GeldanlageAnleihen: der Bluff von 100 Jahren

Der Anleihemarkt bereitet Investmentprofis SorgeGetty Images

Der 26. Juni 2019 ist für österreichische Steuerzahler ein guter Tag gewesen. Oder vielmehr für die Kinder, Enkel und Urenkel der heutigen Steuerzahler. An diesem Tag hat sich das Land am Kapitalmarkt 1,25 Mrd. Euro für 98 Jahre geliehen – und muss darauf so wenig Zinsen zahlen, dass künftige Generationen nur wenig belastet werden. Die Österreicher profitieren davon, dass Investoren auf der verzweifelten Suche nach ein bisschen Rendite inzwischen fast jeden Preis zahlen.

Doch das hat Konsequenzen: Anleihen sind längst kein Sicherheitsanker mehr im Portfolio. Vielmehr wandeln sich die Lieblinge vieler defensiver Anleger angesichts von Nullzinsen und negativen Renditen zum Spekulationsobjekt. „Niemand achtet am Anleihemarkt mehr auf die Rendite, alle hoffen nur noch auf Kursanstiege“, sagt Carsten Skødeberg, der im dänischen Silkeborg bei der Jyske Bank den Vertrieb von Rentenprodukten verantwortet. „Wie lange das trägt, ist allerdings eine andere Frage.“ Mit anderen Worten: Auf Sicht von mehreren Jahren sind Verluste mit Anleihen fast garantiert.

Das zeigte sich im Juni, als die österreichische Schuldenagentur OeFBA ihre zwei Jahre zuvor emittierte Anleihe mit 100 Jahren Laufzeit um besagte 1,25 Mrd. Euro aufstockte. Die Investoren, zwei Drittel davon Fondsgesellschaften, kauften zu einem Kurs von 154 Prozent. Das heißt: Für einen Nennwert von 100.000 Euro zahlten die Investoren 154.000 Euro. Bei einem Coupon von 2,1 Prozent errechnete sich daraus eine Emissionsrendite von 1,2 Prozent. Doch damit nicht genug. Am 28. August stieg der Kurs auf 208 Prozent. Ein Fonds, der an diesem Tag 208.000 Euro investierte, wird im September 2117 nur noch 100.000 Euro zurückerhalten.

Dies ist kein Einzelfall. Eine 50-jährige französische Anleihe wurde Anfang Oktober zu rund 280 Prozent ihres Nennwertes gehandelt. Das Problem: Am Ende ihrer Laufzeit werden Anleihen zum Nennwert, also in der Regel zu 100 Prozent, zurückgezahlt. Kursverluste sind also absehbar.

Solange die aufaddierten Coupons die absehbaren Kursverluste übertreffen, hat eine Anleihe noch eine positive nominale Rendite. Doch wenn die Coupons die Kursverluste nicht mehr ausgleichen, ist die Rendite negativ. Und das gilt für immer mehr Anleihen: Nach Berechnungen von BofA Merrill Lynch Global Research rentiert inzwischen gut ein Drittel der weltweit ausstehenden Staatsanleihen negativ. „Der Anleihemarkt bietet keinen Puffer mehr für Anleger“, sagt Manfred Schlumberger, Vorstand des Fondshauses Star Capital.

Selbst im Segment der Unternehmensanleihen ist immer weniger zu holen. Hier rentiert nach Berechnungen von Guggenheim Partners inzwischen ein Volumen von weltweit einer Billion Dollar negativ.

Während Engagements in Anleihen also immer riskanter werden, weisen viele Rentenfonds für 2019 wegen steigender Anleihekurse Gewinne aus. Der Bloomberg Barclays Global Aggregate Bond Index, einer der weltweit wichtigsten Anleihe-Indizes, hat seit Herbst 2018 rund zehn Prozent zugelegt. ETFs, die den Index abbilden, haben diese Gewinne ebenfalls verbucht. Doch auch aktive Rentenfonds profitieren von steigenden Kursen. Viele der von Morningstar betrachteten Euro-Rentenfonds weisen für das laufende Jahr einen deutlich zweistelligen Wertzuwachs aus.