Börsensturz Crash auf dem Ölmarkt: Was steckt hinter dem Preiskrieg?

Ölbohrturm in der Abendämmerung. Ein Preiskrieg der größten Förderländer drückt auf die Erdölpreise.
Ölbohrturm in der Abendämmerung. Ein Preiskrieg der größten Förderländer drückt auf die Erdölpreise.
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Warum hat Saudi-Arabien als weltgrößte Ölexporteuer inmitten der Corona-Krise einen Preiskrieg für Erdöl vom Zaun gebrochen? Und was bedeutet er für die Branche?

Der Preissturz war dramatisch. Nachdem Saudi-Arabien seine ersten Schüsse in dem neuen Preiskrieg abgefeuert hatte, sackte der Preis für Erdöl zum Wochenbeginn um 30 Prozent ab. Es war der größte Absturz seit dem Golfkrieg Anfang der 90er Jahre. Die Drohung aus Riad, saudisches Öl billiger zu verkaufen und selbst mehr zu fördern als weniger, schickte den Preis für Brent-Öl auf einen Tiefstand von 31.02 Dollar pro Fass. Der US-Richtpreis für West Texas Intermediate fiel auf 27,71 Dollar.

Aber was bringt den weltgrößten Ölexporteuer dazu, so aggressiv zu handeln, während die Nachfrage in der Corona-Krise schwächelt? Und was bedeutet das für die Ölindustrie im weiteren Sinne?

Warum beginnt Saudi-Arabien einen Preiskrieg?

Im Fahrwasser der Corona-Epidemie, die die Weltwirtschaft in die Rezession stürzt, war Saudi-Arabien eigentlich darauf aus, die Opec und Russland auf stärkere Einschnitte in den Fördermengen einzuschwören, um die Preise zu stützen. Aber als Russland das ablehnte, drehte sich das Königreich am Golf gegen den Verbündeten, mit dem es seit 2016 den Ölmarkt gestützt hatte.

In der Folge schraubt Riad die Fördermengen nach oben und bietet sein Rohöl mit starken Abschlägen an. Analysten sehen darin einen Versuch, Russland dafür zu bestrafen, dass es die Allianz der so genannten Opec+ verlassen hat. Möglicherweise wollten die Saudis auch ihre Stellung als wichtigster Ölexporteur festigen. Jedenfalls untermauert der Schritt die Bereitschaft Riads, sich offen gegen Russland und andere hochpreisigere Produzenten zu stellen.

„Unter den Opec-Ländern herrschte Konsens [die Produktion zu drosseln]“, sagt eine mit der saudischen Ölpolitik vertraute Quelle. „Russland war dagegen und machte die Ansage, dass ab dem 1. April jeder produzieren könne, was er wolle. Also machte auch das saudische Königreich von dem Recht Gebrauch.“

Ob der saudische Ansatz klug ist, wird auch von Analysten in Frage gestellt: Die Volkswirtschaft ist gegen einen Preissturz nicht immun, auch wenn man glaubt, den Rivalen auf diesem Weg Marktanteile abnehmen zu können. Aber unter Kronprinz Mohammed bin Salman hat das Königreich den Ruf erlangt, ins Risiko zu gehen und unberechenbar zu handeln, wenn es sich mit etwas durchsetzen will.

Weshalb war Russland gegen eine Drosselung der Fördermengen?

Russland wollte nach eigenem Bekunden erst handeln, sobald sich die volle Auswirkung des Coronavirus auf die Ölnachfrage ermessen ließe. Aber Moskau war zugleich darauf erpicht, die amerikanische Schieferöl-Industrie zu testen. Aus russischer Sicht würden geringere Fördermengen nur den Fracking-Produzenten in die Hände spielen, die schon hinter dem Aufstieg der USA zum weltgrößten Ölhersteller stehen und Russland dann noch mehr Kunden abjagen würden.

Außerdem haben einige Ansagen aus Washington den Kreml in den vergangenen Monaten schwer in Rage versetzt: Vor allem geht es dabei um neue US-Sanktionen gegen eine Tochtergesellschaft des russischen Ölkonzerns Rosneft, aber auch um Versuche, die Nord Stream 2-Gaspipeline nach Deutschland zu torpedieren.

Die amerikanische Ölförderung hat trotz des zehnjährigen Wachstums einige Mühe, rentabel zu werden. Kenner der russischen Strategie vermuten, dass Moskau eine Möglichkeit wittert, der Industrie zu schaden. „Das gesamte Volumen, das durch die wiederholte Verlängerung des Opec+-Abkommens weniger gefördert wurde, ist auf dem Weltmarkt vollständig und schnell durch amerikanisches Schieferöl ersetzt worden“, sagte ein Rosneft-Sprecher am Sonntag.

Das saudische Angebot an Russland, sich auf eine Absprache von zusätzlich 1,5 Millionen Fass pro Tag weniger einzulassen, kam zudem in Moskau eher als eine „friss oder stirb“- Forderung an. Es hätte eine Drosselung um insgesamt 3,6 Millionen Fass pro Tag oder etwa vier Prozent des globalen Angebots bedeutet. Moskau – nicht gewohnt, als Juniorpartner behandelt zu werden – soll darüber sehr verärgert gewesen sein.

Was wird aus der amerikanischen Schieferöl-Branche?

Der Preissturz kommt für die US-Schieferölindustrie zur Unzeit. Während die boomende Produktion in zehn Jahren sprunghaft anstieg und Russland wie Saudi-Arabien überholte, verbrannte die Industrie viel geliehenes Geld. Das hat etliche Investoren verprellt und macht die Branche anfällig für einen Preisverfall. Schon der enorme Rückgang seit Anfang des Jahres hat alle noch verbliebenen Expansionspläne in Zweifel gezogen.

Die Auswirkungen auf die Produktion könnten jedoch gedämpft sein. Viele der kleinen unabhängigen Produzenten, die den größten Teil des Sektors ausmachen, haben ihre Fördermengen zu höheren Preisen abgesichert. Es ist unwahrscheinlich, dass das Angebot unmittelbar schrumpfen wird. „Aus unserer Sicht wird die US-Schieferölproduktion nicht so schnell zurückgehen, wie Russland das gerne hätte“, sagte Ayham Kamel, Leiter der Nahost- und Nordafrika-Sektion der Eurasia Group.

Aber viele Produzenten könnten Schwierigkeiten mit der Refinanzierung bestehender Schulden bekommen. Viele Schrottanleihen von Energieunternehmen – die unter Investment-Grade eingestuft sind – werden bereits in schwierigen Gewässern gehandelt.

Für Präsident Donald Trump bringt der Preissturz ein Dilemma. Einerseits sind niedrigere Ölpreise ein wichtiger Teil seiner Wahlversprechen. Immer wieder rief er die Opec dazu auf, die Preise zu senken. Andererseits könnte ein anhaltender Preisverfall energieproduzierende US-Staaten wie Texas und North Dakota in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen.

Werden die Ölpreise weiter fallen?

Hoffnungen auf eine kurzfristige Erholung des Ölpreises hatten darauf gesetzt, dass der Coronavirus-Ausbruch schneller eingedämmt werden kann. Händler warnen, dass die weltweite Ölnachfrage im Jahr 2020 erstmals seit der Finanzkrise vor mehr als einem Jahrzehnt zurückgehen könnte. Der Verbrauch könnte in diesem Jahr mindestens ein bis zwei Prozent niedriger ausfallen, als es Analysten zu Beginn des Jahres erwartet hatten – wobei die Nachfrage unter Beschränkungen im Flug- und Straßenverkehr leidet. Aber angesichts der Möglichkeit einer globalen Pandemie sehen die kurzfristigen Aussichten für Rohöl düster aus.

Viel hängt davon ab, wie aggressiv Saudi-Arabien die Förderung steigern wird. Das Königreich hat mehr freie Kapazitäten als jedes andere Land und könnte die Produktion zügig in die Höhe treiben, um in den kommenden Monaten möglicherweise mehr als eine Million Fass pro Tag auf den Markt zu werfen. Außerdem kann es Lagerbestände auflösen, um die Exporte zu steigern.

Russlands Fähigkeiten, die Produktion zu steigern, sind wahrscheinlich weniger ausgeprägt. Niedrigere Ölpreise könnten zudem den längerfristigen Versprechen von Präsident Wladimir Putin zuwiderlaufen, mehr in Bereiche wie Infrastruktur und Sozialausgaben zu investieren.
Vielleicht haben die Saudis gehofft, der enorme Preisdruck würde Russland an den Verhandlungstisch zurückzwingen, aber das scheint unwahrscheinlich. „Der neue saudische Ansatz wird die russische Haltung nur noch verhärten“, sagt Amrita Sen, Chefanalystin für Öl bei Energy Aspects.

Wenn die Preise auf dem sehr niedrigen Stand verharren, werden andere Ölproduzenten schließlich ihre Expansionspläne zurückschrauben müssen, oder ihr Output könnte aufgrund ausbleibender Investitionen zurückgehen. Aber das kann sehr lange dauern, und die Prognosen sagen bereits, dass die Ölnachfrage in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts langsamer wachsen wird. Auf eine rasche Preiserholung zu wetten, scheint also verfrüht.

Was ist die Bedeutung für Big Oil?

Nach dem Absturz der Ölpreise im Jahr 2014 schalteten Konzerne wie Royal Dutch Shell, BP und ExxonMobil zurück. Sie senkten aggressiv die Kosten, verkauften Vermögenswerte und strafften ihren Betrieb, um bei niedrigeren Ölpreisen rentabel zu bleiben und ihr Geschäft vor weiteren Marktabstürzen zu schützen. Aber obwohl sie effizienter geworden sind und bei Preisen von durchschnittlich 65 Dollar pro Fass seit zwei Jahren mehr Geld erwirtschaften als bei 100 Dollar, sehen sie sich anderen Herausforderungen gegenüber.

Die Unternehmen sind verzweifelt darum bemüht, ihre Dividenden und Auszahlungen an Aktionäre zu halten, die von Prognosen über einen möglichen Peak der Ölnachfrage im nächsten Jahrzehnt beunruhigt sind. Gleichzeitig müssen sie Schulden abbauen und sich auf neue Energiequellen konzentrieren, da eine langfristige Abkehr von fossilen Brennstoffen unausweichlich scheint.

Bei einem Ölpreis unter 40 Dollar bezweifeln viele Investoren, dass dies möglich ist. Die Aktienkurse werden wahrscheinlich in den kommenden Tagen weiter unter Druck geraten. „Unternehmen mit einem hohen Fremdkapitalanteil werden vom Preisverfall für Rohöl am stärksten betroffen sein“, sagt Bernstein-Analyst Neil Beveridge.

Copyright The Financial Times Limited 2020

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