verschiedene wirtschaftliche, aber auch geopolitische Faktoren die Unternehmen. Zum einen stellt das inflationäre Umfeld ein Risiko dar. „Höhere Zinssätze führen in der Regel zu niedrigeren Aktienbewertungen“, bestätigt Lisa Schalett, Leiterin für Anlage- und Portfoliostrategien bei Morgan Stanley. Hinzu kommt, dass der Krieg in der Ukraine auch die Börsen teilweise noch nachhaltig belastet. Darüber hinaus leiden die Lieferketten noch immer unter den Folgen der Coronapandemie. „Angesichts der hohen Unsicherheit sollten Anleger Disziplin üben, auch wenn ‚den Dip kaufen‘ attraktiv erscheinen mag“, sagt Schalett.


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