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VW in Zeiten der Lüge und des Krieges

, Bernd Ziesemer

Ferdinand Piëch gegen den Rest von Wolfsburg? So sieht es auf den ersten Blick aus. Aber es muss nicht so bleiben. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Logisch betrachtet gibt es nach den jüngsten Entwicklungen bei VW nur zwei Möglichkeiten: Entweder lügt der frühere Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch – oder der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Es geht um das Präsidium des VW-Aufsichtsrats, dem außer Weil zum fraglichen Zeitpunkt der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber und Wolfgang Porsche angehörten. Piëch behauptet, er habe die drei frühzeitig über den Verdacht von Manipulationen an Dieselmotoren in den USA informiert und den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn zur Rede gestellt. Weil leugnet das kategorisch. Aussage steht damit gegen Aussage.

Der VW-Konzern ist mit der Attacke Piëchs endgültig in das Zeitalter der Lüge und des offenen Kriegs um die Macht eingetreten. Der Patriarch allein gegen den Rest der hermetischen Wolfsburger Welt – so sieht es auf den ersten Blick aus. Und natürlich tun die verschiedensten externen und internen Propagandaleute des Konzerns alles, damit sich dieser Eindruck verfestigt. Nach dieser Lesart führt Piëch einen Rachefeldzug gegen alle, die 2015 seine Entmachtung durchgesetzt hatten. Mit einem geradezu selbstzerstörerischen Drang nehme der Patriarch dabei sogar in Kauf, dass der Konzern möglicherweise weitere Milliarden Euro Strafe wegen einer verspäteten Information seiner Aktionäre über die Betrugsaffäre bezahlen müsse. Kurz und schlecht: Piëch handele vollkommen irrational.

Die meisten deutschen Medien haben sich dieser Sichtweise des Konzerns mehr oder weniger angeschlossen. Aber sie muss nicht stimmen. Piëch hat sich bei früheren Auseinandersetzungen als kühler Stratege erwiesen. Der 79-Jährige ist alt geworden, aber nicht gaga. Einige der besten Anwälte beraten ihn – zum Beispiel der Hamburger Ausnahmejurist Gerhard Strate. Wenig spricht dafür, dass Piëch im blinden Zorn ins offene Messer rennt. Wenn sich seine eidesstattliche Erklärung am Ende als falsch erweisen sollte, droht ihm eine empfindliche Strafe. Außerdem könnte VW Schadenersatz in astronomischen Höhen von ihm verlangen.

Piëchs Vorgehen erscheint in einem anderen Licht

Wahrscheinlich hat Piëch, wie in früheren Auseinandersetzungen auch, irgendetwas in der Hinterhand. Ausgeschlossen, dass nach dem Auftritt seines Widersachers Weil („Fake News“) jetzt nichts mehr von Piëch kommt. Bei VW vermuten einige Manager, Piëch habe im März 2015 nicht nur Winterkorn nach den Problemen in den USA befragt, sondern auch noch andere Verantwortliche. Außerdem könne sich ja auch noch seine Ehefrau Ursula melden, die damals bekanntlich selbst im Aufsichtsrat von VW saß. Vielleicht steht es schon bald gar nicht mehr 1:3 bei den Aussagen, sondern ganz anders. Und vielleicht gibt es sogar Papiere, die Piëchs Position doch untermauern.

Weil und andere Aufsichtsräte verweisen auf die Untersuchung der amerikanischen Kanzlei Jones Day, die angeblich Piëchs Aussagen gegen Winterkorn und das Präsidium des Aufsichtsrats als „unwahr“ bezeichnet habe. Das kann man glauben, muss es aber nicht, solange VW nicht den vollständigen Bericht der US-Ermittler veröffentlicht. Die VW-Führung hatte das ursprünglich fest versprochen, will davon aber heute nichts mehr wissen. Vielleicht verstecken sich zwischen den vielen Zeilen des Jones-Day-Reports ja noch andere Bomben. So lange der Konzern immer nur das aus dem Bericht zitiert, was gerade seinen eigenen Interessen dient, muss man es fast vermuten.

Ein Argument spricht auf jeden Fall für Piëch: Als der damalige Aufsichtsratschef Anfang April über den „Spiegel“ seinen berühmten Angriff auf Winterkorn („Ich bin auf Distanz“) starte, gab es dafür keine einleuchtende Erklärung. Nun erscheint Piëchs Vorgehen ganz logisch: Erst bekam der Patriarch danach Hinweise auf die Betrugsaffäre in den USA, dann befragte Piëch Winterkorn und informierte das Präsidium des Aufsichtsrats und ging schließlich zum Angriff über. So könnte es gewesen sein – muss es aber natürlich nicht. Fortsetzung folgt.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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