Sanktionen Zu toxisch: Renault schreibt in Russland 2,2 Mrd. Euro ab

Lada hatte keinen guten Ruf. Renault beteiligte sich trotzdem an dem russischen Hersteller Awtowas
Lada hatte keinen guten Ruf. Renault beteiligte sich trotzdem an dem russischen Hersteller Awtowas
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Dem Autobauer Renault fällt der Rückzug aus Russland schwerer als anderen Herstellern. Zu wichtig ist der Markt für die Franzosen. Doch letztlich wurde der Druck zu groß, Renault schließt sich dem Massenexodus westlicher Unternehmen an

Vor 15 Jahren hatte Wladimir Putin ein Problem. Der Hersteller der beliebtesten Automarke der kommunistischen Ära Awtowas war die Zielscheibe von Witzen (Wie verdoppelt man den Wert eines Lada? Volltanken.) Das staatliche Unternehmen kämpfte mit der Konkurrenz ausländischer Autohersteller, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf den russischen Markt drängten.

Als der Kreml 2007 eine Beteiligung an Awtowas zum Verkauf anbot, standen die westlichen Hersteller trotz der Schwierigkeiten des Unternehmens Schlange. Renault setzte sich schließlich gegen Konkurrenten wie General Motors und Fiat durch. Putin glaubte, dass Superstar Carlos Ghosn die russische Identität des Unternehmens genauso respektieren würde, wie er es bei den großen französischen und japanischen Marken der weltweit größten Automobilallianz vorgemacht hatte.

Die Übernahme von Lada erwies sich als Pyrrhussieg. Renault gab am Mittwoch bekannt, dass es den Wert seiner Aktiva in Russland in Höhe von 2,2 Mrd. Euro (2,4 Mrd. Dollar) abschreiben wird, was etwa einem Drittel seiner Marktkapitalisierung entspricht. Das Unternehmen prüft auch Möglichkeiten für seine Zweidrittel-Beteiligung an Awtowas, einem Unternehmen mit immerhin 45.000 Mitarbeitern.

Wochenlang zögerte Renault, sich dem Massenexodus von Unternehmen aus Russland anzuschließen. Die Schließung von Werken und der Stopp des Geschäfts wäre für den Autobauer viel teurer gewesen als für seine Konkurrenten. Renault verkaufte im vergangenen Jahr mehr als 480.000 Fahrzeuge in Russland und damit mehr als doppelt so viele wie in jedem anderen Land – mit Ausnahme Frankreichs.

Renault verkaufte mehr als 480.000 Fahrzeuge 2021 in Russland
Renault verkaufte mehr als 480.000 Fahrzeuge 2021 in Russland
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In Ermangelung anderer Optionen versuchte Renault, einen gewissen Status quo aufrechtzuerhalten. Einige Tage nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine stellte das Unternehmen sein Montagewerk in der Nähe von Moskau aufgrund von Liefer- und Logistikproblemen vorübergehend ein. Awtowas litt unter den gleichen Problemen, doch beide Unternehmen nannten Termine für die Wiederaufnahme der Produktion.

Als Renault das Werk in Moskau diese Woche wieder eröffnete, gab es heftige Reaktionen. Ein britischer Abgeordneter rief zum Boykott des Unternehmens auf, und auch der Außenminister der Ukraine schloss sich diesem Appell wenig später an. Innerhalb weniger Stunden lenkte das Unternehmen ein und stellte die Produktion im Moskauer Werk wieder ein.

Renault stand schon vor dem Einmarsch der Russen auf wackligen Beinen. Ghosns unerwartetes Rauswurf bei Nissan Ende 2018 destabilisierte die Allianz der beiden Unternehmen fast bis zum völligen Bruch.

Der Sanierungsplan von CEO Luca de Meo sah vor, dass der Autobauer noch jahrelang magere Gewinnmargen erwirtschaften würde. Fitch Ratings warnte, dass diese zaghafte Genesung fehlschlagen könnte. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens ist inzwischen unter den Wert seiner Beteiligung an Nissan gefallen.

Renaults Marktkapitalisierung liegt unter dem Wert seiner Beteiligung an Nissan
Renaults Marktkapitalisierung liegt unter dem Wert seiner Beteiligung an Nissan
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De Meo äußerte sich öffentlich nicht zu den Überlegungen des Renault-Managements, was das Russland-Geschäft anbelangt. Wenn die Beendigung der jahrzehntelangen Investitionen ausländischer Unternehmen in Russland von Dauer ist, könnte dies Awtowas Auftrieb geben - Lada hatte früher einen Marktanteil von fast 80 Prozent. Vorerst jedoch werden die Sanktionen die Wirtschaft erheblich beeinträchtigen, und der Standort hat sich als zu toxisch erwiesen.

De Meos Amtskollege bei Renaults größtem Konkurrenten, Stellantis-CEO Carlos Tavares, ist einer der wenigen westlichen Bosse, die versucht haben, die Weiterführung der Produktion zu rechtfertigen. Er sagte Anfang des Monats, ein Rückzug aus Russland würde den Arbeitern schaden, nicht Putin. „Ich glaube nicht, dass wir Ankündigungen machen müssen, ob wir uns zurückziehen oder nicht“, sagte Tavares gegenüber Reportern. „Wichtig ist, dass wir uns um die Menschen kümmern.“

Wenn man bedenkt, wie schnell Renault durch den Druck, der auf das Unternehmen ausgeübt wurde, zum Rückzug gezwungen wurde, wird die Transporterfabrik von Stellantis in der Nähe von Moskau möglicherweise nicht mehr lange in Betrieb sein.

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©2022 Bloomberg L.P.


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