MittelstandWie Valora den deutschen Snack-Markt umkrempelt

Ditsch-Kiosk an einer S-Bahnstation in Berlin
Ditsch-Kiosk an einer S-Bahnstation in BerlinNoë Flum

Dass es in diesem Digitallabor um Laugenbrezeln geht, käme einem nicht gleich in den Sinn: Sitzsäcke, unbenutzt in der Ecke, ein paar junge Typen, gebeugt über Rechner, an der Wand Klebezettel, die ein Herz formen. Es ist Michael Müllers Spielwiese, ein Büro mitten in Zürich: „Wir entwickeln hier Ideen, was wir unseren Kunden außer Kaffee, Brezeln, Zeitschriften noch verkaufen können“, sagt der 45-Jährige. Müller ist CEO des Schweizer Brezelback- und Kioskkonzerns Valora, eines Riesen im Kleinformat: Das Snackimperium erstreckt sich über 2800 Kioske, Tabak- und Zeitschriftenläden, Brezelfilialen sowie Selbstbedienungsbäckereien – und bedient damit den „Außer-Haus-Markt“, der für die deutsche Ernährungsindustrie mittlerweile der zweitwichtigste Absatzkanal ist.

Laut Marktforschern versorgten sich 2016 über eine Milliarde Menschen mit Snacks und kleinen Mitnehmmahlzeiten beim Bäcker. Bäckereien verzeichnen mehr Besuche als die fünf größten Systemgastronomie- und Burgerketten zusammen. Kein anderer Markt wächst seit drei Jahrzehnten so stabil. Rund 75,8 Mrd. Euro gaben die Deutschen 2016 hier aus, Tendenz weiter steigend.

Deutschlands größte Snackanbieter

Und diesen Markt hat Valora vor Kurzem noch einmal gehörig auf den Kopf gestellt. Im Herbst kauften die Schweizer Deutschlands erfolgreichste Bäckereikette Backwerk für rund 190 Mio. Euro: 343 Filialen, 70 Millionen Kunden, über 200 Mio. Umsatz im Jahr. Der Coup machte die Valora AG, zu der bereits die Bäckereikette Ditsch gehörte, auf einen Schlag zu Deutschlands größtem Back- und Snackanbieter. Die Frage, die Valora darum in ihrem Digitallabor umtreibt, ist altbekannt: Wenn man nun ganz oben ist – wie bleibt man dort?

Valora setzt nicht nur auf internationale Expansion – sondern auch auf innovative Technik. An ihren Kiosken bietet Valora bereits Geldtransfers und Kartengeschäfte an, passend dazu experimentiert sie mit Onlinekrediten. Geld wirft das bisher nicht ab, aber Müller schwärmt von seinen „digitalen Initiativen“. Am Züricher Zentralbahnhof hat Valora Bewegungsdaten ihrer Kunden ausgewertet, um ihre Läden zu optimieren. Das gab zwar mächtig Aufregung, aber Müller beirrt das nicht. Er will keine Innovation verpassen, die Einkaufen bequemer und schneller macht: „Der stationäre Handel darf das Feld nicht den Internethändlern Amazon und Co. überlassen.“ Wer überleben wolle, müsse mit gleich langen Spießen kämpfen.

Supercooler Eigentümer

850 Kilometer weiter am Berliner Hauptbahnhof sitzt ein paar Tage später Karl Brauckmann im Café Einstein, rührt in seinem Espresso und kostet Lemon Cake. Kaffeetrinken und Snacken, erklärt er bestens gelaunt, mache er aus professioneller Neugier. Brauckmann, 52 Jahre, Jeansträger, Typ großer Junge, ist Geschäftsführer von Backwerk. Da muss er wissen, was die Konkurrenz serviert.

Valora als neuer Eigentümer sei ein Glücksfall, sagt er: ein strategischer Investor, der was vom Geschäft versteht. „Supercool“ findet das Brauckmann, der in Berlin neue Standorte prüft. Befürchtet hatte er eine Heuschrecke. Denn die Backwerk-Gründer hatten die Mehrheit 2014 an die schwedische Private-Equity-Gesellschaft EQT verkauft. Und Finanzinvestoren versteigern ihre Anteile am liebsten nach einigen Jahren meistbietend.