GeldanlageRote Ampel für Autoaktien

Wenn etwas ganz Großes ins Schlingern gerät, dann sollte man besser mal hinsehen und sich notfalls in Sicherheit bringen. Sonst kann es passieren, dass man von dem Koloss, der außer Kontrolle geraten ist, noch versehentlich erfasst wird. Und ein Koloss ist die deutsche Automobilindustrie wahrlich: Sie beschäftigt hierzulande rund 800.000 Mitarbeiter und ist für unzählige Stellen in Zulieferbetrieben zuständig. Insgesamt erwirtschaftet sie rund 20 Prozent des Gesamtumsatzes der deutschen Industrie. Das ist gigantisch. Deshalb mag man sich gar nicht ausmalen, welchen Schaden es anrichten würde, wenn die Branche hierzulande gegen die Wand führe, was einige Kritiker angesichts des jüngsten Kartell-Verdachts ernsthaft befürchten.

Zuerst schien es, als sei nur der Vorzeigeautobauer VW betroffen, als der Abgasskandal 2015 ans Licht kam. Und irgendwie sah es so aus, als ob die Erinnerung daran langsam verblassen würde. Doch vor wenigen Wochen fand Volkswagens Diesel-GAU seine Fortsetzung in den Meldungen, die Motoren des Daimler-Konzerns seien womöglich ebenso betroffen. Seit dem vergangenen Wochenende steht nun sogar noch der Vorwurf im Raum, das alles sei nur möglich gewesen, weil sich die fünf Großen der Industrie (Daimler, VW, BMW, Audi und Porsche) seit 20 Jahren abgesprochen hätten. Womöglich hätten sie damit das größte Kartell der bundesrepublikanischen Geschichte gebildet. Seitdem assoziiert man mit den Autobauern nicht mehr jene Branche, die sozusagen als kräftiger Motor der deutschen Konjunktur fungiert und die gesamte Volkswirtschaft stark vorantreibt. Sondern sie erweckt eher den Eindruck einer Branche, die weitgehend führungslos mit überhöhter Geschwindigkeit dahinrast und nun endgültig ins Schleudern geraten ist.

Wo wird die Schlingerfahrt wohl enden, wenn die Kartellämter und EU-Aufsichtsbehörden mit den Untersuchungen fertig sind? Ist die Dieseltechnologie überhaupt noch zu retten, wo sie derart in Verruf geraten ist? Und was werden die Politiker beschließen, die sich kommende Woche zum Berliner Krisengipfel treffen? Gut, letztere werden vermutlich die Parole ausgeben: Es muss schonungslos aufgeklärt werden. Parallel dazu könnte man vielleicht die alternativen Antriebstechniken ein bisschen mehr vorantreiben. Aber im Grunde war doch nicht alles schlecht und in der Industrie laufe es doch rund. Deshalb wird sich vermutlich am Ende dann doch wieder nichts ändern. Zumindest nicht viel.

Heftige Bremsspuren in den Kursen

Eines aber ändern die Verantwortlichen damit sicher auch nicht: Die Stimmung bei den Kunden und Anlegern. Die ist nämlich derzeit so schlecht wie selten. Für keine der Eurostoxx-Branchen sind die Investoren augenblicklich pessimistischer – und es gibt immerhin 19 Geschäftsfelder. Zuletzt trennten sich Anleger deshalb so reichlich von ihren Autopapieren, dass die Kurse deutscher und europäischer Automarken heftige Bremsspuren zeigten: Der Dax Sector Automobile verlor allein im vergangenen Monat rund 4,4 Prozent, auf Dreimonatssicht sogar acht Prozent. Der Eurostoxx Automobiles & Parts verlor auch rund sechs Prozent. Bereits zuvor waren die Autohersteller die Branche, die im ersten Halbjahr am schlechtesten gelaufen ist.

Schon seit Mitte Juli, also bereits vor den Enthüllungen zum möglichen Kartell-Skandal, steckte der Automobilsektor in einem mehrjährigen Stimmungstief. Seit Herbst 2015 und dem aufflammenden VW-Dieselskandal war die Meinung der Anleger und Analysten nicht mehr so mies. Noch schlechter lief es für die Branche nur im Jahr 2013. Damals sagten Analysten den Autobauern eine Absatzkrise voraus, die so schlimm werde wie seit 1993 nicht mehr. Zunehmender Wettbewerbsdruck, starke Chinesen und fehlende Innovationen hierzulande prangerten sie an. Das lasse den Motor der Autoindustrie bald stottern.

Nun schien es so, als hätten vor allem die deutschen Konzerne daraufhin mächtig Gas gegeben. Mit neuen Technologien und neuen Ideen. Ihre Verkaufszahlen preschten in den vergangenen Jahren davon und ihr guter Ruf beflügelte die Geschäfte auch international. Jetzt aber stellen viele Käufer und Anleger in Frage, auf welche Pferde sie da eigentlich gesetzt haben und welche Stärken die wirklich besitzen – oder ob am Ende nicht nur viel heiße Luft hinter den Produkten und Versprechen der Branche steckte. Das Image der deutschen Autobauer kann man gelinde gesagt als verbeult bezeichnen. Und das ist tatsächlich ein Schaden für den gesamten Wirtschaftsstandort und für den Aktienindex Dax.