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Die Zeitmaschinen

, David Schumacher, Horst von Buttlar, Jens Brambusch und Martin Kaelble

Die Uhrenbranche boomt, und seit vielen Jahren hat sie ein Zauberwort: Manufaktur. Doch was steckt hinter der Handwerkskunst?

Audemars Piquet © Audemars Piguet
Audemars Piquet: Jede Uhr, die die Manufaktur verlässt wird registriert

Es gibt Orte, die möchte man einpacken und mit nach Hause nehmen, um sie dort wegzuschließen und vor dem Wandel der Zeit zu bewahren. An einem solchen Ort arbeiten Angelo Manzoni, der Italiener, und Francisco Pasandin, der Spanier. Ein Atelier, holzgetäfelt, Tische voll feiner Werkzeuge, Schränke voll alter Schätze. Der Blick durch die Fenster geht auf ein Tal, in dem seit Jahren vor allem zwei Geräusche Bestand haben: das Bimmeln der Kuhglocken und das Schlagen der Uhren.

Und wenn Angelo und Francisco von ihrer Arbeit erzählen, in weißen Kitteln und mit leuchtenden Augen, dann möchte man sie gleich mit einpacken: wegen ihrer Ruhe, ihres Eifers und ihrer Leidenschaft, mit der sie tagaus, tagein Uhren reparieren.

Denn das ist die Aufgabe der beiden Uhrmacher: Sie bauen keine Uhren mehr, sondern reparieren und restaurieren sie, und zwar im Prinzip alle, die Audemars Piguet in den fast 140 vergangenen Jahren hergestellt hat. Goldene Taschenuhren mit zerbrochenem Glas, Damenarmbanduhren von 1916, kostbare Herrenuhren, die irgendwelche Juweliere verhunzt haben. „Für meine Arbeit brauche ich nur zwei Sachen: Geduld und Begeisterung“, sagt Francisco, und auf Französisch klingt es viel lautmalerischer: „patience et passion“.

Ersatzteile © Audemars Piguet
Kisten mit Ersatzteilen, um auch alte Uhren reparieren zu können

Le Brassus heißt das Städtchen, in dem Audemars Piguet seine Heimat hat, es liegt im Vallée de Joux, einem abgeschiedenen Hochtal im Schweizer Jura, eine Stunde nördlich von Genf. Eine kurvige Straße führt hin, Fichtenwälder stehen Spalier, satte Wiesen leuchten, umsäumt von flachen Steinmauern; und dann öffnet sich plötzlich das Tal mit dem Lac de Joux. Hier, in der Einsamkeit, wo die Sommer kurz und die Winter lang sind, lebten die Bauern einst von ihrem Vieh und dem, was der karge Boden hergab. Man nannte sie „Combiers“ nach den vielen combes, den Schluchten, und es waren tüchtige Leute, die im Winter Eis aus dem See sägten und bis ins Hotel Ritz nach Paris verkauften.

Und noch etwas machten die Combiers in den dunklen Stunden des Winters: Sie bauten Uhren. Erst Turmuhren, dann Taschenuhren, und heute sitzen im Vallée de Joux mit die größten Namen der Branche: Vacheron Constantin, Jaeger LeCoultre, Breguet – und eben Audemars Piguet. Gegründet 1875 von Jules-Louis Audemars und seinem Freund Edward-Auguste Piguet und heute noch immer in Familienhand.

Wer über den Mythos, der die Uhrenbranche umweht, den sie pflegt und in immer neuen Modellen, Mechaniken und Manufakturen inszeniert, etwas wissen will, muss in dieses Tal fahren, das seit Jahrhunderten von der Zeitmessung lebt. Denn diese Abgeschiedenheit ist schon Teil der Erzählung der Manufaktur, egal ob sie im Osterzgebirge zu suchen ist, wie im 19. Jahrhundert im Schwarzwald – oder eben im Schweizer Jura.

Beinahe die ganze Uhr

Manufaktur. Vom lateinischen „manus“, die Hand, und „facere“, erbauen, herstellen. Der Begriff ist das Zauberwort einer Branche, die seit Jahren viel Geld mit mechanischen Uhren verdient. Käufer und Sammler legen Tausende Euro extra für eine echte Manufakturuhr hin, für Händler ist es das Schlagwort beim Verkauf. Sogar ein kleiner Manufakturtourismus hat sich etabliert, für Kenner und Kunden; Manufakturen werden besichtigt, wie Schatzkammern und Stätten einer Epoche, die sich dem Fließband und Wegwerfwahn entzieht. Dort sitzen hinter Scheiben Männer und Frauen, Lupen in Augen geklemmt, gebeugt, still, konzentriert, scheinbar entkoppelt vom tosenden Fluss unserer Zeit.

Dazu muss man wissen: Der Boom der mechanischen Uhren ist, auch wenn er schon einige Zeit anhält, nicht selbstverständlich. In den Siebzigern wütete die „Quarzkrise“ in der Branche, die neue Technik aus Japan machte die Uhren billig und die Mechanik scheinbar überflüssig.

Von 90.000 Jobs in der Schweiz verschwanden 60.000 Erst in den 80er-Jahren setzte eine zarte Renaissance ein, und seitdem gibt es nur die normalen Dellen und Krisen der Konjunktur, wie 2001 nach dem 11. September oder 2008 nach dem Ende von Lehman Brothers. Aber keine Krise nagte mehr an der Existenz der Branche, die von einem Rekord zum nächsten jagt und ihre Produkte auf den Messen in Basel und Genf auf Ständen präsentiert, die kleinen Tempeln oder Palästen gleichen. Die kleine Kehrseite des Manufakturenbooms ist, so klagt auch manch Uhrmacher, dass das Wort recht inflationär gebraucht wird. Wie unterscheiden sich Marken noch, wenn immer mehr Manufakturen auftauchen – oder Firmen sich so nennen? Was steckt wirklich hinter dem Mythos?

Die Definition von Manufaktur klingt zunächst ganz einfach: eine Fabrik, die „beinahe die ganze Uhr“ herstellt – so umschreibt es der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie. Nur: Was heißt „beinahe“?

Längst hat sich eine weitere Definition verselbstständigt. Als Manufaktur darf sich bezeichnen, wer das Werk sowie wesentliche Teile selbst entwickelt und herstellt. Das trifft auf viele renommierte Marken zu, auf andere hingegen nicht. Hochwertige Uhren lassen sich auch bauen, wenn man den Großteil der mechanischen Bauteile einkauft und sich auf die Gestaltung und Veredelung konzentriert, etwa durch besonderen Schliff oder das Einsetzen von Edelsteinen. So haben es viele Hersteller jahrzehntelang praktiziert. Um sich heute Manufaktur zu nennen, muss eine Marke eine gewisse Fertigungstiefe aufweisen. Aber Manufaktur heißt noch mehr.

Audemars Piquet © Audemars Piguet
Ein Ort voller Ruhe und Konzentration: die holzgetäfelte Reparaturwerkstatt von Audemars Piguet
Audemars Piguet © Audemars Piguet
Die Restauration der Uhren ist mühevolle Handarbeit

„Die Menschen sind fasziniert zu sehen, dass eine so kleine Welt so lange funktioniert“, sagt Francisco, der Uhrmacher in Le Brassus. Aber manchmal geht auch sie kaputt. Er hält eine goldene Taschenuhr in der Hand, das Gehäuse ist aus Naturkristall, sie ist runtergefallen. Wenn eine Uhr eingeschickt wird, suchen Francisco und Antonio als Erstes nach der Seriennummer. Denn Audemars Piguet registriert jede Uhr, die das Haus verlässt: In kunstvoller Schrift sind die Modelle mit Nummer verzeichnet; die Bücher stehen verschlossen in einem feuerfesten Schrank im zweiten Stock des Museums. Die erste Uhr trägt die Nummer 2000 (weil die ersten Jahre fehlen), und auch heute noch wird per Hand jede Uhr hier eingetragen, man ist bei über 800.000.

Manufaktur, das ist also auch Geschichte, Herkunft, Wissen, das bewahrt wird. Wenn eine Uhr nun repariert werden soll, weiß Audemars sofort, wann sie produziert wurde, wer sie kaufte – und kann vor allem die Ersatzteile anfertigen.

In seinem Atelier öffnet Angelo einen grauen Sicherheitsschrank. Kleine Holzkästen stehen darin gestapelt, mit vergilbten Inschriften: „SMV No. 5“, „Fournitures SVF 5 Serie A.P.“ oder „Pierres à Sertir“. In den Kästen: kleine Fächer mit Zahnrädern, Schrauben, Federn. Als die Quarzkrise wütete, wollte man diese Kästen eigentlich alle wegschmeißen. Die brauchen wir nicht mehr, sagte man, keiner will mehr mechanische Uhren. Aber ein weitsichtiger Uhrmacher sagte: Nein, ich lagere alles in meinem Atelier ein, wer weiß, wofür es noch gut ist.

Heute ist dieser Schrank eine Schatzgrube, denn Audemars hat so für jedes Modell die Vorlagen für Ersatzteile. Und wenn eine Uhr kommt, schnappen sich Angelo und Francisco ihre Bleistifte und zeichnen, wie die Uhr wieder aussehen wird. Alles ist Handarbeit, die neuen Federn, der Schliff mit Diamantpulver, die Politur mit Zink, die Feinarbeit mit Stangen, die aus Enzianstängeln bestehen. „Es ist faszinierend, einer kaputten Uhr wieder Leben einzuhauchen“, sagt Francisco. Rund 100 Uhren rekonstruieren sie hier pro Jahr, arbeiten oft Dutzende Stunden pro Einzelstück, und mit jeder Uhr lernen sie etwas Neues: „Wir bleiben ein Leben lang Lehrlinge.“

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Ufo in den Bergen

Eine gute Stunde weiter nach Norden, vorbei am Lac de Neuchâtel, dem Neuenburgersee, nach La Chaux-de-Fonds, auf rund 1 000 Meter, eine der höchstgelegenen Städte Europas, Unesco-Welterbe – und neben Biel/Bienne und Le Locle eine der bekanntesten Uhrenstädte der Schweiz.

Wenn hier die Sonne hinter den Hügeln untergeht, glänzt gleich neben dem kleinen Flughafen ein verspiegeltes Gebäude wie ein Ufo, das gerade auf der Wiese gelandet ist. Goldgelbe, raumhohe Fensterfronten strahlen auf zwei Ebenen.

Cartier
Cartier hat 2006 in der Schweizer Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds eine neue Manufaktur hochgezogen
Cartier
Rund 1000 Mitarbeiter produzieren hier rund um die Uhr

Das Gebäude hat Cartier vor acht Jahren hingestellt, mit einer großen Doppelmission: die 150 Jahre alte Luxusmarke, die vor allem für Damenschmuck steht, zu einer Herrenmarke umzuformen. Und das mit einer waschechten Manufaktur.

Die Frau, die diese Mission umsetzen soll, heißt Carole Forestier-Kasapi, ein großer Name der Branche und eine stolze Erscheinung mit dunklen Haaren und Leberfleck auf der linken Wange. „Die meisten Menschen verbinden mit unseren Uhren vor allem Schmuck“, sagt sie. „Von diesem Image wollen wir weg.“ Künftig sollen die Kunden mit Cartier „gute, solide, mechanische Uhren assoziieren“.

Das dauert. Und kostet viel Geld. Man warb Talente von Konkurrenten ab; als der Mutterkonzern Richemont 2007 die Uhrmacherei von Roger Dubuis übernahm, gewann man zusätzliches Know-how. „Als wir anfingen, das Image von Cartier zu ändern, haben wir uns zehn Jahre gegeben“, sagt Forestier-Kasapi. „Das war vor acht Jahren. Mal sehen, wo wir in drei Jahren stehen.“

Cartier betreibt den wohl beispiellosen Aufwand nicht, weil man mal eben Lust dazu hatte. Sondern weil es sich lohnt. Denn an großen Marken schien der Boom der mechanischen Uhr in der Männerwelt vorbeizuziehen. Dabei rühmt sich das Unternehmen, 1904 die erste Pilotenarmbanduhr gebaut zu haben. Louis Cartier erfüllte damals einen Wunsch des brasilianischen Piloten Alberto Santos Dumont: während des Flugs die Zeit ablesen zu können.

Über 1000 Menschen arbeiten nun in der neuen Manufaktur, in der man 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Uhren aus bis zu 500 Komponenten fertigt.

Auch das ist wichtig bei der Erzählung der Manufaktur: die Anzahl der Teile, aus denen die Uhr gefertigt wird. Und die Zahl der Funktionen, die über die Stunden- und Minutenzeiger hinausgehen. Man nennt sie Komplikationen, und je mehr sie hat, desto teurer ist die Uhr: Mondphasen, Jahreskalender, ewiger Kalender, Chronograf, mit „blitzender Sekunde“, Doppelzeiger. Spielereien, nicht immer nützlich, aber darauf kommt es kaum an. Das Geheimnis ist, dass sie alle auf kleinem Platz untergebracht sind. „Männer sind technikversessen, wenn nicht besessen“, sagt Forestier-Kasapi. Natürlich müsse ihnen das Design der Uhren gefallen. Aber den Männern komme es auf die inneren Werte an – zumindest bei Uhren. Und dann muss auch überall Cartier drin sein, wenn Cartier draufsteht. Von der Idee bis zur Produktion einer neuen Uhr vergehen drei bis fünf Jahre. Allein 120 Mitarbeiter hat der streng geheime Thinktank.

Im Innern der neuen Manufaktur sind lange, helle Flure, Linoleumböden, Bullaugen, die in die Labore blicken lassen. Menschen streifen beflissen in weißen Kitteln, umher, alle in Sicherheitsschuhen. Staub ist der größte Feind des Uhrmachers, je feiner, desto schlimmer. Geräte, Menschen und Bauteile reinigen, das nimmt 70 Prozent der Zeit einer Produktion ein. Solche Zahlen, sagt Forestier-Kasapi beim Rundgang, begeistern Händler oder Kunden. „Die sagen dann: ,Wow, jetzt verstehe ich, warum die Uhren so teuer sind.‘“

Ja, die mechanischen Uhren sind teuer, und über die Margen schweigt die ohnehin verschwiegene Branche vornehm. 3000 Euro kostet oft schon eine einfache Edelstahluhr. 10.000 Euro ein Chronograf, also eine Uhr mit Stoppfunktion. Ein großer Teil des Preises muss sich also dadurch erklären, dass ein enormer Aufwand dahintersteckt. Und, noch wichtiger: dass alle Welt diesen Aufwand kennt und wertschätzt.

Ganz nah am Uhrmacher

Und deshalb öffnen die Marken gern ihre Werkstore. Fast alle Juweliere, die Capital für den Uhrenkompass befragt hat, haben Manufakturen besichtigt, viele tun das jährlich und nehmen ihre besten Kunden mit. 87 Prozent gaben an, die Besuche seien ein „gutes Mittel, um Kunden zu binden“. Noch lange danach schwärmen diese davon „in den höchsten Tönen“, sagt Wolfgang Stoess, Juwelier in vierter Generation aus Wiesbaden. Alexander von Hofen, Juwelier aus Stuttgart, nimmt seit Jahren Kunden mit zu Parmigiani und IWC, „da kam man früher ganz nah ran an die Uhrmacher“. Einmal, erzählt er, brachte ein Kunde seine defekte Sonderanfertigung mit und machte den Uhrmacher ausfindig, der sie einst gebaut hatte. „Der hat sie repariert, während wir beim Mittagessen waren.“

An Interessierten mangelt es nicht, von Hofen mietet auch schon mal einen Kleinbus, um seine Reisegruppe durch die Schweiz zu kutschieren: zwei Manufakturen und abschließend zum Museum von Patek Philippe in Genf. „Einen Besuch bei Rolex“, sagt von Hofen, „könnte ich unter meinen Kunden meistbietend versteigern.“ Aber ausgerechnet der bekannteste aller Uhrenhersteller öffnet Kunden ungern die Tore.

Rolex setzt pro Jahr schätzungsweise 800.000 Uhren ab, es gibt Millionen Fans auf der Welt, also liegt die Vermutung nahe, dass der Ansturm kaum zu bewältigen wäre.

Die vertraute Heimeligkeit, die man bei Manufakturen wie Parmigiani oder A. Lange & Söhne erlebt, darf man beim Branchenprimus nicht erwarten. Rolex wird allseits geachtet für die maschinelle Präzision seiner Produktion. Im neuen Werk in Biel arbeitet oft nur eine Person in einem Raum von fünf mal fünf Metern, inmitten von Hightechmaschinen, die Dutzende Arbeitsschritte automatisch ausführen. Roboter auf Rädern bringen Bauteile von einer Halle zur nächsten.

Rolex
Manufaktur à la Rolex: große Hallen und Hightech dominieren beim Branchenprimus

Rolex produziert auch Bauteile, deren Herstellung so kompliziert ist, dass viele Wettbewerber sie von spezialisierten Zulieferern einkaufen. Wie etwa die antimagnetische Spirale aus einer Legierung, die Rolex Parachrom nennt. Bei 2400 Grad werden die Elemente Zirkonium und Niob in einem Ofen verschmolzen, der wie ein Minireaktor aussieht.

Rolex treibt den Gedanken auf die Spitze, aber das Prinzip Manufaktur bedeutet immer auch: größtmögliche Unabhängigkeit. Alles selbst können. Das meiste selbst machen.

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Diese Autonomie haben auch Hersteller wie Audemars Piguet in den letzten Jahren ausgebaut. Natürlich werden auch hier die jährlich 35.000 Uhren nicht nur in Handarbeit hergestellt, sondern mithilfe moderner Industrierobotik. Aber man will möglichst viel selbst können, Handarbeit, zu der keine Maschine in der Lage ist, sei „das Herz und die Seele der Haute Horlogerie“. Seit zwei Jahren zählen dazu sogar die Zifferblätter. „Wir sind fast autark“, sagt François-Henry Bennahmias, seit Anfang 2013 CEO. (Hier geht es zum Interview mit François-Henry Bennahmias)

Wer mit Bennahmias spricht, trifft auf eine Art Antityp in der eher steifen Branche, gern auch mal ohne Schlips und Anzug, sondern in Trainingsjacke mit dem Schriftzug von Audemars. In der Ecke des hellen Büros steht eine große Figur von Meister Yoda, auf dem Fensterbrett andere Bekannte aus „Star Wars“ und Figuren von Basketballern, deren Originale Testimonials der Marke sind. Schnell spricht Bennahmias und ohne Umschweife, und wenn er auf das Thema Manufaktur kommt, dann wird er deutlich: Ja, sagt er, es gebe „Abkürzungen“, etwa bei der Veredelung. Dabei könne man bis zu einem Drittel der Kosten sparen. „Andere gehen den short cut, wir nicht.“ Er greift eine der Sportlerfiguren, die auf dem Fensterbrett stehen. „Qualität, was heißt das schon? Das ist auch Qualität, made in China. Qualität ist immer relativ. Es gibt auch viele Sportler, die sagen, sie können 100 Meter unter zehn Sekunden laufen. Da kann man nur sagen: Lasst uns an den Start gehen und mal wirklich schauen, wer es schafft. Und dann bleiben in unserer Branche viel weniger übrig.“ In dem Bild, das Bennahmias zeichnet, hat auch die Werkstatt, in der Antonio und Francisco arbeiten, eine glasklare Rolle. Sie zeigt: Wir stellen sicher, dass eine Uhr von uns ihren Wert behalten wird. In fünf, in 20 Jahren, immer. Wer diese Botschaft am glaubhaftesten vermittelt, kann die höchsten Preise verlangen.

Womit man bei Patek Philippe angekommen ist. Die Uhren sind teuer, die Neupreise liegen im fünf- und sechsstelligen Bereich. Viele steigern ihren Wert, bei Auktionen erzielen Modelle Millionenerlöse. Die Genfer Manufaktur betreibt seit 13 Jahren ein eigenes Museum und feiert in diesem Jahr 175. Geburtstag. Thierry Stern lenkt die Geschicke des Uhrenherstellers, eines der letzten unabhängigen der Branche, er hat die Leitung 2009 von seinem Vater übernommen. Die Feier zum Jubiläum wurde ein mehrtägiges Fest, bei dem die Zentrale komplett umgebaut wurde, zu einer Mischung aus Salon, Bar, Wohnzimmer und Palast.

Patek Philippe
Teure Jubiläumsuhr: 2,5 Mio. Schweizer Franken kostet eine "Grand Master Chime Kaliber 300"

Auf drei Wände gleichzeitig projizierten Strahler die stolze Geschichte, und Stern enthüllte eine Uhr, die in ihrem Anspruch schon alles erzählt – 20 Komplikationen, sieben Jahre Entwicklung, 100.000 Arbeitsstunden, 11.060 Teile, 2,5 Mio. Schweizer Franken, limitiert auf sieben Stück: die „Grandmaster Chime Kaliber 300“. „Die komplizierteste Armbanduhr der Welt“, versprach Patek Philippe, für die man ein eigenes Buch mit 200 Hochglanzseiten und Samteinband drucken ließ. Eine Manifestation von Manufaktur pur.

Thierry Stern ist ein leiser Mensch, zurückhaltend, was er sagt, klingt eher nach Demut als nach Großspurigkeit. „Wer heute bei uns anfängt, denkt, dass Patek groß und mächtig ist“, sagt er. „Das ist aber nicht mein Patek, in meinem Kopf sind wir viel kleiner.“ Bodenständig müsse man bleiben, die schwierigen Zeiten nicht vergessen. Halte genug Reserven, mahnt ihn heute noch sein Vater, der in der Quarzkrise auf der Messe in Basel an einem Tisch mit vier Stühlen ausstellte. „Damit wir im Abschwung keine Leute entlassen müssen.“

Wenn man Stern allerdings fragt, was den Mythos einer Manufaktur ausmacht, sprudelt es aus ihm heraus. Er redet von der Faszination, dass Menschen Hunderte Teile zusammenbauen und etwas Mechanisches herstellen, das ewig funktioniert. Ohne Batterie. „Das ist das Wunder. Das haben Sie bei einem iPhone nicht. Es ist aus Kunststoff, man muss es aufladen, nach einiger Zeit schmeißen Sie es weg.“ (Hier geht es zum Interview mit Thierry Stern)

Vergleiche mit dem iPhone und jetzt mit der Apple Watch bringen die Herren der Horlogerie gern. LVMH-Uhrenchef Jean-Claude Biver lästert: „Nach fünf Jahren ist so eine Uhr doch wieder obsolet.“ François-Henry Bennahmias von Audemars Piguet sagt: „Ja, die Menschen werden digitale Uhren tragen. Aber viele wollen irgendwann etwas besitzen, das einen wirklichen Wert hat und ihn auch behält.“

Herkunft ist eine Lehre

Von diesen Werten spricht auch Thierry Stern. Mechanik, sagt er, sei heute etwas fast Surreales, deshalb ziehe sie viele Menschen so an. Ja, viele Marken würden die Manufaktur, die Tradition, als Marketing nutzen. Herkunft aber habe nur dann eine Bedeutung, wenn man sie lebt und nutzt. „Und wir nutzen unsere jahrzehntelange Erfahrung, die Aufzeichnungen in den Archiven, die Techniken der Vergangenheit.“ Herkunft, sagt Stern, „ist wie eine Lehre, die jede Generation aufs Neue absolvieren muss“. Das Geheimnis der Manufaktur sei also ein anderes. „Es ist immer machbar, eine sehr gute Uhr zu bauen, wenn Sie viel Geld und Zeit investieren“, sagt er. „Dann kann man auch eine bessere Uhr als Patek bauen und in Basel zeigen und für 1 Mio. verkaufen. Aber dann? Die Kunst ist doch, dies immer wieder zu können, zehnmal, Hunderte Male, mit dem gleichen Schliff und der Veredelung, das ist wahre Manufaktur.“

Gibt es in dem Uhrenboom dann überhaupt noch Bedrohungen oder Probleme? Ja, aber sie sind subtiler. Werden die Chinesen weiter so viele Luxusuhren kaufen? Erholt sich Europa, für viele Hersteller immer noch einer der zentralen Märkte?

Es gibt auch brancheninterne Umwälzungen. Manche Bauteile sind unverzichtbar, werden deshalb von Spezialisten gefertigt. Wie eben die Spirale oder das Assortiment. Es ist der schwingende Taktgeber einer Uhr, bestehend aus präzise aufeinander abgestimmten Teilen: Spirale, Unruh, Ankerrad und Anker. In diesem Bereich hat die Swatch-Tochter Nivarox faktisch ein Monopol.

Auch im Bereich der Rohwerke nimmt eine Swatch-Firma, die ETA, marktbeherrschende Stellung ein. Seit 2009 hat die Swatch Group, zu der Luxusmarken wie Breguet, Blancpain und Omega gehören, immer wieder angekündigt, die Belieferung der Konkurrenz einzuschränken. Damit hat der Konzern eine Reihe von Marken geradezu gedrängt, sich zur Manufaktur zu entwickeln. Tatsächlich haben TAG Heuer, Breitling und andere viel Geld investiert, um ihre Fertigungstiefe zu erhöhen.

Eine echte Manufaktur hat also auch strategische Bedeutung. Das hat man auch bei Nomos vor Jahren schon erkannt. Die Glashütter haben mit preisgünstigen, zuverlässigen und modern gestalteten Uhren eine Nische besetzt, die schnell wächst. Binnen weniger Jahre verdoppelte sich die Produktionsmenge.

Nomos Glashütte © Nomos Glashütte
Sachlichkeit: Die Nomos-Manufaktur im sächsischen Glashütte
Nomos Glashütte © Nomos Glashütte
Konzentrierte Handarbeit: Der Uhrmacher mit Lupe im Auge

Was, wenn Nivarox die Lieferungen einfriert? Zusammen mit der TU Dresden hat Nomos sieben Jahre lang an einem eigenen Assortiment gearbeitet, das in Großserie gefertigt werden kann. Die Entwicklung kostete über 11 Mio. Euro – und sie war erfolgreich. In diesem Jahr sind erstmals Modelle auf den Markt gekommen, die das „Swing-System“ in sich tragen. Diesen luftigen Namen hat sich Nomos für das ausgedacht, was Firmenchef Uwe Ahrendt so beschrieb: „Es fühlt sich für uns an wie die Landung auf dem Mond.“ Selbst bei A. Lange & Söhne, der ortsansässigen Konkurrenz, äußert man sich bewundernd. „Die haben mal eben das Monopol von Swatch gebrochen“, sagt einer. „Eine Sensation.“

Nomos demonstriert zudem, dass die Uhren nicht zwingend teurer werden. Die Weltzeituhr „Zürich“ gibt es mit weißem Zifferblatt ohne eigenes Swing-System und mit blauem Zifferblatt mit Swing-System – zum gleichen Preis.

Grosse Preisanstiege

Das aber ist die Ausnahme. Bei Tag Heuer, Breitling oder Omega kosten viele äußerlich kaum veränderte Modelle nun Tausende Euro mehr. Uhrenhändler berichten schon länger davon, dass sie ihren Kunden diese Preisanstiege kaum erklären können. Schließlich leistet ein Breitling-Werk nicht mehr als eines von ETA. „Muss man das Rad neu erfinden?“, fragt Händler von Hofen.

Einziger Ausweg des Verkäufers: Er preist den Manufakturstatus einer Marke, berichtet von seinem Besuch im Tal der Uhren, von komplizierten Handarbeiten. Schließlich bestätigen 90 Prozent der von ­Capital befragten Uhrenhändler: Kunden sind allgemein bereit, mehr für eine Uhr zu bezahlen, wenn es sich um ein Manufakturprodukt handelt.

Selbst Omega, das sich als Teil der Swatch Group eigentlich nicht sorgen muss, hat mit großem Aufwand eigene Werke entwickelt – und in der Folge die Preise empfindlich erhöht. Omega muss nun zeigen, dass es sich um keinen Selbstzweck handelt. Wer sich Manufaktur nennt, kann eben auch argumentieren: Wir setzen eigene Schwerpunkte, unsere Uhren ticken länger, gehen genauer, meistern neue Funktionen.

Omega-Markenchef Stephen Urquhart führt als Beispiel das antimagnetische Uhrwerk an, das die Firma perfektioniert habe. Induktionsherde und Mikrowellen können die Mechanik stören. „In Japan ist schon die Hälfte aller Uhren im Kundenservice davon betroffen“, sagt Urquhart. Ein echtes Bedürfnis also, keine Spielerei. Trotzdem räumt er ein: „Es ist nicht einfach für den Konsumenten, die Marken zu unterscheiden.“ (Hier geht es zum Interview mit Stephen Urquhart)

Carole Forestier-Kasapi, die Chef-Uhrmacherin von Cartier, ist ihrem Ziel schon ein ganzes Stück nähergekommen: In acht Jahren haben sie und ihr Team 29 Werke entwickelt, eine stolze Zahl. „Wir sehen langsam, dass wir Erfolg haben“, sagt sie. „Cartier wird als Uhrenmarke anerkannt.“ Mittlerweile sei jede zweite verkaufte Cartier-Uhr ein Männermodell.

Francisco, der Uhrmacher in Le Brassus, seit 40 Jahren in der Branche, wird den weiteren Kampf der Manufakturen kaum mitbekommen. Er wird Marathon laufen, mit Angelo Holz hacken, Uhren reparieren und in einigen Jahren in Rente gehen. In seinem Leben spiegelt sich wohl das ganze Auf und Ab der Branche. Als er Anfang der Siebziger in die Schweiz kam, verlor er nach der Ausbildung schon nach acht Monaten den Job. Die Krise. „Ich habe den falschen Beruf gewählt“, dachte er, kehrte nach Spanien zum Militärdienst zurück, doch kam 1980 erneut in die Schweiz und fing bei Audemars an, für 1800 Franken Monatslohn. Die Uhren wurden sein Leben.

Und nun hat er das kleine Reich mit Blick auf das Tal, die Ruhe, viele Stunden an einer alten Uhr zu sitzen.

Was ist das Geheimnis der Manufaktur? „Wir leben in einer virtuellen Ära“, sagt Francisco. „Aber diese alte Technik, die im Mittelalter erfunden wurde, lässt uns träumen. Das ist wie eine Zeitreise.“

Den Uhrenkompass - das Markenranking von Capital finden Sie hier

„Die Zeitmaschinen“ sind zuerst in Capital 12/2014 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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