• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Debatte

Für eine fundamental andere Ökonomik

, Jakob Hafele

Ein Weiter so in der Ökonomik darf es nicht geben. Die Probleme der Menschheit erfordern Lösungen - und keine Ideologie. Von Jakob Hafele

Uni-Bibliothek © Frank Homann / Universität Bonn

Jakob Hafele vom Netzwerk Plurale Ökonomik Die Diskussion über den Zustand der Wirtschaftswissenschaften geht in eine neue Runde. Das deutsche Netzwerk Plurale Ökonomik beklagt die „Einseitigkeit der Lehre“. Axel Dreher, Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik in Heidelberg, verteidigte die Ökonomie: Die Volkswirtschaftslehre sei besser als ihre Kritiker meinen. Ihm antwortet jetzt Jakob Hafele (Foto) vom Netzwerk Plurale Ökonomik


In den Wirtschaftswissenschaften herrscht Ausnahmezustand: Professoren sind sich uneinig bis ins Grundsätzlichste, Studierende protestieren und organisieren sich ihre Vorlesungen teilweise selbst. Eine Diskussion um ökonomische Wahrheit und wissenschaftliche Redlichkeit ist entbrannt. In dieser Diskussion hat Axel Dreher, Professor an der Uni Heidelberg, den Status Quo der Ökonomik verteidigt: Die Kritik sei überholt, Vielfalt gebe es längst. Wir sagen danke Herr Professor Dreher, dass Sie sich dieser längst überfälligen Diskussion stellen.

Überall werden Ökonomen kritisiert für ihre Einseitigkeit, ihre Fokussierung auf Märkte und ihre Unfähigkeit, mit den aktuellen Problemen unserer Zeit umzugehen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien hat erst kürzlich mit 44 Prozent ein neues Rekordhoch erreicht, Umweltprobleme werden zu ökologischen Katastrophen und es gibt weltweit immer mehr Menschen, die hungern und unterernährt sind. Gleichzeitig häuft sich ein gewaltiger Reichtum an, die Ungleichverteilung der Ressourcen nimmt zu. Die Empfehlungen der Wirtschaftswissenschaftler spielen in alledem keine unerhebliche Rolle. Nicht gerade eine Situation, in der Ökonomen rufen sollten: “Alles gut, wir machen einfach so weiter wie bisher”.

Die Wirtschaftswissenschaft ist einseitig

Der Zustand der Wirtschaftswissenschaft ist äußerst bedenklich: Geprägt von einer erschreckenden Einseitigkeit, die jedoch kaum als solche erkannt wird. Die sogenannte Neoklassik, die man auch als die heutige Mainstream-Ökonomik bezeichnen könnte, beherrscht Forschung und Lehre. Die Inhalte dieser Schule und deren Ableitungen gelten allein als ökonomische Grundlagen, grundlegend andere Ansätze bleiben außen vor. Die vermeintliche Vielfalt, die Professor Dreher erwähnt, existiert nur innerhalb dieses neoklassischen Gedankengebäudes. Mittels ein und denselben Annahmen und Methoden werden lediglich verschiedene Themengebiete untersucht. Solch eine Erweiterung des Untersuchungsgegenstandes ist keine Vielfalt.

Ebenso wenig kann von Vielfalt und Offenheit gesprochen werden, wenn höchstens ein oder zwei alternative Lehrveranstaltungen im Wahlbereich des Studiums auftauchen, die überdies, wie bei der Dogmengeschichte in Heidelberg, von den Studierenden selbst organisiert und initiiert wurden.

Die Mainstream-Ökonomik ist ideologiebehaftet

Besonders brisant ist diese Einseitigkeit, da sie eben nicht wissenschaftlich neutral ist, wie häufig behauptet wird: Jeder ökonomischen Schule liegen normative Annahmen über die Welt zugrunde, auch der Neoklassik. „Mehr ist besser“ oder die Annahme, dass Märkte prinzipiell zu einer effizienten Verteilung führen, sind nur zwei Beispiele. Aus diesen Annahmen resultiert eine Perspektive auf die Welt, welche Effizienz über Gerechtigkeit und die Maximierung des materiellen Wohlstandes über den Schutz der Umwelt stellt.

Doch nicht nur die Annahmen verhindern Neutralität; auch die Entscheidungen, welche Fragen überhaupt untersucht werden und mit welchen Werkzeugen dies gemacht wird, sind normativ.
Die Mainstream-Ökonomik ist somit kein wertfreies Instrument zur Analyse der Realwirtschaft. Ganz im Gegenteil, durch die einseitige Auswahl der Annahmen, Methoden und Untersuchungsgegenständen ist sie ideologiebehaftet.

Die Welt ist zu komplex für nur eine Perspektive

Die anhaltenden Klagen aus der Realwirtschaft über die unzureichende Ausbildung der Ökonomen zeigen deutlich, wie wenig Studierende der Wirtschaftswissenschaften über die Wirtschaft lernen.

Menschliche Interaktion ist sehr komplex. Aus anderen Wissenschaften können wir lernen, dass keine Theorie über menschliches Verhalten immer und absolut gilt. So lässt sich eine Situation oft nur aus vielen verschiedenen Perspektiven erklären. Dabei sind manche Perspektiven besonders gut darin, gewisse Aspekte zu erklären. Andere Theorien erklären wiederum andere Aspekte besser.

Die Neoklassik fragt, wie knappe Güter möglichst effizient verteilt werden können und hat somit ihre berechtigte Existenz in den Wirtschaftswissenschaften. Die Ökologische Ökonomik hingegen stellt die Erhaltung unserer Lebensgrundlage als Ziel über die Effizienz, die Post-Keynesianische Ökonomik wiederum erkennt niedrige Löhne als zentrales Problem und Geld als tragenden Faktor in Wirtschaftszyklen an. Auf Marx aufbauende Theorien haben mehr Gespür für Machtverhältnisse im politisch-ökonomischen System. Wir brauchen viele Perspektiven, um der komplexen Welt gerecht zu werden. Das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaft.

Die aktuellen Probleme der Menscheit nicht vergessen

Doch es geht nicht allein um Erkenntnis und wissenschaftliche Logik - es geht auch um Menschen! Ökonomen befassen sich mit der Erschließung und Verteilung von Ressourcen, aber es sind noch lange nicht alle Menschen auf dem Planeten mit auch nur dem Lebensnotwendigen versorgt. Die Eurokrise hat Tausende in Europa obdachlos gemacht und die ressourcenhungrigen Ökonomien unserer Zeit belasten unsere Umwelt auf Kosten künftiger Generationen. Herr Drehers Beschreibung einer Ökonomik als im guten Zustand befindlich, steht im Kontrast zu einer Weltwirtschaft, die nicht in der Lage ist, die gewaltigen Probleme zu lösen und die Ökonomen treiben müsste, mit aller Entschlossenheit Lösungen für diese Probleme zu erarbeiten. Aber anstatt nach neuen Antworten auf diese Probleme mit dem intellektuellen Reichtum aller wirtschaftswissenschaftlichen Theorien und Methoden zu suchen, lehnen sie sich zufrieden auf ihren neoklassischen Sesseln zurück.

Um diese verengte und einseitige Perspektive der Wirtschaftswissenschaften aufzulösen, fordern wir Pluralität. Eine Pluralität, in der aus verschiedenen Perspektiven auf die Wirtschaft gesehen wird, mit grundsätzlich anderen Annahmen und anderen Fokussierungen.

Dabei reicht es nicht aus, dass Studierende einige Veranstaltungen mit in die Curricula einbringen. Auch die Universitäten müssen Triebkraft der Veränderung sein. Im derzeitigen Zustand der Volkswirtschaftslehre kann ein Lückenschließen durch Studierende keine Lösung sein, vielmehr muss das Fundament erneuert werden!


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.