ReportageZeitenwende bei VW

Ferdinand Piech und Martin Winterkorn
Erfolgsduo entzweit: Der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piech (l.) hat Konzernchef Martin Winterkorn zuletzt scharf kritisiert (Foto: Tim Wegner/Laif)

Martin Winterkorn zieht einen Schweif nach sich. Der Volkswagen-Chef hat das Innere des Designzentrums in Wolfsburg betreten. Im Unternehmen nennen sie das Gebäude „Walhalla“. Auf im Teppichboden eingelassenen Drehscheiben stehen neue Modelle, die mit grauen Tüchern verhüllt sind. Hinter Winterkorn bildet sich ein Gefolge: Designer, PR-Mitarbeiter, Journalisten und lächelnde Frauen in Business-Kostümen. Sie alle haben sich wie Eisenspäne am Magneten ausgerichtet, bewegen sich, wenn er sich bewegt, bleiben stehen, wenn er dies tut. Winterkorn ist keiner von diesen Managern, die plötzlich lächelnd im Zimmer stehen und Guten Tag sagen. Winterkorn erscheint, tritt auf, verändert sofort die Dynamik.

Der Mann, der seit acht Jahren Europas größten Autohersteller leitet, soll an diesem Winterabend erklären, warum sein Unternehmen sparen muss – und warum das kein Zeichen von Schwäche sein soll.

Aber zuerst einmal will der VW-Chef das tun, was er am liebsten tut. Er sagt, ohne sich umzusehen, zu dem Schweif hinter sich: „Schauen wir erst mal die Autos an.“ Das liebt er, da fühlt er sich wohl, seit Jahren hinterfragt er in Wolfsburg auch Feinheiten bei seinen Designern und Produktplanern, und sei es die Gummidichtung an einem Seitenfenster.

VW Belegschaft Fahrzeugabsatz

Nacheinander werden die Tücher von den Modellen gezogen, mit denen der Konzern demnächst über die Welt rollen und sein Versprechen erfüllen will, bald der größte, effizienteste, sozialste und ökologischste Autokonzern der Erde zu sein. Groß sein, die Nummer eins sein, nicht nur Europas größter Autohersteller, sondern der größte der Welt – das war es, was in den vergangenen Jahren zum Leitmotiv bei Volkswagen geworden ist.

Nun aber kommt einer, von dem ganz andere Töne zu hören sind. Einer, der äußerst skeptisch ist, wenn es heißt, dass gigantische Volumina Erfolg bringen. Einer, der Sätze sagt, die in Wolfsburg wie Häresie klingen müssen: „Größenvorteile im Automobilbau werden weit überschätzt.“

Der Mann heißt Herbert Diess, war bisher Entwicklungschef von BMW und soll ab Juli dieses Jahres das Hauptproblem des VW-Konzerns lösen: Die Kernmarke muss wieder in die Spur kommen. Deren Autos von Golf bis Passat finden zwar viele Kunden, werfen aber nur noch relativ wenig Gewinn ab. Eine „herausragende Persönlichkeit“ sei Diess, schwärmte Winterkorn über seinen neuen Mann prompt. „Einer der fähigsten Köpfe der Automobilbranche.“ Aber es ist auch klar, dass die Personalie einer Richtungsentscheidung gleichkommt.

Bisher hat Winterkorn die Kernmarke in Personalunion mitgeführt. Nun kommt ein Manager auf diese Schlüsselposition, der ganz anders funktioniert als der Konzernchef. Diess kann als unerbittlicher Sparkommissar auftreten, wenn es nötig ist, er denkt mehr in Prozessen als in Produkten, und er lehnt das Streben nach Größe der Autobranche ab. In mancher Hinsicht ist er also ein Gegenmodell zu Winterkorn.