AktienDie Geldpolitik der EZB ist erfolglos

Wer sich über die offiziellen Aussagen der Europäischen Zentralbanker vergangene Woche freute – und daraufhin auf demnächst steigende Zinsen hoffte, der war vielleicht etwas voreilig. Zumindest dürfte er diese Woche hellhörig geworden sein. Denn zum einen ruderte EZB-Direktor Benoit Coeure prompt wieder ein Stück zurück und betonte, die Schritte der EZB seien noch längst nicht ausgemacht und schon gar nicht in Stein gemeißelt. Das bedeutet im Klartext soviel wie: Die Zinswende wird kommen, irgendwann, aber es wird weiterhin noch dauern. Zum anderen schreckte eine Studie auf, die sagt: Die bisherige lockere Geldpolitik der EZB ist eine tickende Zeitbombe. Denn sie wirkt überhaupt nicht – anders als die Politik der US-Notenbank Fed – sondern macht höchstwahrscheinlich alles nur noch schlimmer. Wird sie daher fortgesetzt, könnte das eine weitaus schlimmere Krise auslösen als jene, die zuletzt 2008 die Finanzwelt erschüttert hat.

Wie ernst ist es also wirklich? War die Ankündigung der Zentralbank nun wirklich die lang erhoffte Entwarnung – oder erlebt die Finanzwelt womöglich eine gigantische Explosion, oder besser ihre eigene Implosion, weil sie so weitermacht wie bisher? Nun will Letzteres natürlich niemand hoffen, aber wie kommt die Studie des Feri Cognitive Finance Institutes überhaupt darauf, ein derart düsteres Bild zu zeichnen? Zunächst einmal analysieren darin einige anerkannte Professoren für Geldtheorie, welche Auswirkungen das Eingreifen der Notenbanken nach 2008 gehabt hat. Darunter auch Richard Werner, Professor für Internationales Bankwesen an der University of Southampton, der den Begriff des „Quantitative Easing“ geprägt hat. Die massive geldpolitische Ausweitung der Zentralbanken habe in einigen Ländern gefährlichere Nebenwirkungen gehabt als zuerst gedacht, warnt der. Daher müsse man diese Strategie neu bewerten.

Die Forscher stellen Folgendes fest: Die jüngsten Wertpapieraufkäufe der Notenbanken haben nicht nur für horrend mehr Liquidität weltweit gesorgt und für extrem niedrige Zinsen. Sondern sie haben auch die Bilanzsummen der wichtigsten Notenbanken um rund 600 Prozent aufgebläht. Im Prinzip bedeuteten die Käufe nämlich, dass für den Erwerb von notleidenden Staats- und Unternehmensanleihen einfach neues Geld gedruckt worden ist. So sind laut Schätzungen rund 10 Billionen US-Dollar mehr im Umlauf als 2008.

Winzzinsen pervertieren ökonomische Prozesse

Bisher lautete die Annahme, dass dadurch eine größere Katastrophe verhindert worden sei – und die Welt eben nicht in der gefürchteten Depression versank, die Ökonomen für durchaus möglich hielten. Nun aber revidieren die Forscher in der Studie diese Einschätzung und betrachten einzeln, was in Amerika und was in Europa nach 2008 geschah. Und zumindest das, was im Euroraum geschah, halten sie für weniger zielführend und sogar äußerst gefährlich. Denn es könne dazu führen, dass eine Krise viel größeren Ausmaßes drohe, deren Eintreffen durch den EZB-Eingriff nur nach hinten verlagert worden sei.

Doch was hat Amerika anders gemacht? Die dortige Notenbank hat zuerst einmal schneller gehandelt und sie hat vor allem den Banken ihre notleidenden Kredite abgekauft. Das halten die Forscher für eine gute Idee. Denn dadurch sei das Bankensystem stabilisiert worden und insgesamt handlungsfähig geblieben. Zudem hätten diese Wertpapierkäufe nicht inflationstreibend gewirkt, weil dadurch nur innerhalb des Bankensektors Geld hin und her geflossen sei. Das sei der entscheidende Unterschied. Es sei kein neu geschaffenes Geld in die Realwirtschaft abgeflossen, sagen sie. Anders in Europa und Japan.

Hierzulande verbot sich ein Aufkauf fauler Kredite, weil die Bankenszene nicht den allerbesten Ruf genießt. Somit hätte die Bevölkerung es vermutlich kaum verstanden, warum man dieser Branche auch noch mit Staatsgeld ihre Fehlinvestments vergütet. Also wählte die EZB ein anderes Mittel: Sie senkte die Zinsen und zwar massiv. Das führte nicht nur zur jahrelangen Niedrigzinsphase, sondern brachte sogar Negativzinsen hervor. Die Wirkung davon wird nun an den Märkten sichtbar: Die Winzzinsen pervertieren viele ökonomischen Prozesse. Sie machen das Sparen unlukrativ. Sie vernichten große Vermögen in der Altersvorsorge. Und sie treiben massiv die Preise in einigen Bereichen des Finanzmarktes, bei den Sachwerten nämlich. Aktien, Immobilien und Beteiligungen sind gefragt wie nie und reagieren mit deutlich überschießenden Preisen.

Aufkauf von Staatsanleihen langfristig sehr gefährlich

In der Folge aber reagiert auch die gesamte Bankenszene, denn ihre Profitabilität sinkt spürbar aufgrund der Minizinsen. Das macht im Grunde ihr gesamtes Geschäftsmodell zunichte, das auf Fristentransformation beruht. Also darauf, dass sie Sparern kleine Zinsen verspricht und deren Geld gegen höhere Zinsen an Ausgebende verleiht. Die Marge zwischen den Zinssätzen ist ihr Gewinn. Allein, da ist jetzt keiner mehr. Das schränkt natürlich die Kreditvergabe und die gesamte Geschäftsfähigkeit der Banken ein. Hat die Politik damit also die Bankenlandschaft gerettet, so wie in Amerika? Nein, sie hat sie eher noch angreifbarer gemacht. Zudem hat sie eine gigantische Vermögenspreisblase bei den Sachwerten produziert. Und sie hat zur Abwertung der eigenen Währung geführt.

Dabei hätte de Welt bereits aus dem japanischen Dilemma nach dem Platzen der dortigen Börsenblase lernen können, dass nur eine schnelle Entschuldung der Banken hilft, die Wirtschaft nach einer Krise widerstandsfähiger zu machen. Da die Niedrigzinsen allein sich als wenig wirksam herausstellten und ein Aufkaufen von faulen Bankpapieren nicht ratsam schien, verlegte sich die Europäische Zentralbank auf den Aufkauf von Staatsanleihen. Sie nahm also den Staaten statt den Unternehmen die überbordenden Schulden ab. Das Ganze finanzierte sie quasi mit frisch gedrucktem Geld, betrieb also eine bisher unlimitierte Geldschöpfung. Genau diese Strategie nun sei zwar kurzfristig positiv, aber langfristig sehr gefährlich, warnt die Studie.

Denn einerseits ermöglicht sie den verschuldeten Staaten zwar eine recht schmerzfreie Entschuldung. Doch andererseits provoziert sie so genannte Moral-Hazard-Effekte: Wenn klar ist, wie leicht überschuldeten Staaten in Notlagen geholfen wird, könnte das etliche Länder dazu veranlassen, gar nicht mehr vorsichtig zu wirtschaften, sondern sich gleich darauf zu verlassen, dass sie notfalls gerettet werden. Es regt also geradezu zum sorgloseren Umgang mit Schulden an.

Sachwerte bleiben attraktiv

Nun könnte man fragen: Wirkt das Aufkaufen notleidender Bankkredite nicht ebenso? Denn es wiegt ja die Kreditinstitute genauso in Sicherheit. Das ist so gesehen zwar richtig, aber sie entschulden sich ja dadurch nicht, weil insgesamt nicht mehr Geld fließt als zuvor. Und weil dadurch auch die Inflation nicht anspringt. Beim Aufkauf von Staatsanleihen aber tut sie das sehr wohl. Das große Problem aber, das der Anleihenaufkauf birgt, tritt erst dann zutage, wenn die Wirtschaft in die nächste Rezession rutscht.

Dann nämlich steht die kritische Frage im Raum: Was kann die Notenbank dann überhaupt noch tun, um die Wirtschaft zu stabilisieren? Die Zinsen kann die EZB nicht mehr senken, die befinden sich ja noch auf dem absoluten Niedrigstand. Leitzinssenkungen und Fiskalprogramme, die noch mehr Staatsschulden produzieren, haben ja bereits beim letzten Interventionsprogramm nicht geholfen. Zumindest belebten sie die Wirtschaft nach 2008 nicht wirklich. Dass die sich wieder in verhältnismäßig guter Verfassung befindet, verdankt die Ökonomie eher sich selbst als der Zentralbank. Im Falle eines Abschwungs also – und der wird unweigerlich irgendwann kommen, so wollen es die Gesetze des Marktes – wären die Folgen der jetzigen Zentralbankpolitik verheerend. Und man kann nur hoffen, dass die EZB ihren Kurs ändert, bevor es so weit ist.

Bisher stehen frühestens der Herbst 2018 oder sogar erst das Frühjahr 2019 als Datum für eine mögliche EZB-Zinsanhebung im Raum. Die Fed dagegen hat damit längst begonnen und wird im Juni über einen nächsten Zinsschritt nach oben entscheiden. Das heißt, sie wäre auch viel besser gewappnet, wenn ein Einbruch käme. Abgesehen davon, dass die amerikanische Wirtschaft auch schon wieder viel stabiler läuft als die der Euroländer.

Was heißt das alles nun für Anleger hierzulande? Sie sollten sich darauf einstellen, dass die Inflation kommt und die Zeit steigender Zinsen. Im Grunde genommen bleiben dadurch aber genau jene Anlagen interessant, die es bereits jetzt schon sind: Sachwerte bleiben attraktiv. Aktien, Immobilien und Beteiligungen. Denn selbst wenn die Kurse stürzen, so stehen doch reale Werte wie Häuser und Unternehmen dahinter.

Beim Neukauf von Anleihen sollten sie jetzt keine langen Laufzeiten mehr wählen, höchstens kurze. Und bei länger laufenden Bonds lohnt es sich, darüber nachzudenken, sie abzustoßen und die hohen Kursgewinne mitzunehmen. Denn ihre Kurse werden rasant fallen, sobald der Zinsauftrieb beginnt. Wer darüber nachdenkt, Schulden für eine größere Sachwertinvestition aufzunehmen, der sollte das ebenfalls jetzt tun – und dann genau die gegenteilige Strategie fahren: Lange Laufzeiten wählen und die Zinsen festschreiben lassen. Denn unabhängig davon, wann sich die EZB jetzt zur Anhebung durchringt: So günstig wie derzeit werden zumindest die Sollzinsen für lange Zeit nicht mehr sein. Und danach heißt es dann: Hoffen, dass der Ernstfall nicht eintritt.