KolumneEuropas Anomalie

Langsam lässt Europa die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise hinter sich
Langsam lässt Europa die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise hinter sich
© dpa

Die Konjunktur im Euro-Raum hat sich seit 2013 merklich erholt. Für 2017 und 2018 wird nach unserer Einschätzung die reale Wirtschaftsleistung vermutlich um gut zwei Prozent zulegen können. Damit ist Europa langsam aber sicher auf dem Weg, die Lücke zum Trend vor der Finanz- und Euro-Krise zu schließen, auch wenn sie nach wie vor groß ist. Was allerdings immer noch vollkommen fehlt sind Preis- und Lohndruck.

Grundsätzlich steht Europa mit diesem Phänomen nicht alleine da. In den USA oder in Japan sieht es ähnlich aus. Auf dem europäischen Festland ist es aber besonders ausgeprägt. Normalerweise, d.h. unter den Bedingungen vor den beiden Krisen, hätte ab 2015 zumindest ein gradueller Aufwärtstrend bei Preisen und Löhnen einsetzen müssen. Er ist aber bislang vollständig ausgeblieben. Das unterscheidet den Euro-Raum deutlich von anderen Wirtschaftsräumen, wo traditionelle Zusammenhänge zwischen Konjunktur und Inflation zwar weniger ausgeprägt, aber zumindest noch ansatzweise vorhanden sind.

Exemplarisch haben wir uns dazu die Situation in Spanien näher angeschaut. Unter anderem, weil hier die Erfahrungen aus mehreren Ereignissen zusammenfließen. Eine hausgemachte Immobilienkrise, die internationale Finanzkrise (beide 2007/08), die Euro-Krise (2010 bis 2012) und zwei tiefgreifende Arbeitsmarktreformen durch eine Lockerung des Kündigungsschutzes (2011) und eine Neugestaltung der Lohnfindung (2013) mit einem Vorrang von Vereinbarungen auf Betriebsebene gegenüber Branchenabschlüssen sowie einer Begrenzung der Nachwirkung von Tarifabschlüssen auf ein Jahr.

Geldpolitische Herausforderung

Eine statistische Analyse der Lohn- und Preissetzung zeigt hier deutliche Änderungen. Auf der Lohnsetzungsseite im Jahr 2010 sowie dann auch im Zuge der beiden Arbeitsmarktreformen 2011 und 2013. Auf der Preissetzungsseite in den Jahren 2010 und 2012.

Insbesondere auf der Seite der Lohnfindungsfunktion zeigen sich für einen gegebenen gesamtwirtschaftlichen Datenkranz nunmehr ein generell abgesenktes Niveau an Lohnsteigerungen und eine kaum noch vorhandene Reaktion auf das Inflationsniveau. Ebenso reagiert die Lohnentwicklung kaum noch auf Änderungen in der Arbeitslosenquote, d.h. der Zusammenhang zwischen beiden ist deutlich flacher geworden, wie in anderen Ländern auch. Umgekehrt wirkt die Preissetzung der Unternehmen heute sensibler auf die Arbeitslosigkeit, allerdings weniger sensibel auf die Lohnentwicklung als vor Krisen und Arbeitsmarktreformen.

Lohn-Preis-Spiralen infolge einer konjunkturellen Überhitzung sind in Spanien also deutlich weniger wahrscheinlich geworden als noch vor 2008. Damit reduziert sich auch deutlich die Gefahr, dass sich der Weg in die Euro-Krise wiederholt und Spanien im Zuge heimischer Inflationsentwicklungen gegenüber dem restlichen Euro-Raum ständig an Wettbewerbsfähigkeit verliert, was sich erst in steigenden Leistungsbilanzdefiziten zeigt und dann im Zuge von Kapitalflucht in einer Kreditklemme und einer tiefen Rezession entlädt.

Umgekehrt wird dies für die Geldpolitik aber zur Herausforderung. Denn es ist keinesfalls gesichert, dass sich die Wirtschaft auf einem Niveau einpendelt, das mit dem Inflationsziel der EZB von „unter, aber nahe zwei Prozent“ vereinbar ist. Eher besteht das Risiko, dass sich die Preissteigerungen in Spanien auf einem Niveau einpendeln, das deutlich darunter liegt.


David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe. Weitere Kolumnen: Der Brexit und das Chlorhühnchen, Die EZB hat ein Kommunikationsproblem und Trump ohne Plan


Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: